Jesus sucht den hoffnungs­losen Fall

Predigt über Lukas 19,1‑10 zum 3. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Manche Leute scheinen hoffnungs­lose Fälle für Gottes Reich zu sein. Da ist der Rotwein­bruder in der Fußgänger­zone. Du kannst ihm alles erzählen – für ein Geldstück wird er dir geduldig zuhören, aber mit dem nächsten Rausch ist alles vergessen. Da ist der aggressive Jugend­liche, der in Fussball­stadien krakeelt oder der bei De­monstra­tionen mit Steinen nach Polizisten wirft. Für Gottes Gute Nachricht hat er nur Spott übrig. Da ist der rücksichts­lose Geschäfts­mann, der nie genug kriegen kann. Er fragt nicht nach Fairness und Legalität, solange er un­geschoren davon­kommt; was für ihn allein zählt, das ist das Geld und der Luxus, den man sich dafür leisten kann. Hoffnungs­lose Fälle scheinen sie zu sein – vielleicht hast auch du schon einmal so über bestimmte Menschen gedacht. Das Zeugnis von Christus ist bei ihnen in den Wind geredet und erntet nur Spott.

Von so einem scheinbar hoffnungs­losen Fall handelt die bekannte Geschichte des Zachäus. Zachäus gehört zur dritten Gruppe der hoffnungs­losen Fälle, also zur Gruppe der rücksichts­losen Geschäfts­leute. Er war ein Zoll­pächter im jüdischen Grenzort Jericho. Die Römer kümmerten sich in der jüdischen Provinz nicht selbst um Waren­zölle, sondern sie vergaben gegen einen festen jährlichen Betrag Zoll-Lizenzen an Juden. Die Zoll­pächter oder „Ober­zöllner“, die dann meistens mehrere Zoll­einnehmer für sich arbeiten ließen, brauchten nur rücksichts­los hohe Zölle fest­zusetzen, um dann einen hohen Anteil für sich behalten zu können. Zachäus hatte es auf diese Weise zu großem Reichtum gebracht. Seinem Namen Zachäus (das bedeutet „Ge­rechter“) machte er in den Augen seiner jüdischen Volks­genossen allerdings überhaupt keine Ehre – wie gesagt, er galt als hoffnungs­loser Fall. Man war sich einig: Ein Mensch, der so rücksichts­los die eigenen Landsleute ausbeutet, kann unmöglich Gottes Wohl­gefallen finden. Außerdem lebte er in ständiger Unreinheit, weil er immer mit Heiden zu tun hatte. Und dann arbeitete er auch noch für die verhasste Besatzungs­macht der Römer. Wirklich, ein hoffnungs­loser Fall!

Zachäus wusste, dass man so über ihn dachte. Darum versuchte er, so wenig wie möglich bei seinen Mitbürgern anzuecken. So auch an dem Tag, als es hieß: Jesus kommt nach Jericho! Er muss gleich da sein! Eben hat er am Stadttor einen Blinden geheilt! Zachäus wollte diesen Jesus gern mal sehen – diesen Mann, von dem so viele un­glaub­liche Geschich­ten erzählt wurden. Zachäus war neugierig – aber nicht nur er allein, sondern auch die anderen Bewohner Jerichos. Als Zachäus aus seinem Haus trat, säumte bereits eine große Menschen­menge die Straße. Zachäus war klein und konnte nicht über die Köpfe hinweg­sehen, selbst auf Zehen­spitzen nicht. Durch­drängeln wollte er sich auch nicht, das hätte nur Ärger gegeben. So lief er ein Stück vor und kletterte auf einen Maulbeer­feigen­baum. Weil dieser Baum weit ausladende Zweige und dichtes Laub hatte, war er dort in der Lage, alles unbemerkt zu be­obachten. Niemand konnte ihn be­schimpfen oder ihm feind­selige Blicke zuwerfen – ihm, dem hoffnungs­losen Fall.

Wenn wir Zachäus nun aber schon so be­zeichnen, weil er offen­sichtlich als kleiner großer Sünder dasteht, dann müssen wir auch fest­stellen: Es gab noch mehr hoffnungs­lose Fälle in Jericho. Sie stiegen nicht auf Bäume und ver­steckten sich, sondern sie standen auf der Straße, und zwar in der ersten Reihe. Niemand hätte es gewagt, sie offen hoffnungs­lose Fälle zu nennen; auch hielten sie sich selbst für gerecht und fromm. Und doch: In Gottes Augen standen sie nicht besser da als Zachäus. Auch sie hatte die Neugier auf die Straße getrieben, damit sie diesen Wunder-Jesus sähen. Und auch sie beuteten ihre Mit­menschen aus und ver­unreinig­ten sich: Sie ver­sündigten sich, indem sie ihren Volks­genossen viel Liebe schuldig blieben und indem sie hochmütig waren. Für die Pharisäer unter ihnen galt nur der erhobene Zeige­finger etwas und die Buchstaben­gesetzlich­keit. Am strengen Maßstab der Berg­predigt gemessen, waren sie genauso hoffnungs­lose Fälle wie Zachäus. Wie hatte Jesus in der Berg­predigt gesagt? „Es sei denn eure Gerechtig­keit besser als die der Schrift­gelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmel­reich kommen“ (Matth. 5,20). Keiner der Menschen von Jericho stand vor Gott besser da als Zachäus; sie alle waren hoffnungs­los, was ihr Bestreben anlangte, vor Gott gerecht zu sein. Wohl denen unter ihnen, die das wenigstens einsahen und Hilfe von Gott erhofften.

Lieber Christ, auch du tust gut daran, dich als hoffnungs­losen Fall einzu­schätzen, wenn es darum geht, ob du gut genug für das Himmel­reich bist. Auch du tust gut daran einzu­sehen, dass du im Grunde deines Herzens ein Zachäus bist: Ein Mensch, der den Armen dieser Welt vieles vor­enthält. Ein Mensch, der seinen Mit­menschen viel Liebe schuldig bleibt. Ein Mensch, der Gott viel Ehre schuldig bleibt – in gedanken­los ge­plapperten Vater­unsers oder in sehr knapp gehaltenen täglichen Andachten. Ein Mensch, der schon so lange Christ ist und immer noch so wenig Glaubens­erkenntnis hat. Ein Mensch, der den offen­sicht­lichen hoffnungs­losen Fällen lieber aus dem Weg geht. Ja, wenn du allein auf das siehst, was du bist und wie du lebst, kannst du dich eigentlich nur vor Gott und den Mit­menschen verstecken – wie Zachäus im Maulbeer­feigen­baum.

Aber nun geht die Geschichte in Jericho erst richtig los: Nun kommt Jesus. Jesus ist für die hoffnungs­losen Fälle da. Seine Devise lautet: „Der Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Das sollen nun alle erfahren – alle, die da in Jericho stehen und gaffen, und ebenso alle, die diese schöne Geschichte hören oder lesen. Und so geht Jesus schnur­stracks auf den einen hoffnungs­losen Fall zu, der allgemein als solcher anerkannt ist: auf den aus­beute­rischen Zoll­pächter Zachäus, der da im Geäst sitzt und eben noch ein un­bemerkter Zaungast war. Er steht nun plötzlich im Mittel­punkt des Ge­schehens. Jesus blickt hinauf zu ihm, und hunderte von Augen­paaren folgen seinen Blicken. Jesus blickt Zachäus an, gütig und liebevoll – so, wie er den reichen Jüngling angeblickt hat und Petrus nach der drei­maligen Ver­leugnung. Unter diesen Blicken wird ein hoffnungs­loser Fall zu einem von Gott geliebten Menschen. Was mit diesen Blicken beginnt, das ist kein Menschen­werk und keine Selbst­gerechtig­keit, sondern das ist das Werk der Liebe Gottes, die in Jesus Fleisch wurde.

Und was geschieht dann? Jesus sagt zu Zachäus: „Steig eilend hernieder; denn ich muss heute in deinem Hause einkehren.“ Mit diesem Wort öffnet Jesus zwei Türen. Die eine Tür ist die Haustür des Zachäus. Schnell steigt der Oberzöllner vom Baum, führt Jesus zu seinem Haus und lädt ihn ein. Er fühlt sich glücklich und geehrt durch diesen besonderen Gast. Frau Zachäus kocht ein gutes Zssen, Und die Zachäus-Kinder begrüßen den ehren­werten Rabbi. Man isst, man sitzt zusammen, man redet. Auch draußen vor der Tür wird geredet, aber nichts Gutes: „Bei einem Sünder ist er ein­gekehrt“, tuschelt man. Aus­gerechnet mit diesem hoffnungs­losen Fall gibt sich Jesus ab! Mancher angesehene Bürger hatte gehofft, Jesus würde ihm die Ehre geben. Die Armen! Sie wissen nicht, dass sie genauso hoffnungs­lose Fälle sind und dass sie Jesu Besuch genauso wenig verdient haben. Jesus aber sitzt bei Zachäus, um allen zeigen: Hier gehöre ich hin – zu den Sündern, zu den hoffnungs­losen Fällen. Sicher wird er dem Zachäus gesagt haben, dass Gott ihm seine Sünden vergibt. Und damit hat er nach der Haustür die zweite Tür geöffnet: Die Herzenstür des Zachäus. Zachäus ist über­wältigt von der Liebe seines Gastes und von der Liebe Gottes, darum legt er ein Ver­sprechen ab: „Siehe, Herr, die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen, und wenn ich jemand betrogen habe, das gebe ich vierfältig wieder.“ Zachäus ist bereit wieder­gutzu­machen, so gut er kann. Er ist bereit, zu lieben und zu opfern, wo es gewöhnlich am meisten schmerzt: am Geld­beutel. Er ist bereit, sich zu bessern, und zeigt dies öffentlich an. Ja, Jesus hat ihm nicht nur die Haustür, sondern auch die Herzenstür geöffnet, um zu ihm zu kommen und ihn, den hoffnungs­losen Fall, für Gott zurück­zuge­winnen. Ganz besonders als leiblicher Nachkomme Abrahams ist Zachäus ja ein Mitglied von Gottes aus­erwähltem Volk. Der Segen, den Jesus in das Haus und in das Herz von Zachäus bringt, strahlt sogleich aus auf Frau Zachäus und die Kinder. So kann Jesus sagen: „Heute ist diesem Hause Heil wider­fahren, denn auch er ist Abrahams Sohn.“

Nur weil Jesus sich der hoffnungs­losen Fälle annimmt, sitzen wir heute hier. Nur weil Jesus hoffnungs­lose Sün­der wie dich und mich sucht, haben wir ein Chance. Es ist sogar weit mehr als eine Chance, was Jesus uns bietet: Er will uns be­schenken, er will uns verändern, und darum lädt er sich bei uns ein, wie er sich bei Zachäus eingeladen hat: „Ich muss heute in deinem Hause ein­kehren.“ Ihn wieder aus­zuladen, das wäre eine tödliche Be­leidi­gung – wirklich tödlich, denn ohne diesen Jesus gehen wir hoffnungs­los zugrunde. Jesus lädt sich bei uns ein – welche Türen öffnen sich ihm bei uns? Die Haustür hat sich sicher schon längst geöffnet: Die Bibel ist in unserer Wohnung vorhanden. An den Wänden hängen fromme Bilder und Sprüche. Beim Mittag­essen wird gebetet, und sonntags wird zur Kirche gegangen. Ja, die Haustür steht Jesus offen; äußerlich ist er ganz un­bestritten unser Gast. Und ich hoffe, wir sind ebenso frohe Gastgeber wie Zachäus, der „eilend“ hernieder­stieg und Jesus „mit Freuden“ aufnahm. Wie aber steht es mit unserer Herzens­tür? Findet da die Liebe Gottes Einlass? Leben wir aus der Vergebung unserer Sünden? Sind wir aus Freude über die Vergebung bereit, die Hälfte unseres Lebens weg­zuschen­ken, wenn Jesus das möchte? Sind wir bereit, unsere Sünden so offen ein­zugestehen und wieder­gutzu­machen, wie Zachäus es tat? Wenn wir ehrlich sind, müssen wir ein­gestehen: An unserer Herzenstür muss Jesus immer wieder klopfen und rütteln, denn wir machen sie immer wieder zu. Wie schnell geschieht es, dass wir Jesu Liebe nicht herein‑ und die Nächsten­liebe nicht heraus­lassen! Ja, an dieser Tür muss täglich gearbeitet werden, „in täglicher Reue und Buße“, wie es im Kleinen Katechis­mus heißt. Lass nur Jesus an deiner Herzenstür arbeiten! Er klopft und rüttelt – auch mit dieser Geschichte und mit dieser Predigt.

Welche Früchte der Buße könnten sich dann bei uns ein­stellen? Die Liebe wird dich schon lehren, was du zu tun hast. Aber eine Anregung möchte ich doch weiter­geben. Zu Anfang sprach ich von den so­genannten hoffnungs­losen Fällen unserer Zeit. Wir haben gesehen, dass solche Be­zeichnung durch mensch­liche Über­heblich­keit zustande kommt. Vor Gottes Gesetz sind alle Menschen hoffnungs­lose Fälle, aber vor Jesu Liebe gibt es keine. Darum sieh die scheinbar hoffnungs­losen Fälle unserer Zeit mit den Augen Jesu an! Sieh sie mit Liebe an – dann werden sich schon die rechten Glaubens­früchte bei dir einstellen – so wie damals bei Zachäus. Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 1983.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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