Lebensglück und Lebenssinn

Predigt über Johannes 12,20-26 zum Sonntag Lätare

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Alle Menschen sind irgendwie auf der Suche. Viele sind auf der Suche nach Lebensglück. Sie wollen einfach nur glücklich sein, Freude haben, Schmerzen und Sorgen dagegen vermeiden. Andere sind auf der Suche nach Lebenssinn. Sie möchten, dass ihr Leben sinnvoll ist, dass sie etwas Sinnvolles tun können. Und sie möchten verstehen, was es mit ihrem Leben auf sich hat und mit der Welt, in der sie leben. Manche Menschen suchen auch nach beidem, sowohl nach Lebensglück als auch nach Lebenssinn.

Wahrscheinlich gehörten die griechischen Männer zu dieser Sorte, von denen unser heutiges Evangelium berichtet. Sie waren zum Passafest nach Jerusalem gekommen. Wie viele tausend andere Menschen hatten sie sich auf den Weg gemacht und waren zu dem hohen Fest in die heilige Stadt gepilgert. Schon ein paar Tage vor dem Fest herrschte dichtes Gedränge in den Straßen Jerusalems und vor allem im Tempel. Die Griechen, die sich in die heilige Stadt begeben hatten, durften freilich nicht direkt in die Tempelanlagen hineingehen. Sie galten bei den Juden als Heiden und mussten deswegen in dem Vorhof bleiben, der ihnen zugewiesen war. Dort hielten sie sich nun auf – ein wenig ratlos, und doch voller Hoffnung, dass der berühmte Gott Israels ihnen irgendwie bei der Suche nach Lebensglück und Lebenssinn behilflich sein würde. Sie waren hergekommen, um zu diesem Gott zu beten, von dem man sich überall wunderbare Dinge erzählte und der die ganze Welt geschaffen haben soll.

So kann man das ja noch heute sehen, im Berliner Dom zum Beispiel, oder in der Dresdner Frauenkirche: Da begeben sich wahre Völkerscharen von Neuheiden hin – nicht nur, um die imposanten Baulichkeiten zu bewundern, sondern auch weil sie Lebensglück und Lebenssinn suchen. Sie hoffen auf Besinnung, auf Einkehr, möglicherweise auf eine Begegnung mit Gott beim Beten.

Natürlich hatten die Griechen im Tempel mitbekommen, was in diesem Jahr vor dem Passafest Stadtgespräch in Jerusalem war: Jesus ist hier! Ja, der berühmte Rabbi, der große Wunderheiler, der Freund der Armen und Sünder, der Kritiker der Pharisäer und Schriftgelehrten! Er ist seit Sonntag in der Stadt, und er lehrt täglich im Tempel. Viele halten ihn für den Messias, den versprochenen Erlöser. Vielen hat er schon Lebensglück beschert und den Sinn ihres Lebens gezeigt; viele ziehen mit ihm, folgen ihm nach. So waren die Griechen neugierig geworden auf Jesus. Ja mehr noch: in ihrem Herzen flammte die Hoffnung auf, dass dieser Jesus auch ihnen Lebensglück und Lebenssinn bescheren könnte. Sie versuchten darum, ihn zu finden. Das war gar nicht so einfach – erstens wegen des Gedränges, und zweitens, weil sie ja nicht in den Hauptbereich des Tempels hineindurften. Aber wenn sie im Vorhof schon nicht Jesus selbst trafen, dann trafen sie da doch wenigstens einen, der Jesus persönlich kannte, ja, der sogar einer seiner Jünger war. Es war der Apostel Philippus. Ganz ehrerbietig traten sie mit ihrer Bitte an ihn heran: „Herr“, sagten sie zu ihm, „Herr, wir wollten Jesus gerne sehen!“

Eben diese Worte stehen über dem Eingang des lutherischen Pfarrhauses in Soltau: „Herr, wir wollten Jesum gerne sehen!“ Wer den Hintergrund dieses Bibelwortes kennt, der weiß, dass mit „Herr“ in diesem Fall nicht der Herr Jesus selbst gemeint ist, sondern einer, der ihn kennt. Ursprünglich, wie gesagt, der Apostel Philippus, aber in Soltau wohl im übertragenen Sinne der Mann, der dort in dem Pfarrhaus wohnt und das apostolische Amt ausübt: Der Pastor von Soltau. Das ist doch eine schöne Auslegung dieses Wortes, und das sollte sich jeder zu Herzen nehmen, der auf der Suche ist nach Lebensglück und Lebenssinn: Beides findet man bei Jesus; der Pastor aber kann den Kontakt zu Jesus vermitteln. Wenn der Pastor predigt, wenn er unterrichtet, wenn er in der Seelsorge mit Gottes Wort mahnt und tröstet, wenn er Sünden vergibt, wenn er tauft, wenn er das Heilige Abendmahl austeilt – immer dann handelt er im Namen Jesu und führt damit Menschen zu Jesus. Ach, wenn doch die Menschen mir und den anderen Pastoren die Bude einrennen würden mit dem Anliegen: „Herr, wir wollen Jesus gerne sehen!“ Aber leider geschieht das allzu selten; eher kommen Leute und sagen: „Wir wollen die Kirche gern sehen!“

Philippus tat das, was ein Pastor tun muss: Er versuchte, die Suchenden mit Jesus in Kontakt zu bringen. Das war offenbar gar nicht so einfach. Philippus wusste in dem Moment wohl selber nicht so genau, wo Jesus in dem Gedränge zu finden ist. Aber zum Glück stieß er auf einen Kollegen, auf den Apostel Andreas. Zusammen fanden sie Jesus und informierten ihn über das Anliegen der Griechen. An der Stelle haben wir im biblischen Text einen merkwürdigen Bruch. Denn jetzt gibt das Johannesevangelium nur noch eine Predigt von Jesus wieder, die er da gehalten hat. Es ist übrigens seine letzte Predigt, die er in der Öffentlichkeit hielt. Von den Griechen ist überhaupt nicht mehr die Rede. Was dazwischen lag, das müssen wir uns selbst zusammenreimen: Wie sich Jesus von Philippus und Andreas zu den Griechen im Heiden-Vorhof führen lässt, wie ihnen dabei ein Strom von Jüngern und Neugierigen folgt, wie Jesus dann den Griechen und den vielen anderen Zuhörern mit seiner Predigt hilft bei ihrer Suche nach Lebensglück und Lebenssinn.

Wir sehen an dem Bruch im Handlungsablauf: Jesus ist die Hauptperson. Die Suchenden sind jetzt gar nicht mehr wichtig. Das müssen wir auch für uns selbst zur Kenntnis nehmen, wenn wir bei Jesus Lebensglück und Lebenssinn suchen: Jesus ist die Hauptperson. Wir müssen uns da selbst zurücknehmen, müssen unter Umständen auch unsere ganz persönlichen Wünsche und Anliegen erst einmal zurückstellen und darauf achten, was Jesus zu sagen hat. Auch hier im Gottesdienst und bei der Predigt mag mancher von euch enttäuscht sein, dass immer so viel von Jesus die Rede ist und der heutige Mensch mit seinen Alltagssorgen scheinbar so wenig vorkommt. Aber nur wenn wir uns ganz auf Jesus und sein Wort einlassen, werden wir bei unserer Suche nach Lebensglück und Lebenssinn Erfolg haben.

Auch Jesus redete in der Predigt, die in unserem heutigen Evangeliums steht, hauptsächlich über sich selbst und seine Mission. Es ist die berühmte Weizenkorn-Predigt. Sie gipfelt in dem Satz, der auch als Wochenspruch ausgewählt wurde: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Das ist ein Gleichnis. Wenn ein Saatkorn vom Weizen keimen, wachsen und Frucht bringen soll, dann muss es in die Erde gelegt werden, dann muss es sozusagen begraben werden, „ersterben“. Mit so einem Saatgut-Weizenkorn verglich Jesus sich selbst. Er deutete dabei an, dass er nur wenige Tage später am Kreuz sterben würde. Durch diesen Kreuzestod hat er reiche Frucht für die ganze Menschheit gebracht, viel größere Frucht als vorher mit seinen Predigten und Wundern. Mit diesem Kreuzestod hat er für alle Menschen das einzige Lebensglück möglich gemacht, das dauerhaft und vollkommen ist: das Glück, mit Gott so innige Gemeinschaft zu haben wie ein kleines Kind mit seinem lieben Vater. Und damit hat er uns zugleich gezeigt, was wirklich der Sinn unseres Lebens ist: dass wir diesem himmlischen Vater zur Ehre leben. Er hat uns geschaffen zu dem Zweck, dass wir etwas sind zu seiner Ehre. Jesus aber hat uns am Kreuz erlöst, damit wir Sünder zu diesem unserem Lebenssinn wieder zurückfinden können. Damit erkennen wir dann auch zugleich, wie wir unser Leben sinnvoll gestalten können: nämlich so, wie es Gott gefällt, wie er es in seinen Geboten sagt, auch, wie er uns jeweils begabt hat und wie er uns jeweils Aufgaben vor die Füße legt.

Derselbe Gott, der das Weizenkorn geschaffen hat, der hat uns durch Jesus erlöst. Sowohl das Weizenkorn als auch das Kreuz Jesu tragen Gottes Handschrift. Gottes Handschrift aber ist anders als der Menschen Handschrift: Bei Gott kommt Frucht aus dem Ersterben, aus Niederlage und scheinbarem Untergang. Bei Gott muss das Leben erst aufgegeben und begraben werden, wenn es dann mit vollem Glück und Sinn auferstehen soll. Auch wir Menschen sind in dieser Welt sterblich. Wir erfahren Leid und Älterwerden; wir gehen auf den Tod zu. Wer das verleugnet, der kämpft gegen Windmühlenflügel. Jesus formulierte es provozierend: „Wer sein Leben lieb hat, der wird's verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's erhalten zum ewigen Leben.“ Wenn wir bei Jesus die Fülle des Lebens suchen, müssen wir uns auf Gottes Art einlassen, auf's Kreuz, auf's Ersterben und Untergehen, dann dürfen wir im Himmel auf die Frucht vollkommenen, nie gekannten Lebensglücks hoffen. Die Sache mit dem Weizenkorn gilt nicht nur für Jesus selbst, sondern auch für alle seine Jünger, für alle, die an ihn glauben.

Der bekannte Theologe Helmut Thielicke berichtet in seinen Lebenserinnerungen von einer netten Geschichte. Er bekam einmal ein Kästchen mit wertvollen Zigarren geschenkt. Als er die erste davon rauchen wollte, waren die Zigarren verschwunden. Längere Zeit danach fand er beim Umgraben im Garten die Zigarren halb verrottet in der Erde liegen. Da ahnte er etwas, und schon bald hatte er die Sache aufgeklärt. Sein kleiner Sohn wollte ihm eine Freude machen, darum hatte er heimlich die Zigarren genommen und in die Erde gelegt in der Hoffnung, dass da nun ein Zigarrenbaum wüchse und sein Vater davon immer wieder frische Zigarren ernten könne. Wir schmunzeln mit Helmut Thielicke über soviel kindliche Naivität! Und wir können etwas lernen: Zigarren sind Menschenwerke, Produkte der Tabakwaren-Industrie. Sie werden hergestellt, wie Menschen eben Dinge herstellen. Ganz anders sind Gottes Werke; sie sind lebendig: Das Weizenkorn zum Beispiel, das in die Erde begraben werden muss, um Frucht zu bringen. Der Gottessohn, der am Kreuz sterben muss, um uns zu erlösen. Und schließlich wir selbst, die wir durch Kreuz und Leid hindurch das Lebensglück und den Lebenssinn finden, ja letztlich die ewige Seligkeit. Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2009.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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