Worüber Jesus sich gewundert hat

Predigt über Matthäus 8,5‑13 zum 3. Sonntag nach Epiphanias

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Ein Pfarrer sagte mir einmal: „Manchmal äußern treue Gemeinde­glieder ganz haar­sträubende Dinge in Glaubens­fragen. Dann kommt es mir so vor, als hätten sie nichts begriffen von den vielen Predigten, die sie gehört haben. Auf der anderen Seite überraschen mich Menschen am Rand der Gemeinde immer wieder mit Gedanken ganz tiefer christ­licher Erkenntnis, sodass ich ihnen sagen möchte: ‚Du bist nicht fern vom Reich Gottes‘.“ Diese erstaun­liche Erfahrung brachte diesen Pfarrer dazu, vor­sichtiger zu sein bei der Beurteilung seiner Gemeinde­glieder. Anderen Pastoren ist es ähnlich ergangen.

Liebe Gemeinde, zweimal können wir im Neuen Testament nachlesen, dass sich auch Jesus gewundert hat. Seine Verwunderung hatte jedesmal eine ähnliche Ursache wie bei dem Pfarrer. Das erste Mal, so steht es im Markus-Evangelium, hat Jesus sich über den Unglauben der Einwohner von Nazareth gewundert, seiner Heimat­stadt. Sie, die im jüdischen Glauben erzogen worden waren und Jesus von Kind an kannten, hätten doch erkennen müssen, dass er der Messias ist. Das zweite Mal wunderte sich Jesus über den Glauben des Hauptmanns von Kapernaum. Von diesem Ereignis haben wir eben im Predigttext gehört. Jesus wunderte sich, dass ein Heide, ein nüchterner, ehrgeiziger Soldat, der sich zum Zenturio empor­gearbeitet hatte, eine so tiefe Glaubens­erkenntnis beweist. Das ist doch merkwürdig: Gottes Bundesvolk Israel, um das sich der Herr im Himmel so lange gemüht hat, glaubt nicht; ein Heide hingegen, auf den die Juden verächtlich herabsehen und dem sie keine Heils­erkenntnis zutrauen, glaubt. Es ist genau umgekehrt, wie man erwarten würde.

Führen wir uns noch einmal kurz vor Augen, wie sich der bemerkens­werte Glaube des Zenturio äußert. Er muss vorher schon von Jesus gehört haben. So kommt er auf Jesus zu und überfällt ihn sogleich mit dem, was er auf dem Herzen hat: „Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen.“ Jesus will mit ihm mitgehen und sich der Sache annehmen, aber der Hauptmann wehrt energisch ab. So weit kennt er sich mit den jüdischen Reinheits­vorschrif­ten aus, dass er annehmen muss: Einem jüdischen Rabbi kann man es nicht zumuten, das Haus eines Heiden zu betreten. „Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst“, sagt er. „Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.“ Hier zeigt sich der vorbild­liche Glaube, ein schlichter, fast naiver Glaube, der davon überzeugt ist: Jesus braucht nur etwas zu sagen, und schon geschieht's. Er ist ja Gottes Sohn, und Gottes Wort hat nun mal diese Eigen­schaft, dass es stets bewirkt, was es sagt. So war es bei der Erschaffung der Welt, so war es bei vielen früheren Heilungs­wundern. Klarer Fall: Was Jesus sagt, das geschieht. Der Hauptmann kennt das nicht anders von seinen gehorsamen Unter­gebenen sowie auch von seiner eigenen Haltung gegenüber den Vor­gesetzten. Er sagt: „Auch ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!; so tut er's.“ Seht, das ist Glaube: Jesus und seinem Wort ganz einfach und ganz selbst­verständ­lich alles zutrauen; alles Heil von ihm erwarten. Solcher Glaube bringt ins Himmel­reich, und viele Heiden, von denen man es nicht für möglich halten sollte, werden mit solch einem einfachem Glauben selig werden. Viele Juden dagegen, die meinen, aufgrund ihrer Abstammung einen festen Platz im Himmel zu haben, werden ausgestoßen werden, weil sie nicht solchen Glauben an Gottes Sohn, den Sünden­heiland Jesus Christus, haben. Das ist so erstaun­lich, dass sich selbst Jesus darüber wundert. Dass dann der Knecht des Hauptmanns tatsächlich gesund wird, und zwar zur selben Stunde, als Jesus dem Hauptmann dies sagte, bedarf darauf eigentlich keiner großen Erwähnung mehr; diese Mitteilung ist dem Evange­listen Lukas nur einen knappen halben Vers wert.

Wir können nun die Beobachtung von damals auf heute übertragen und sie durch die Erkenntnis des eingangs erwähnten Pfarrers und anderer bestätigt sehen: Viele Traditionschristen zeigen mitunter eine gehörige Portion Klein­glauben oder sogar Unglauben; viele Fern­stehende oder gar Konfessions­lose überraschen durch erstaun­liche Anzeichen von Gott­vertrauen. Wir können uns darüber wundern, wir können sagen: „Wie inter­essant“, wir können Psychologe spielen und uns die Frage stellen, warum das wohl so ist. Wir würden damit aber die Botschaft verfehlen, die Gott uns mit dieser Geschichte zukommen lassen will. Wenn Jesus sich hier wundert, dann doch wohl kaum, weil ihm diese Tatsache noch nie bewusst geworden wäre; schließlich ist er Gottes Sohn und durchschaut die Menschen. Vielmehr wundert sich Jesus hier demonstra­tiv, nämlich um uns darauf aufmerksam zu machen: Hier geschieht etwas, was unseren Vorurteilen und Klischees zuwider läuft. Hier können wir dazulernen, umdenken lernen, Buße lernen! Wir können das aus­gerechnet an einem Mann lernen, der kaum in die Galerie denkmal­geschützter Vorbilder passt, ja, den man auch heutzutage seines Berufes wegen nicht unbedingt gern zum Vorbild nimmt: Vom Hauptmann aus Kapernaum können wir das lernen.

Zwei Dinge hat uns Gott mit seiner Geschichte zu sagen, eine Mahnung und eine Ermutigung.

Erstens die Mahnung. Eine Warnung ist diese Geschichte für alle, die wie die Juden damals meinen, dass sie doch wohl den besten Draht zu Gott haben. „Wer stehe, der sehe zu, dass er nicht falle“, warnte der Apostel Paulus mit Verweis auf das Schicksal des Volkes Israel (1.‑Kor. 10,12). Lassen wir uns fragen, worauf denn unsere Beziehung zu Jesus Christus und zu seiner Kirche beruht. Darauf, dass ich im Konfirmanden­unterricht mal viel auswendig gelernt habe? Darauf, dass ich in eine lutherische Familie hinein­geboren worden bin? Darauf, dass ich ein an­ständigerer Mensch bin als viele in meiner Umwelt? Darauf, dass ich zum Gottes­dienst gehe und mich am Gemeinde­leben beteilige? Darauf, dass ich Kirche und Mission finanziell unter­stütze? Oder darauf, dass ich mich ebenso bedingungs­los und schlicht auf Jesus verlasse wie der Hauptmann von Kapernaum? Nur das Letzte kann mich selig machen, nur so kann ich Gott gefallen! Wenn dieses Vertrauen ernst ist, wird es alle Lebens­bereiche ein­schließen: den kranken Knecht, die eigene Gesundheit, den Weg der Kinder und Enkel, die Arbeit und die Freizeit, das Haus und den Garten, das tägliche Brot und die Hobbies ebenso wie die ewige Seligkeit. Erst wenn ich Jesus Christus den Herrn über alle diese Bereiche nenne und von ihm alle Hilfe erwarte, erst wenn ich glaube, dass er alles in Ordnung bringen wird, kann ich meinen Glauben mit dem des Hauptmanns von Kapernaum ver­gleichen. Warnen lassen muss ich mich davor, dass ich zu Christus zwar „Herr“ sage, dass ich ihn aber nicht wirklich Herr sein lasse. Wer Jesus nur als fromme Verzierung für ein Leben benutzt, das er eigentlich in eigener Regie zu führen be­absichtigt, der misst dem diesen König ebenso wenig Regierungs­macht zu, wie sie die englische Königin über Groß­britannien hat. Kurz: Die Geschichte warnt davor, eine gute Beziehung zu Gott irgendwo anders zu suchen oder irgendwie anders pflegen zu wollen als im einfachen, schlichten, all­täglichen Glauben, der alles Heil von Jesus erwartet.

Zweitens: Die Geschichte ist eine Ermutigung. Eine Ermutigung zu so einfachem und schlichtem Glauben. Jesus tut, worum man ihn bittet. Zwar nicht immer so prompt wie beim Hauptmann Kapernaum, aber er tut es. Er hat es ja versprochen. So einfach ist das. Die Geschichte ist zum Beispiel eine Ermutigung, unsere eigenen gesund­heitlichen Probleme ganz einfach Jesus an­zubefehlen, wie es der Zenturio mit der Gesundheit seines Knechts getan hat. Natürlich kannst du zum Arzt gehen und Pillen schlucken, aber das ist nicht so wichtig wie das Vertrauen in Jesus und das Gebet, dass er sich deiner Krankheit annimmt. Bevor du zum Arzt gehst, bete also! Und dann kannst du fröhlich zum Arzt gehen und darauf vertrauen, dass Jesus alles in Ordnung bringt. Ja, das Neue Testament ermutigt uns sogar, andere um ihre Fürbitte zu bitten für Genesung. Im Jakobus­brief werden die Kranken der Gemeinde aus­drücklich dazu auf­gefordert, den Pastor beziehungs­weise die Kirchen­vorsteher holen zu lassen, damit sie ihnen die Hände auflegen und über ihnen beten. Diese Einladung gilt uns Christen bis heute. Wenn du krank bist, warum solltest du nicht zu einem Mit­gemeinde­glied sagen: „Denke im Gebet an mich“? Warum solltest du den Pastor es nicht wissen lassen, wenn du im Krankenhaus liegst? Warum solltest du ihn oder einen Kirchen­vorsteher nicht bitten, dir im Namen Jesu die Hände aufzulegen und für deine Genesung zu beten? Scheuen wir uns nicht, unser ganzes Vertrauen auf Jesus zu setzen, wie der Hauptmann es tat!

Dieses Vertrauen soll sich aber nun vor allem auch auf das Heil der Seele erstrecken. Auch dazu ermuntert die Geschichte. Wir dürfen ruhig sagen: „Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ Verlass dich drauf, Jesus spricht dieses heilende Wort. Er sagt: „Für dich gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden.“ Und er sagt: „Dir sind deine Sünden vergeben.“ Gott möchte, dass wir unsere Sündenlast bei ihm in der Beichte ablegen, damit unsere Seele in Zeit und Ewigkeit gesund wird. Das geschieht im Beicht­gottes­dienst, das geht aber noch viel besser in der Einzel­beichte, denn da kannst du wirklich beim Namen nennen, was dich quält. Und da wirst du darum auch viel deutlicher spüren, wie Jesus dir vergibt.

Wieviele un­zufriedene Christen laufen heutzutage herum und klagen über alles mögliche, sind traurig und depressiv. Waren sie schon in der Beichte, wo Jesus das Wort sprechen will, das sie wieder fröhlich macht? Wieviele Spezialis­ten und Psychologen werden aufgesucht, wieviele zweifel­hafte Ratschläge in Broschüren und Zeit­schriften gelesen! Warum scheuen sich so viele Christen vor dem Seelsorger, ja letztlich vor Christus? Die Einladung und Ermutigung besteht doch: In der Kirche spricht Christus das ent­scheidende Wort, das die Seele gesund macht zum ewigen Leben.

Liebe Gemeinde, auch an diesem Punkt macht mancher Pfarrer die über­raschende Entdeckung, von der ich zu Anfang sprach: Diejenigen, die der Kirche fernstehen, reden mitunter viel offener und ehrlicher von ihren Problemen als die treuen Kirch­glieder. Warum denn die Scheu davor, sich mit seinen Sorgen und Problemen dem Pastor oder einem Mitchristen an­zuvertrauen – besonders mit dem Haupt­problem, mit der Sünde? Hier in der Kirche findest du doch die Menschen, durch die dir Christus heute begegnen und helfen will! Könnte es sein, dass der Hauptmann von Kapernaum mit seinem schlichten Vertrauen und seiner Bitte nicht nur die Juden damals, sondern auch uns heute beschämt? Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 1987.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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