Der Israelsonntag

Predigt über Römer 9,1-5 zum 10. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Jedes Jahr am 10. Sonntag nach Trinitatis begehen wir den Israel­sonntag. Was ist das aber – der Israel­sonntag? Schla­gen wir unser Gesang­buch auf Seite 271 auf! Da lesen wir: „Israel­sonntag: Kirche und Israel“. Aha, da geht es also um das Verhältnis zwischen Christen und Juden – mit viel ver­gangener Schuld belastet, mit viel Zukunfts­hoffnung be­frach­tet. Nun blättern wir weiter zu Seite 275. Da lesen wir für den­selben 10. Sonntag nach Trinitatis: „Israel­sonntag: Ge­denk­tag der Zerstörung Jerusalems“. Da geht es um den schlimmsten Krieg des ersten Jahr­hunderts – den so­genannten Jüdischen Krieg, der darin gipfelte, dass römische Legionen das alte Jerusalem und den prächtigen Tempel der Stadt für immer zer­störten und alle Juden vertrieben. Dieses Ereignis des Jahres 70 n. Chr., das Jesus voraus­gesagt hatte, ist noch heute im kollek­tiven Gedächtnis von Juden und Christen präsent. Wir sehen: Eigentlich hat der Israel­sonntag eine dop­pelte Bedeutung, und seit der Reform des Kirchen­jahrs von 2018 ist er darum auch im liturgischen Kalender doppelt vertreten.

Der Israel­sonntag hat also erstens die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 zum Anlass, zweitens das Verhältnis von Christen zu – ja zu wem eigentlich? Zu Juden? Zur jü­dischen Religion? Zum Volk Israel? Zum Staat Israel? Oder zu noch etwas anderem? Da stoßen wir auf eine weitere Mehr­deutigkeit. Erstens und ur­sprüng­lich bezeichnet „Israel“ die leib­liche Nach­kommen­schaft des Stamm­vaters Jakob, des Enkels Abrahams. Zwei­tens nennt man die Nach­kommen des Stammes Juda „Juden“ – dieser Stamm dominierte das Südreich Juda mit der Haupt­stadt Jerusalem; dieser Teil des Landes wurde nach König Salomos Tod und der Ab­spaltung des Nord­reichs Israel ein eigen­ständiger Staat. Drittens nennt man die Menschen, die sich heute bewusst als Teil dieser Nach­kommen­schaft verstehen, Juden. Aber nicht alle von ihnen glauben an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Die­jenigen, die es tun, sind viertens auch hin­sicht­lich ihrer Religion Juden – wobei es da noch ver­schiedene Unter­gliede­rungen gibt: liberale Juden, ortho­doxe Juden, ultra-ortho­doxe Juden und messiansiche Juden; letztere erkennen Jesus Christus als ihren Messias an. Fünftens nennt sich der mo­derne souveräne Staat im Nahen Osten Israel, obgleich die Mehrzahl der gebürtigen Juden in anderen Ländern wohnt. Sechstens schließlich wird die Regierung dieses Staates abgekürzt als „Israel“ bezeichnet – und derzeit von vielen für ihre Politik kritisiert. Eine Predigt ist nun aller­dings nicht der Ort, sich inhalt­lich mit dieser Kritik ausein­ander­zusetzen, aber wir sollten bedenken, dass Kritik an Israels Regierung nicht dasselbe ist wie eine grund­sätz­liche Kritik am jü­di­schen Volk, die als Anti­semitis­mus scharf zurück­gewiesen werden muss. Wir können und dürfen nicht vergessen, dass Jakobs Nach­kommen im so­genannten christ­lichen Abend­land viele Jahrhunderte dis­krimi­niert und verfolgt wurden und dass dieser Anti­semitis­mus im letzten Jahr­hundert einen schreck­lichen Höhepunkt erlebt hat.

Das alles könnte uns ratlos machen. Wie sollen wir denn nun den Israel­sonntag begehen – mit zwei ver­schiede­nen An­lässen und sechs ver­schiede­nen Be­deutun­gen von „Israel“? Da hilft uns Gottes Wort weiter, be­sonders der Römer­brief, und be­sonders auch der heutige Predigt­text aus dem neunten Kapitel. Getrieben vom Heiligen Geist schreibt da der Jude Saulus alias Paulus über seine Brüder, seine „Stamm­verwand­ten nach dem Fleisch“, die Israeliten. Er nennt voller Dank­barkeit die herrlichen Gaben, die Gott Israel anvertraut hat. Die Israeliten stammen von den Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob ab, denen Gott mit heiligem Eid seinen ewigen Segen zu­gesichert hat. Gott hat Israel auch weitere Bünde ge­stiftet als heilige Testa­mente – den Gesetzes­bund am Sinai, die Bundes­erneuerung beim Einzug in das verheißene Land Kanaan und vieles mehr. Gott hat Israel mit de­taillier­ten Gottesdienst­ordnungen beschenkt für den Opfer­dienst, die Stifts­hütte und den Tempel. Schließ­lich hat Gott durch seine Pro­pheten auch den Messias verheißen, den Erlöser, der den neuen Bund bringt, den Bund von Gottes vergebender Gnade. Auf diese Weise hat Gott über viele Jahr­hunderte hin­weg das Kommen seines ein­gebore­nen Sohnes vorbereitet. Jesus Christus, Israels Messias, war seiner mensch­lichen Na­tur nach ebenfalls ein „Stamm­verwand­ter nach dem Fleisch“ des Apostels Paulus, also ein leiblicher Jude. Wenn wir uns das klar­machen, werden wir wie Paulus voller Dank Gott loben für sein Eigentums­volk des alten Bundes. Gott hat durch Israel ja auch für uns den neuen Bund vorbereitet. Er hat aus Israel auch unsern Heiland kommen lassen. Er redet durch die Pro­pheten Israels auch heute noch zu uns. Das Alte Testament ist ein un­verzicht­barer Bestand­teil unserer Bibel, auf den das Neue aufbaut wie der zweite Teil ein und derselben Geschichte. Ja, Gott sei Lob, Preis, Dank und Ehre für das Volk Israel! Es ist gut und richtig, dass wir we­nigstens einmal im Jahr am Israel­sonntag diesen Dank ganz bewusst vor unsern himm­lischen Vater bringen.

Aber dann schreibt Paulus ja auch noch von einem großen Kummer, den er im Hinblick auf das Volk Israel hat. Feier­lich bezeugt er, dass er „große Traurig­keit und Schmerzen ohne Unterlass“ in seinem Herzen hat hin­sicht­lich seiner „Stamm­verwand­ten nach dem Fleisch“. Der Grund: Er weiß, dass viele Juden Jesus als Messias ablehnen. Sie glauben nicht, dass Jesus von Nazareth der­jenige ist, mit dem der all­mächti­ge Herr all seine Ver­heißun­gen an sie Wirklichkeit werden lässt. Sie er­kennen nicht, dass Jesus der einzige Weg ist, auf dem Sünder Zugang zum himm­lischen Vater haben. Sie wollen nicht hören, dass in keinem andern das Heil ist, ihnen kein anderer Name als Jesu Name gegeben ist, durch den sie selig werden sollen. Im Gegen­teil: Die Führungs­personen des jü­dischen Volkes ver­achten Jesus als einen Gottes­lästerer und be­kämpfen alle, die sich zu ihm be­kennen. Auch Paulus selbst gehörte einst zu diesen jü­dischen Jesus-Fein­den – bis eines Tages Jesus in sein Leben trat und alles ver­änderte. Ja, Paulus ist zu­tiefst traurig darüber, dass so viele seiner Brüder immer noch nicht erkannt haben, was zu ihrem Heil dient, und sich damit selbst den Weg zum Himmel ver­stellen. So groß ist sein Schmerz, dass er sich zu dem Ausruf hin­reißen lässt: „Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein“ – wenn er denn damit die an­deren Juden retten könnte. Aber er weiß natürlich, dass das nicht geht. Er kennt dafür viel zu gut die Heilige Schrift, auch den 49. Psalm, in dem es heißt: „Kann doch keiner einen an­dern aus­lösen oder für ihn an Gott ein Sühne­geld geben – denn es kostet zu viel, ihr Leben aus­zulösen; er muss davon abstehen ewiglich…“ Nein, kein von Gott ge­schaffe­ner und in Sünde ge­falle­ner Mensch kann das. Nur ein ein­ziger konn­te es und hat es wirklich getan: Der Heiland Jesus Christus. Er hat sein eigenes Leben als Sühne­geld an den himm­lischen Vater gezahlt, um alle Men­schen zu erlösen. Um so trau­riger ist es, wenn Menschen dieses unfassbar große Geschenk zurück­weisen.

Wir, liebe Brüder und Schwes­tern, können diese Traurig­keit nach­empfin­den. Wie anders sähe es in der Welt aus, wenn alle Juden sich zum Friede­fürst Jesus Christus be­kennen würden, und alle Nicht­juden ebenfalls! Wenn sie alle aus der Kraft der Ver­gebung lebten, die Gott ihnen in Jesus anbietet! Wenn sie allen Mit­menschen mit derselben Liebe be­gegne­ten, die Gott uns ver­lorenen Sündern erwiesen hat! Denn dass der Jerusalemer Tempel und damit der alt­testament­liche Gottesdienst im Jahre 70 end­gültig unterging, bedeutet ja nicht, dass Gott sein Volk end­gültig ver­stoßen hat. Er hat da­mit nur deut­lich gemacht, wohin es führt, sich gegen Gott auf­zulehnen, – ihnen, den Juden, und ebenso auch uns, den Nicht­juden. Denn was das Sünder­sein und die Heils­bedürftig­keit angeht, besteht kein Unter­schied zwi­schen den Nach­kommen Israels und uns. „Es ist hier kein Unter­schied“, schreibt Paulus einige Kapitel früher im Hinblick auf Juden und Heiden. „Es ist hier kein Unter­schied: Sie sind allesamt Sünder und er­mangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sol­len, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus ge­schehen ist“ (Römer 3,23-24). Juden, also leib­liche Nach­kommen des Stamm­vaters Israel, sind weder bessere noch schlechtere Men­schen als wir, und für alle gibt es nur den einen Weg zum Heil: Jesus Christus, den Messias der Juden, den Heiland der Welt. So kann es denn ge­schehen, dass wir nicht nur wie Paulus über die Ver­loren­heit un­gläubi­ger Juden traurig sind, sondern ebenso über die Ver­loren­heit un­gläubi­ger Men­schen aus anderen Völkern, auch aus unserem eige­nen Volk. Es wendet sich derzeit in großen Scharen gleich­gültig vom Evan­gelium ab, so als hätte es bei uns nie einen Martin Lu­ther und eine Re­formation gegeben. Und natürlich sind wir wie Paulus auch be­sonders traurig über alle un­gläubigen „Stamm­verwand­ten nach dem Fleisch“, über glaubens­lose Eltern, Geschwister, Kinder, Enkel­kinder und andere, die uns nahe­stehen. Ebenso­wenig wie Paulus können wir ihre Selig­keit durch unser eigenes Leben erkaufen. Aber eines können wir: Wir können den himmlischen Vater ohne Unterlass bitten, ihnen doch noch gnädig zu sein und sie auf den Weg des Heils zu führen. So hat Paulus gebetet, be­sonders für sein Volk der Juden; so tut es auch die Kirche aller Zeiten für den Teil Israels, der seinen Messias noch nicht er­kannt hat; so können wir es für alle tun, die uns am Herzen liegen.

Es gibt also zwei Auf­gaben für uns an diesem 10. Sonntag nach Trinitatis mit seinen zwei Anlässen: erstens Dank an Gott für Israel, dass er durch dieses Volk allen Menschen das Heil gebracht hat, und zweitens Für­bitte für den Teil Is­raels, der Christus noch nicht kennt, sowie für alle Christus-fernen Menschen. Was aber machen wir mit unseren sechs Be­deutun­gen von Israel? Wir rücken sie zugunsten einer siebenten etwas in den Hinter­grund. Das lehrt uns der Schluss des heutigen Predigttextes, wo es heißt: „Christus ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit.“ Ja, Jesus Christus ist unser Gott und König. Sein Reich ist zwar nicht von dieser Welt, aber sein Volk lebt in dieser Welt. Es ist die eine Herde aus Schafen Israels und Schafen anderer Völker. Es ist der eine Stamm­baum mit der starken Wurzel Israels, in den wir Hei­den ein­gefügt wurden. Es ist der eine Leib Christi aus Juden und Griechen, aus Dienern und Herren, aus Männern und Frauen. Es ist das eine Volk der wahren Abrahamskinder. Es ist die eine Christenheit, die wir Sonntag für Sonntag be­kennen. Ja, wir sind Israel, das Israel des neuen Bundes, gemeinsam mit Juden und Menschen aus allen anderen Völ­kern, die zu Jesus Christus gehören und unter seinem Königtum ewig leben. „Er ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen.“

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2026.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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