Ein ernster Bußruf

Predigt über Matthäus 12,38-42 zum Sonntag Reminiszere

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Fromme Leute baten Jesus, dass er ihnen ein Wunder zeigt. Diese Schrift­gelehrten und Pharisäer nahmen es mit ihrer Religion sehr ernst. Sie wollten prüfen, ob Jesus wirklich von Gott kommt oder ob er ein Schwindler ist. So kon­frontierten sie Jesus mit einer Test­aufgabe, eingeleitet durch die höfliche und ehr­erbietige Anrede: „Meister, wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen.“

Was Jesus auf diese Frage antwortete, muss diesen frommen Leuten als herbe Zumutung vorgekommen sein. Da redete Jesus scheinbar über ihre Köpfe hinweg von ihnen in der dritten Person. Da nannte er sie ein „böses und abtrünniges Ge­schlecht“; wenn wir wörtlich übersetzen, sogar ein „ehe­brecheri­sches Ge­schlecht“. Da schlug er ihnen die Bitte rundweg ab und redete stattdessen ganz un­verständ­lich von einem „Zeichen des Propheten Jona“. Da behauptete er, dass Heiden im Jüngsten Gericht besser abschneiden werden als diese frommen Juden, nämlich die Bevölkerung der assyrischen Hauptstadt Ninive sowie die afri­kanische Königin, die einst Salomo besuchte. Hört man dies alles mit den Ohren der damaligen Frommen, so ist es eine kaum zu über­bietende Zumutung.

Aber wir müssen zur Kenntnis nehmen: Jesus mutete diese Antwort seinen Gesprächs­partnern tatsächlich zu. Und mehr noch: Der Heilige Geist mutet uns Heutigen diese Antwort Jesu zu. Denn wenn wir dieses Wort unseres Herrn unter der Wirkung des Heiligen Geistes hören, dann können wir uns nicht behaglich zurück­lehnen und uns an der Be­schimpfung der Pharisäer und Schrift­gelehrten schadenfroh ergötzen, sondern dann sitzen wir selber auf der Anklage­bank, dann hält der Heilige Geist uns hier einen Spiegel vor die Nase. Ja, in der Tat: Er mutet auch uns dieses Wort zu.

Wir wollen uns über diese Zumutung nicht entrüsten, wir wollen uns vielmehr diesen Schuh anziehen und genau auf die Botschaft hören. Ein „böses und ehe­brecheri­sches Geschlecht“ – sind wir das etwa nicht? Sind wir denn gut? Kann Gott uns in punkto Gebots­gehorsam eine Zwei geben? Oder wäre nicht ein „un­genügend“ ehrlicher? Wie lange sind wir schon Christen, wie gut haben wir Gottes Gebote gelernt, und wie schlecht erfüllen wir sie! Und wenn Jesus uns „ehe­brecherisch“ nennt, dann hat das nicht unbedingt etwas mit unserem Sexualleben zu tun. Er meint es vielmehr im geistlichen Sinn: Gott hat sich durch einen Bund mit seinem Volk gewisser­maßen ver­heiratet, heißt es im Alten Testament. Im Neuen Testament wird uns Jesus als unser Bräutigam vor­gestellt. Wenn uns nun irgend­jemand oder irgendetwas wichtiger wird als Jesus, dann gehen wir fremd, dann haben wir den Bund gebrochen. Denn „woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“, lehrte Martin Luther. Ehe­brecherisch ist daher jeder Christ, der sein Herz mehr an anderes hängt als an Christus. Dieser geistliche Ehebruch ist ein Bruch des ersten und wichtigsten Gebotes: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ – „Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.“

Auch in punkto Zeichen­forderung sollten wir uns prüfen: Haben wir uns im Geheimen nicht schon einmal gewünscht, dass wir ein richtiges Wunder erleben, aber wirklich so ein richtiges, für dass es absolut keine natürliche Erklärung gibt? Haben wir dabei nicht gedacht: „Wenn ich das mal erleben könnte, dann würde ich richtig glauben und nicht mehr zweifeln“? Meinen wir nicht auch immer wieder, dass unser Christsein irgendwie äußerlich bestätigt werden müsste? Gott müsste uns und unseren Mitmenschen doch irgendwie beweisen, dass sich der Glaube lohnt! Ich fürchte, wir sind auch in punkto Zeichen­forderung nicht besser als die Schrift­gelehrten und Phariäser damals.

Es braucht uns nicht zu wundern, dass Jesus in dieser Situation streikte. Er tut keine Wunder auf Bestellung. Er lässt sich nicht prüfen wie ein Examens­kandidat. Wer das erwartet, der verwechselt die Rollen: Jesus ist derjenige, der allen Grund hat, uns Menschen zu prüfen und Forderungen an uns zu richten, nicht umgekehrt. Nein, Jesus tut keine Wunder auf Bestellung, weder vor den Pharisäern und Schrift­gelehrten noch vor uns. Stattdessen gilt damals wie heute sein Wort vom „Zeichen des Propheten Jona“: „Wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschen­sohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.“

Jesus erinnerte an die Geschichte des Propheten Jona, der vor Gottes Auftrag floh und mit einem Schiff davonfuhr, den man dann bei stürmischer See als Menschen­opfer über Bord warf, der dann von einem riesigen Seetier verschuckt wurde und der durch ein Wunder drei Tage im Bauch des Tieres überlebte. Dann wurde er an Land gespuckt und machte sich gehorsam auf den Weg, um der Stadt Ninive Buße zu predigen – mit Erfolg übrigens; die Bewohner bekehrten sich. Dieses Wunder verglich Jesus mit seinem Tod und seiner Auf­erstehung: „Wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschen­sohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.“

Zum Verständnis dieses Vergleichs muss ich Folgendes erklären: „Drei Tage und drei Nächte“ ist eine feste Redewendung und bezeichnet drei 24-Stunden-Tage. Man könnte auch sagen: „drei Tagnächte“. Jesus ist ja nicht drei, sondern nur zwei Nächte lang tot gewesen; am dritten Tag ist er ja bereits wieder auf­erstanden. Über das See­ungeheuer können wir nicht viel sagen; manche denken, es muss ein Wal gewesen sein. Vielleicht hat Gott dieses Tier auch als besonderes Einzelstück zur Rettung des Jona geschaffen. Egal – so oder so ist es ein großes, lebens­rettendes Wunder gewesen, und zwar eins, das wirklich passiert ist, denn sonst wäre der ganze Vergleich mit dem Sterben und Auferstehen Jesu unsinnig.

Was aber hat nun das Zeichen des Jona mit der Pharisäer Schlechtig­keit beziehungs­weise mit unserer Schlechtig­keit zu tun? Die folgenden Verse lösen dieses Rätsel. Jesus redete nämlich gleich darauf vom Jüngsten Gericht. Da wird auch den Ungläubigen offenbar werden, dass Jesus lebt und dass er der Herr der Welt ist. Das wird das einzige Zeichen sein, das die Ungläubigen zu Gesicht bekommen. Aber es wird ihnen dann nichts mehr nützen, weil sie in ihrem Erdenleben nicht geglaubt haben. Das gilt auch für diejenigen, die sich zwar selbst für fromm und gottes­fürchtig gehalten haben, die aber in Wahrheit anderes mehr liebten als Jesus. Im Jüngsten Gericht wird an den Tag kommen, dass andere Menschen mit viel schlechte­rem Ruf gerettet werden: Heiden und Leute mit einer anrüchigen Vergangen­heit.

So, und genau hier liegt die Botschaft dieser Rede Jesu: Es kommt nicht darauf an, ob jemand aus einem frommen Stall kommt oder nicht, ob jemand ein frommes Gehabe an den Tag legt oder nicht. Es kommt darauf an, ob jemand zur Umkehr bereit ist – also ob jemand bereit ist, seine Sünden zu bereuen und sich Gott zu unter­werfen. Die gottlosen Heiden aus Ninive hörten auf die Predigt des Jona und taten Buße; das rettete sich für den Himmel. Die heidnische Königin aus Afrika nahm eine beschwer­liche Reise auf sich, um Salomos Weisheit zu hören – die ja in Wahrheit Gottes Weisheit war, denn durch Salomo hat der Heilige Geist geredet. Und wie sieht es bei uns aus? Tun wir mit Ernst Buße? Oder ruhen wir uns auf unseren ver­meintlichen Lorbeeren aus, auf unserem treuen Gottes­dienst­besuch etwa oder auf unserer Opfer­bereit­schaft, auf unserem Konfirmanden­wissen oder auf unserem kon­fessionellen Bewusst­sein? Noch einmal: Bei Gott zählt nicht, wo wir herkommen, sondern in welche Richtung wir laufen – entweder von ihm weg oder zu ihm hin. Dass du zu einem bösen und ehe­brecheri­schen Geschlecht gehörst, wird dich nicht verdammen, wenn du dich heute davon lossagst, wenn du den Opfertod des Menschen­sohnes auf dich beziehst und er künftig die Nummer eins in deinem Leben ist. Wenn du dich selbst aber weiterhin für okay hältst in Gottes Augen, dann bist du dabei, deine Seligkeit zu verspielen, dann werden Gauner und Huren und Lästerer, die zur Buße finden, dir zuvor­kommen.

Ja, wenn du zur Buße findest, dann siehst du auch dieses Wort der Herrn Jesus Christus in einem neuen Licht. Dann wird das Zeichen des Jona plötzlich die allerbeste Botschaft, denn dann findest du Heil, Leben und Seligkeit in der Tatsache, dass Jesus drei Tagnächte tot in der Erde war und danach auf­erstanden ist. Dann wird Jesus ganz selbst­verständlich dein größter Schatz sein, dein Ein und Alles. Dann wirst du vom Heiligen Geist neue Augen bekommen, Augen, die viele Zeichen und Wunder der Güte Gottes ringsum erblicken. Du wirst es dann gar nicht mehr nötig haben, Zeichen zu fordern, weil du sie geschenkt bekommst von deinem lieben Herrn. Das Zeichen des Jona, an das du glaubst, wird nicht mehr das einzige sein. Und du wirst Zuversicht bekommen für den Tag des Gerichts. Wenn du den Auf­erstandenen dann mit allen Menschen leibhaftig sehen wirst, dann wird es nicht heißen „zu spät!“, dann werden dir nicht andere vorgezogen werden, sondern du darfst zusammen mit ihnen selig werden – mit den Leuten von Ninive und mit der afri­kanischen Königin und mit denjenigen unter den Pharisäern und Schrift­gelehrten, die am Ende doch Buße getan haben. Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 1993.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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