Christi Herrlichkeit sehen

Predigt über Johannes 1,43‑51 zum 2. Sonntag nach Weihnachten

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Auch wenn ein Mensch gesunde Augen hat, kann er nicht von Anfang an sehen. So müssen Babys erst sehen lernen: Sie müssen ver­schiedenen Formen und Farben unter­scheiden lernen, müssen wieder­erkennen lernen. Dasselbe gilt für das geistliche Sehen, die Erkenntnis des Glaubens: Auch wenn wir getauft sind und den Heiligen Geist empfangen haben, lernen wir das Sehen der Herrlich­keit Christi erst nach und nach. Wie das geht, macht der eben gehörte Bericht aus dem 1. Ka­pitel des Johannes­evangeliums deutlich.

Da begegnen uns zwei Männer ganz am Anfang ihres Weges in der Nachfolge Jesu – zwei geistliche „Babys“ sozusagen. Sie heißen Philippus und Nathanael. Beide haben eine große Sehnsucht nach Gott; beide warten auf den versprochenen Erlöser. Zuerst begegnet Jesus Philippus. Ohne große Umstände und ohne lange Vorrede fordert er ihn auf: „Folge mir nach!“ Da wird aus Philippus ein Jünger Jesu.

So ist das auch mit uns gewesen bei der Taufe. In der Taufe werden ja Jünger Jesu geboren. Es ist so, wie wenn Jesus einem jeden von uns bei der Taufe zugerufen hätte: „Folge mir nach!“ Und weil es ein Wort des Herrn ist, darum ist auch geschehen, was es sagt: Wir sind nun Jesu Nachfolger.

Der Evangelist Johannes informiert an dieser Stelle seines Berichts darüber, dass Philippus aus Betsaida stammt, ebenso wie das Brüderpaar Petrus und Andreas. Betsaida liegt östlich von der Mündung des Jordans in den See Genezaret. Einige von euch haben vielleicht gestutzt, als ich das eben vorlas, und haben sich gefragt: Waren Petrus und Andreas nicht Fischer in Kapernaum? Jawohl, das waren sie. Aber ur­sprünglich stammten sie aus Betsaida, einige Kilometer östlich von Kapernaum, und das war auch der Heimatort des späteren Apostels Philippus.

Der frisch gebackene Jesus-Jünger Philippus geht sogleich zu seinem Freund Nathanael und bringt ihm die gute Nachricht, dass Gottes lange ver­sprochener Erlöser nun endlich gekommen ist. Nathanael hat sich im Schatten eines Feigenbaums nieder­gelassen und tut wahr­scheinlich gerade das, was viele fromme Juden unter Schatten­bäumen zu tun pflegen: Er studiert in einer heiligen Schrift­rolle ein Stück des Alten Testaments. Philippus spricht Nathanael an und sagt ihm: „Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth.“ Wir merken: Einiges weiß Philippus schon von Jesus, anderes noch nicht. Er weiß, dass er aus Josefs Familie in Nazareth stammt, er weiß aber offenbar noch nicht, dass sein richtiger Vater im Himmel wohnt und dass er in Bethlehem geboren wurde. Das alles wird er später noch erkennen; dafür wird Jesus ihm nach und nach die Augen öffnen. Nathanael ist zunächst skeptisch und erwidert: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen!“ Nazaraeth hat keinen besonders guten Ruf und ist auch in den Schriften der Propheten nirgends erwähnt. Die Nachricht, dass Jesus aus Nazareth kommt, reißt den Nathanael ebensowenig vom Hocker, als wenn wir erführen, dass ein berühmter Deutscher aus Cottbus oder Castrop-Rauxel stammt. Aber Philippus lässt sich seine Be­geisterung nicht trüben, sondern packt ihn bei der Hand, zieht ihn hoch und sagt: „Komm und sieh es!“ Bilde dir dein eigenes Urteil, lass es nicht bei einem Vorurteil bewenden!

Ein guter Mann, der Philippus, richtig vorbild­lich! Er kann selbst noch gar nicht richtig geistlich sehen, aber schon weist er einem anderen den Weg. Er tut es ganz schlicht und einfältig: „Komm und sieh es!“ So können alle Christen zu ihrem Herrn einladen. Manche werden ja verlegen, wenn sie hören, dass auch sie die gute Nachricht von Jesus weitersagen sollen. Sie denken, dazu muss man Theologie studiert haben oder wenigstens viel Glaubens­erfahrung besitzen. Das stimmt aber nicht. Auch wer gerade erst angefangen hat sehen zu lernen, der kann anderen davon berichten, was er bereits erkennt. Und er kann in jedem Fall andere dazu einladen, dass sie selbst bei Jesus geistlich sehen lernen: „Komm und sieh es!“ Man braucht weder besonders klug noch besonders fromm zu sein, um seinen Freunden zu sagen: Ich bin ein Christ, und du kannst auch einer werden! Komm einfach in den Gottes­dienst und sieh! Komm und sprich mal mit unserem Pastor! Bilde dir dein eigenes Urteil, lass es nicht bei einem Vorurteil bewenden!

Philippus kehrt also nicht allein zu Jesus zurück, sondern er bringt Nathanael mit. Im nächsten Teil des Berichts fällt auf, dass da vom Sehen Jesu die Rede ist, nicht vom Sehen-Lernen des Philippus und des Nathanael. Johannes berichtet: „Jesus sah Nathanael kommen und sagt von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist. Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich.“

Da merken wir: Jesu Sehen geht unserem Sehen-Lernen voraus. Bevor ein Mensch zur Erkenntnis des Glaubens kommt, da hat Jesus ihn schon erkannt, da hat er schon sein Auge auf ihn geworfen und gedacht: Den möchte ich für mich gewinnen. Bevor wir in der Taufe zu Jesus gekommen sind, ist Jesus schon zu uns in die Welt gekommen, um uns zu erlösen. Bevor in der Taufe unser Sünden­schmutz abgewaschen worden ist, hat Jesus schon für unsere Sünden mit seinem Leben bezahlt. Bevor ein Mensch sich seines Glaubens bewusst wird und anfängt, ihn zu bekennen, hat Jesus schon den Heiligen Geist in sein Herz geschickt. Das Ent­scheidende beim Sehen-Lernen des Jüngers ist stets, dass Jesus zuerst uns ansieht, uns dann anspricht und wir unter seinem Wort Jünger werden. Es ist wichtig, dass wir uns das klar machen; wir könnten sonst überheblich werden und meinen, wir wären aus eigenem Entschluss Christen geworden, wir hätten durch eigene Erkenntnis zu Christus gefunden. Nein, von Natur aus sind wir geistlich blind, und wenn wir jetzt sehen können, dann nur deshalb, weil Jesus uns zuvor angesehen hat.

Aber nun erfahren wir, wie dem Nathanael die Augen aufgehen. Wir erleben, wie er eine tiefe geistliche Erkenntnis hat. Nathanael sagt zu Jesus: „Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel.“ Dass Jesus aus Josefs Familie stammt, ist jetzt nicht mehr wichtig; wichtig ist, dass er Gottes ein­geborener Sohn ist, wahrer Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Dass Jesus aus Nazareth kommt, ist jetzt auch nicht mehr wichtig; wichtig ist, dass er der ver­sprochene Erlöser­könig ist, der Davidssohn. Wer geistlich sehen gelernt hat, dem ist dies stets am größten und strahlend­sten vor Augen: Jesus ist Gottes Sohn, Jesus ist mein Herr und König, Jesus regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit! Alles andere ist dem unter­geordnet, alles andere wird nun im Licht der Herrlich­keit des Herrn angesehen.

Jesus freut sich über das Bekenntnis des Nathanael. Er freut sich überhaupt über seine beiden neuen Jünger. Aber er ist sich dabei bewusst, dass sie erst ganz am Anfang stehen. Geistlich sind sie noch Babys, darum können sie nicht klar sehen. Jesus weiß: Nathanael bekennt sich deshalb so begeistert zu ihm, weil er gerade ein Wunder erlebt hat; er war verblüfft, dass Jesus ihn unter dem Feigenbaum gesehen hat, obwohl er doch gar nicht da gewesen war. Solcher Glaube auf ein Wunder hin ist aber ein Anfänger-Glaube, weil er von der Erfahrung abhängt. Johannes berichtet ganz am Ende seines Evangeliums davon, wie Jesus nach der Auf­erstehung zu einem anderen Jünger sagte: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh. 20,29). Es klingt paradox, und doch ist es so: Richtig geistlich sehen kann ein Jünger Jesu erst dann, wenn er nicht mehr sehen muss, um zu glauben. Wenn er keine Wunder mehr braucht, wenn er keinen Erfolg und keine Bewahrung erleben muss, um sich zu Jesus zu halten. Wenn er auch unter Kreuz und Leid, unter scheinbarer Niederlage und scheinbarem Versagen das Dennoch des Glaubens sprechen kann: „Dennoch bleibe ich stets bei dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand“ (Psalm 73,23).

Ja, Philippus und Nathanael stehen erst ganz am Anfang der Nachfolge. Jesus verspricht ihnen, dass sie noch Größeres erleben werden. Ja, sie werden Zeugen vieler weiterer Wunder werden: Sie werden sehen, wie Jesus Wasser zu Wein mancht, Kranke heilt, Dämonen austreibt, Stürme stillt, auf dem Wasser geht, Tote auferweckt und schließlich selbst von den Toten aufersteht. Ganz zum Schluss aber, an der Schnitt­stelle zwischen Zeit und Ewigkeit, da werden sie Jesus schließlich unverhüllt in seiner ganzen Herrlich­keit sehen. Jesus verheißt ihnen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschen­sohn.“ „Menschen­sohn“ nennt Jesus sich hier und bestätigt damit, dass er wirklich der ver­sprochene Erlöser ist, denn als „Menschen­sohn“ haben Propheten ihn an­gekündigt.

Liebe Brüder und Schwestern in Christus, auch wir sind Jünger des Herrn seit unserer Taufe. Wir haben geistlich sehen gelernt, auch wenn unser Glaube unter­schiedlich stark und unter­schiedlich reif sein mag. Auch wir haben die Herrlich­keit des Herrn Jesus Christus in unserem Leben schon erlebt, haben über ihn gestaunt und uns über ihn gefreut. Aber egal wie gut wir schon geistlich sehen gelernt haben und wie weit wir auf dem Weg der Nachfolge fort­geschritten sind: Die letzte Verheißung Christi liegt für uns ebenso in der Zukunft, wie sie damals für Philippus und Nathanael in der Zukunft lag. Da aber ist das Ziel unseres Nach­folgens, da werden wir die Herrlich­keit unseres Herrn in voller Klarheit sehen. Auch uns hat er ver­sprochen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschen­sohn.“ Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2011.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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