Das Brot des Lebens

Predigt über Johannes 6,47‑51 zum Sonntag Lätare

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Stellt euch vor, ihr schlagt die Tages­zeitung auf und findet darin folgende Anzeige: „Bei uns bekommen Sie das Vivalonga-Biobrot. Garantiert ohne gesundheits­schädliche Zusätze! Dieses Brot enthält eine ausgewählte Mischung bio­logischer Stoffe, die nachweis­lich Ihre Lebens­erwartung erhöhen. Und vergleichen Sie den Preis: Das Vivalonga-Biobrot kostet nur die Hälfte eines normalen Bäcker­brots.“ Was würdet ihr zu so einer Anzeige sagen? Würdet ihr sagen: Nichts wie hin, dieses Brot muss ich haben? Oder würdet ihr sagen: Das ist sicher wieder nur so ein Werbetrick; alles Schwindel? Oder würdet ihr sagen: Ein solches Brot kann es ja gar nicht geben?

Aber ob ihr es für möglich haltet oder nicht: Dieses Brot gibt es wirklich. Dieses Brot heißt Jesus Christus. Jesus sagte: „Ich bin das Brot des Lebens.“ Das Lebensbrot Jesus Christus ist sogar viel besser als das Brot aus der Anzeige. Dieses Lebensbrot erhöht nicht nur die Lebens­erwartung um einige Jahre, sondern es Brot verleiht ewiges Leben. Jesus sagte: „Wer davon isst, stirbt nicht“, und: „Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit.“ Die Betonung liegt dabei nicht nur auf Ewigkeit, sondern auch auf Leben: Wer von dem Lebensbrot Jesus Christus isst, der hat ein Leben, das diesen Namen überhaupt erst verdient; er lebt in Gemein­schaft mit dem lebendigen Gott, hat inneren Frieden und findet den Sinn seines Lebens – und das, wie gesagt, in Ewigkeit; der leibliche Tod kann das nicht kaputt machen. „Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit.“ Das ist nicht irgendein Werbe­spruch, sondern Jesus garantiert jedem Lebensbrot-Esser das ewige Leben; er gibt seine göttliche Super-Doppel­garantie: „Amen, amen“, sagte er, zu deutsch: „wahrlich, wahrlich“, oder anders übersetzt: „Garan­tiert, garantiert, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben.“ In diesem Satz steckt noch etwas anderes Sensatio­nelles drin: Dieses Brot ist nicht un­erschwing­lich; es kostet nicht einmal so viel wie ein Bäckerbrot, es kostet auch nicht halb so viel, es kostet null Komma nichts! Gott verschenkt dieses Lebensbrot – jeder, der an Jesus glaubt, kann es haben und essen. Man braucht nichts dafür zu bezahlen, man braucht es sich nicht zu verdienen.

Wahrlich, wahrlich: Wer von diesem Brot isst, also wer an Jesus glaubt, der hat Leben in Ewigkeit. Das ist Gottes großartiges Angebot seit zweitausend Jahren. Dieses Brot gibt es seit zweitausend Jahren exklusiv nur bei einer einzigen Firma, und diese Firma heißt Kirche. Wenn die Kirche Kirche Jesu Christi sein und bleiben will, dann muss sie nichts anderes tun als dieses Brot allen Menschen anzubieten. „Wer glaubt, der hat das ewige Leben“ – so einfach ist die Botschaft der Kirche, und alles andere, was da noch gesagt und getan wird, sind nähere Aus­führungen zu diesem Satz. Es gibt kein Brot, das dem Lebensbrot Jesus Christus vergleich­bar wäre und das man gleich­rangig neben diesem Brot anbieten müsste. Das tägliche Brot hat zwar auch seine Bedeutung, aber nur für die begrenzte Zeit, die wir auf dieser Erde leben. Es ist eben tägliches Brot, nicht ewiges Brot. Darum lehrte Jesus auch beten: „Unser tägliches Brot gib uns heute“, eben für den gegen­wärtigen Tag, wo Gott uns noch irdisches Leben schenkt. Wenn er uns morgen zu sich in sein ewiges Reich nehmen sollte, dann hat das tägliche Brot keine Bedeutung mehr. Das tägliche Brot sollte Adam im Schweiße seines Angesichts essen, bis er wieder zur Erde wird, also bis er stirbt, so hat Gott es nach dem Sündenfall verordnet; aber das Lebensbrot Jesus Christus bleibt in Ewigkeit. Ja selbst das Manna, mit dem Gott die Israeliten vierzig Jahre lang in der Wüste speiste, war vergäng­liches Brot, und die es gegessen haben, mussten dann doch sterben. Jesus allein ist das Brot des ewigen Lebens, ganz exklusiv. „In keinem anderen ist das Heil, ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin wir sollen selig werden“ (Apostel­gesch. 4,12).

Wie geht das aber zu, dass Jesus das Lebensbrot ist? Wie kann ein Mensch zugleich Brot sein? Wie kann Gottes Sohn Brot sein? Jesus sagte dazu: „Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist.“ Er redete von sich. Wie Gott einst in der Wüste das Manna vom Himmel regnen ließ, so ließ er auch seinen Sohn sozusagen vom Himmel regnen. Er ließ ihn einen mensch­lichen Leib annehmen und geboren werden durch die Jungfrau Maria. Er ließ ihn auf der Erde unter anderen Menschen leben mit aller Natürlich­keit, die zum mensch­lichen Leib gehört: mit Essen und Trinken, Wachsein und Schlafen, Weinen und Lachen, Schmerz-Empfinden und sich Wohlfühlen, Wachsen und Älterwerden. In der Sprache der Bibel heißt das: Gottes Sohn wurde Fleisch; er nahm unser mensch­liches Fleisch an. Ins Fleisch gekommen, war Jesus total gehorsam gegenüber Gott, wie wir anderen Menschen das nie fertig­bringen. Jesus lebte frei von Sünde. So war er frei, an seinem Fleisch die Strafe zu tragen für die Sünde anderer. Er nahm die Strafe auf sich, die wir anderen Menschen mit unserer Schuld verdient haben: den Tod. Darum sagte Jesus von sich: „Dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.“ Brot wird aus Getreide her­gestellt, aus Weizen zum Beispiel, und darum verglich Jesus sich bei anderer Gelegenheit mit einem Weizenkorn, wie wir es heute im Tages­evangelium gehört haben. Er sagte über seinen Tod: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, so bleibt es allein, wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht“ (Joh. 12,24). Und was ist die Frucht des Weizen­korns? Viele neue Weizen­körner, und damit Brot für immer! Ja, nur weil Jesus an seinem Fleisch den bitteren Tod auf sich genommen hat, konnte er das Lebensbrot werden – das Lebensbrot, von dem seit dieser Zeit unzählige Menschen gegessen haben, von dem wir heute essen und von dem die Christen auch in Zukunft essen werden.

Wenn Jesus das alles seinen Jüngern und dem Volk gesagt hat und wenn ich jetzt über Christus als das Lebensbrot predige, dann geschieht das zu einem einzigen Zweck: Jesus ruft euch zu – auch heute durch mich – : Kommt, esst von diesem Brot! Nehmt umsonst, langt kräftig zu! Esst von diesem Brot und empfangt dadurch das ewige Leben! Ihr fragt: Wie kann man denn dieses Brot essen? Jesus hat es auch ohne Bild gesagt: „Wer glaubt, der hat das ewige Leben.“ Vom Lebensbrot essen heißt glauben.

Nun ist das Wort „glauben“ durch den häufigen kirchlichen Gebrauch allerdings etwas farblos geworden und wird häufig miss­verstanden. Was heißt glauben denn wirklich? Der Begriff ist so tief und inhalts­schwer, dass es mit einer kurzen Definition nicht getan ist. Ich möchte zunächst einmal sagen, was glauben nicht heißt. Glauben im christ­lichen Sinn bedeutet nicht einfach nur für wahr halten, dass es da irgendeine höhere Macht gibt, die uns Menschen wohl­gesonnen ist. Glauben heißt auch nicht das bloße Wissen über den dreieinigen Gott, wie es im Glaubens­bekenntnis zusammen­gefasst ist. Dieses Wissen hat auch der Teufel, schrieb der Apostel Jakobus, aber der Teufel wird dadurch nicht selig. Glauben ist auch nicht ein un­bestimmtes sentimen­tales Gefühl der Geborgen­heit in Gott. Nein, das alles ist Glaube nicht. Glauben heißt vielmehr, das Lebensbrot Jesus Christus essen. „Wer davon isst, wird nicht sterben“, sagte Jesus. Das Lebensbrot ist kein Schaubrot wie die Schaubrote im Tempel des Alten Testaments, die nur zum Angucken gebacken wurden. Wir sollen nicht nur etwas von Jesus hören und wissen, sondern wir sollen ihn für uns in Anspruch nehmen; wie gesagt essen. Wir sollen darauf vertrauen, dass er wirklich unser ganzes Leben heil macht, jetzt und für immer, und wir sollen uns deshalb keine Sorgen machen. Wir sollen darauf vertrauen, dass von ihm allein unser ewiges Leben abhängt, während uns alles andere nicht vom Tod retten kann. Wir sollen ihm darum den ersten Platz in unserem Leben einräumen. Wenn er uns einlädt, in seinem Namen den Vater zu bitten, dann sollen wir das nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern ein intensives Gebetsleben entfalten. Wenn er uns verspricht, dass auch schwere Zeiten uns zum Besten dienen und dass er uns Kraft geben will, das Kreuz zu tragen, dann sollen wir nicht verzagen und nicht ver­zweifeln, sondern getrost und fröhlich auch die schwere Zeit erdulden. Wenn er in seinen Gottes­dienst einlädt und an seinen Altar ruft, dann sollen wir mit Freude kommen, hören, glauben, nehmen, essen und trinken. Ja, im Abendmahl können wir ihn ja wirklich essen, da wird etwas erkennbar vom Brot des Lebens, da essen wir seinen Leib unter der Gestalt des Brotes und trinken sein Blut unter der Gestalt des Weines. Wenn auch Jesus in diesem Abschnitt des Johannes­evangeliums nicht speziell vom Abendmahl redet, so wird es doch nirgends deutlicher als im Abendmahl, was er mit dem Lebensbrot und dem Essen seines Fleisches meinte. Also: Nehmen wir nicht nur die Katechismus­weisheiten zur Kenntnis darüber, was das Abendmahl ist, und bleiben wir nicht auf der Zuschauer­bank sitzen, wenn es gefeiert wird, sondern kommen wir und essen! Lassen wir uns doch einladen zum kostenlosen Lebensbrot, das ewig leben lässt! Nehmen wir es oft und gern! Tun wir das, was wir hören! „Seid Täter des Worts und nicht Hörer allein, wodurch ihr euch selbst betrügt“, sagte der Apostel Jakobus (Jak. 1,22).

Ich frage mich manchmal: Wo ist der Hunger nach dem Lebensbrot? Wo ist der Hunger nach Gottes heiligem Wort und Abendmahl? Wo sind die Menschen, die nicht genug bekommen können von dieser Speise, die immer mehr lernen wollen aus der Heiligen Schrift und die Verlangen haben danach, dass ihr Glaube wächst? Haben wirklich alle Christen begriffen, dass es hier Brot gibt mit Garantie des ewigen Lebens? Wenn du es begriffen hast, dann ergreife es auch: Komm, höre, nimm, iss, glaube und lebe mit dem Brot des Lebens, lebe für immer! Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 1989.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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