Vom Warten auf Christi Wieder­kommen

Predigt über Lukas l2,42‑46 zum Ewigkeitssonntag

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Jesus setzt mit seinem Gleichnis voraus, dass den Hörern die Sitten und Gebräuche eines antiken Haushalts mit Sklaven vertraut sind. Weil ich nicht erwarten kann, dass ihr diese Voraus­setzung erfüllt, will ich das Gleichnis in unsere Zeit übertragen. Dabei kommt mir zu Hilfe, dass die lateinische Fassung das Wort „familia“ enthält – an der Stelle, wo der Luthertext „seine Leute“ stehen hat. Ich will versuchen, das Gleichnis in eine Familie unserer Zeit zu übertragen.

Vater und Mutter gehen eines Abends groß aus. Zurück bleiben der zwölf­jährige Sohn, der sieben­jährige Sohn und die fünfjährige Tochter. Die Mutter wendet sich an den Zwölf­jährigen und sagt: „Im Kühlschrank findest du Butter, Wurst und Käse. Wo das Brot liegt, weißt du. Achte darauf, dass ihr ordentlich Abendbrot esst! Zum Trinken könnt ihr euch eine Flasche Saft aufmachen. Hier ist auch eine Tafel Schokolade; teile sie gerecht! Und achte darauf, dass deine Geschwister um acht Uhr im Bett liegen; du selbst kannst bis neun aufbleiben. Wir wissen noch nicht, wann wir wieder­kommen.“ Weg sind Vater und Mutter. Was werden die Kinder wohl tun?

Es gibt mehrere Möglich­keiten. In Anlehnung an Jesu Gleichnis sind es zunächst zwei. Erste Möglich­keit: Der Älteste benimmt sich großartig. Er macht das Abendessen für seine Ge­schwister. Er räumt sogar das Geschirr wieder ab. Er teilt die Schokolade gerecht. Er spielt mit seinen Ge­schwistern. Er bringt sie rechtzeitig ins Bett und geht selbst pünktlich schlafen. Wenn Vater und Mutter davon erfahren, gibt es am nächsten Tag eine Belohnung. Zweite Möglich­keit: Der Älteste benimmt sich unmöglich. Er macht nur für sich selbst ein Brot und kümmert sich nicht darum, dass seine Geschwister hungern. Die Schokolade isst er allein auf. Als seine Geschwister protes­tieren, schlägt er sie. Er ruiniert eine Schall­platte auf Vaters teurer Musik­anlage. Als die Geschwister später vor Müdigkeit ein­geschlafen sind, probiert er Schnaps aus Vaters Hausbar. Er sieht bis Mitternacht fern. Er denkt: „Die Alten kommen ja noch lange nicht.“ Aber die Eltern kommen doch schon. Wie reagieren sie? Wenn sie nicht hoffnungs­los anti­autoritär eingestellt sind, wird es eine gehörige Strafe setzen. Neben diesen beiden Möglich­keiten lassen sich noch andere Variationen denken: Der Älteste benimmt sich zwar nicht schlecht, tut aber nicht, was ihm aufgetragen wurde, weil er immer wieder an der Tür lauert und denkt: „Wenn doch bloß die Eltern bald wieder da wären.“ Oder er benimmt sich schlecht, aber mit der Angst, seine Eltern könnten jederzeit heimkehren. Er hofft, dass er dann sein Treiben noch schnell vertuschen kann.

Aber lassen wir die Variationen zunächst beiseite. Die beiden grund­sätzlichen Möglich­keiten im Gleichnis Jesu und in der Übertragung wollen unser Augenmerk auf drei Bereiche richten. Erstens: was uns erwartet, zweitens: wie lange wir warten müssen, drittens: wie wir warten sollen. Dass es um das Warten auf das Wieder­kommen Christi geht, das zeigt der Zusammen­hang, und aus deshalb gehört dieses Gleichnis in die Thematik vom Ende des Kirchen­jahres. Gehen wir diesen drei Punkten also im einzelnen nach: Was uns erwartet, wie lange wir warten müssen, wie wir warten sollen.

Erstens: Was erwartet uns? Das ist im Bild des Gleich­nisses und an vielen anderen Stellen der Heiligen Schrift klar bezeugt: Der Herr Jesus Christus kommt wieder. Die Toten werden wieder lebendig werden. Alle Menschen, die je gelebt haben, werden Christus sehen und vor ihm nieder­fallen, entweder vor Schreck oder vor Freude. Dann wird Christus alle zur Rechen­schaft ziehen, so wie es der Herr mit dem Haushalter tat und wie es die Eltern mit ihrem Ältesten taten. Danach werden sich die Wege der Menschen teilen: Die einen kommen mit Christus in ewige Himmels­freuden, die anderen mit Satan in die Hölle; sie sind zur Strafe für immer von Gott getrennt. Es ist bemerkens­wert, dass Jesus mit den beiden Versionen des Gleich­nisses beide Möglich­keiten aus­drücklich aufzeigt. Der treue Haushalter wird damit belohnt, dass er über alle Güter gesetzt wird. Das galt in damaliger Zeit als größte Ehrung; man denke nur an Josef im Alten Testament, den Pharao als Verwalter über ganz Ägypten einsetzte – was war das für eine Traum­karriere! Der untreue Haushalter wird grausam mit dem Tode bestraft: Der Herr lässt ihn „in Stücke hauen“, heißt es; man kann auch übersetzen: „Er ließ ihn vier­teilen“. Diese Folterungs­methode für ungehorsame Sklaven war damals durchaus legal. Durch beide Versionen wird klar: Jesus wirbt nicht nur für den Himmel, sondern er warnt auch vor der Hölle. Wir tun gut daran, uns beides bewusst zu machen und beide Seiten in der christ­lichen Ver­kündigung nicht zu ver­schweigen.

Bei der Fassung mit dem untreuen Verwalter fügt Jesus dann noch im Klartext an: „Er wird ihm sein Teil geben bei den Un­gläubigen.“ Das wirft Fragen auf. Offenbar gehörte der Verwalter zu den Gläubigen, zum Haushalt der christlichen Gemeinde sozusagen. Aber um seiner Untreue willen gleicht sein Ende dem Ende der Gottlosen. Wird hier nicht nach Werken gerichtet? Wo bleibt da die vergebende Gnade? Liebe Gemeinde, es erwartet uns in der Tat ein Gericht nach den Werken, das bezeugt die Bibel klar. Nur braucht der Glaubende dieses Gericht nach den Werken nicht zu fürchten. Wer an Christus glaubt, nennt Christus seinen Herrn. Er versucht, ihm mit seinem ganzen Leben zu dienen und zu gefallen. Wo ihm das gelingt, ist es gut. Wo es ihm aus Schwachheit nicht gelingt, hat Christus ihm Vergebung verheißen. Vergebung, das heißt aber: Gott sieht die Schuld nicht an. Es bleiben im Gericht also nur die guten Werke übrig. Wer jedoch mutwillig sündigt wie der böse Verwalter, der zeigt damit, dass er nicht wirklich Christus seinen Herrn nennt, dass er nicht wirklich glaubt. Dem werden seine Sünden am Jüngsten Tag von Gott vorgehalten werden, und er wird verurteilt werden.

Nachdem wir nun betrachtet haben, was uns erwartet, kommen wir zweitens zu der Frage: Wie lange müssen wir warten? Eigentlich lässt sich diese Frage kurz be­antworten: Über den Zeitpunkt können wir nichts Ver­lässliches sagen – außer: Er wird unerwartet kommen. „Der Menschen­sohn kommt zu einer Stunde, da ihr's nicht meinet“, heißt es vor dem Gleichnis. Alle Versuche frommer und unfrommer Menschen, den Zeitpunkt des Jüngsten Tages zu berechnen oder voraus­zuschauen, sind fehl­geschlagen. Er wird so heimlich kommen wie ein Dieb in der Nacht. Im heutigen Tages­evangelium, im Anschluss an das Gleichnis von den zehn Jungfrauen, heißt es: „Darum wacht! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde“ (Matth. 25,13). Und vor dem Gleichnis von den zehn Jungfrauen finden wir bei Matthäus das Gleichnis vom Verwalter, und davor nochmals die ganz ähnliche Mahnung: „Wachet; denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt“ (Matth. 24,42). Das passt ganz wunderbar zusammen. Mit dem Gleichnis vom Verwalter werden wir gemahnt: Passt auf, euer Herr könnte viel früher kommen, als ihr denkt! Und mit dem Gleichnis von den Jungfrauen werden wir gemahnt: Passt auf, euer Herr könnte länger ausbleiben, als ihr euch das vorstellt! Beides müssen wir be­rücksichti­gen. Es soll uns nicht er­schüttern, dass Jesus nach zwei Jahr­tausenden immer noch nicht wieder­gekommen ist – er kann länger ausbleiben, als wir uns das vorstellen. Er kann aber auch heute noch kommen, oder nächste Woche. Aber auch wenn es vielleicht noch ein bisschen hin ist bis zum letzten Tag der Welt, so ist doch für jeden einzelnen Menschen seine Todesstunde der Zeitpunkt, an dem er dem Welten­richter Rechen­schaft geben muss.

Wieviele junge Menschen haben mir auf den Kopf zugesagt: Jetzt habe ich noch kein Interesse an Kirche und Glaube; vielleicht später, wenn ich alt werde. Dabei kann der Tod bereits hinter der nächsten Kurve lauern! Ob der tödlich Verunglückte wohl dann für seinen Herrn bereit ist – wie der treue Verwalter, wie der gehorsame Sohn? Oder: Wie viele Menschen trinken öfter mal mehr Alkohol, als sie vertragen. Wie aber wird einer dastehen, wenn Christus plötzlich wieder­kommt, und er ist sternhagel­voll? Ich habe nichts dagegen, wenn jemand sich an einem guten Tropfen erfreut, aber ein Rausch steht einem Christen übel an, denn dann ist er nicht mehr wirklich bereit für Christi Wieder­kommen. Jesus wird sich etwas dabei gedacht haben, wenn er vom untreuen Knecht sagt, dass er sich „voll­säuft“.

Kurz: Christus kann jederzeit wieder­kommen, und er wird in jedem Fall unerwartet wieder­kommen. Daraus können wir die eine Lehre ziehen, die er auch selbt beim Namen nennt: Seid allezeit bereit für sein Wieder­kommen! Lebt stets so, wie es sich für einen Christen gehört!

Wir kommen drittens und letztens zu der Frage, wie wir auf Christus warten sollen. Was heißt es denn auf unsere Situation übertragen, wie ein kluger und treuer Verwalter zu handeln? Wir lernen an dem Gleichnis zunächst, dass Warten auf Christus nicht bedeutet, wie im Wartezimmer herum­zusitzen und Däumchen zu drehen. Der Sohn, der nur an der Tür auf die Rückkehr der Eltern lauert, handelt nicht in deren Sinn. Den Christen wurde oft vor­geworfen, dass sie sich überwiegend mit dem Jenseits be­schäftigen und immerfort vom Himmel reden. Das stimmt aber nicht. Natürlich ist unser Glaube und unsere Hoffnung auf den Himmel gerichtet. Aber gerade deshalb ist uns diese Welt hier nicht gleich­gültig. Wir laufen nicht blind herum, sondern wir haben sogar einen besseren Durchblick, weil wir die Welt im Licht der Ewigkeit sehen. Die wartende Gemeinde Jesu ist zugleich eine ungeheuer aktive Gemeinde.

Es gibt eine Auslegung des Gleich­nisses, die dieses Tätigsein besonders auf das Amt des Pastors deutet. Er sei der Verwalter, der je nachdem treu und klug oder aber böse handelt. Wenn er gehorsam ist, dann gibt er den Leuten seines Herrn zur rechten Zeit, „was ihnen zusteht“, so heißt es. Gemeint ist die Speise­ration, die jeder Knecht und jede Magd zu empfangen hatte. Das sei dann, heißt es in dieser besonderen Deutung, die Ver­kündigung des Wortes in der Seelsorge. Jeder soll Gottes Wort treu ausgeteilt bekommen, so wie es der Herr will. Wehe dem Verwalter, wehe dem Pastor, der nicht treu Gottes Wort austeilt; der stattdessen Menschlehre verbreitet oder überhaupt nichts Ver­bindliches sagt. Das muss ich mir hinter den Spiegel stecken, liebe Gemeinde. Und ihr seid auf­gefordert und laut Gemeinde­ordnung dazu ver­pflichtet, euch zu beschweren, wenn ich meiner Haushalter­pflicht nicht nachkomme. Ich will euch aber auch nicht verhehlen, was mir bei diesem Dienst am meisten Kummer macht: dass manch einer die ihm zugeteilte Speise von Gottes Wort nicht annimmt; dass er sie wie einen un­genießbaren Fraß wegschiebt und stattdessen das wertlose Naschwerk der Unter­haltungs­industrie in sich hinein­frisst.

Aber sicher darf man die Deutung des Gleichnises nicht auf den Dienst des Pastors be­schränken. Jeder Christ ist aufgerufen, seinen Dienst in Gottes Haushalt zu tun, in Kirche und Gemeinde. Jeder Jünger Jesu ist zur Mitarbeit aufgerufen, und jeder hat dafür Gaben empfangen. Insofern ist jeder ein Haushalter, der sich in der Treue zu seinem Herrn bewähren soll. Das müssen gar keine großen und be­eindrucken­den Werke sein. Ein treuer Haushalter in der Gemeinde ist auch der, der beim Sauber­machen der Kirche mithilft oder Kekse für eine Gemeinde­veranstal­tung backt oder im Chor mitsingt oder fleißig Fürbitte tut oder einfach sonntags die anderen Gemeinde­glieder mit seiner Anwesenheit und einem fröhlichen Gesicht erfreut. Schwer braucht das keinem zu fallen – vor allem dann nicht, wenn wir bedenken, was für ein Herr da kommt: Unser lieber Heiland Jesus Christus! Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 1987.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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