Kleine Leute als Vorbild und Verantwortung

Predigt über Matthäus 18,1-7 zum Sonntag Judika

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Besser sein als andere, am besten der Beste sein – diese Sehnsucht steckt tief drin im Menschen. Der Schüler strebt nacht besten Noten, der Sportler nach besten Leistungen, der Künstler nach besten Kritiken, der Politiker nach besten Wahl­ergebnissen. Und wer es in einem bestimmten Land zur Spitzen­position gebracht hat, der möchte dann oftmals auch noch zur Weltspitze gehören, der möchte Weltmeister werden, oder der mächtigste Mann der Welt.

Jesu Jünger waren auch nur Menschen. In der heutigen Evangeliums­lesung haben wir gehört, wie sich zwei von ihnen die besten Plätze im Himmelreich sichern wollten. Und aus unserem Predigttext erfahren wir, dass sie einmal über die Frage disku­tierten, wer denn der Gößte in Gottes Reich ist. Jesus sollte diese Frage entscheiden. Da rief Jesus den kleinsten Menschen herbei, der gerade in der Nähe war: ein Kind. Und dann machte er mithilfe dieses Kindes deutlich, dass die Frage nach dem Größten in Gottes Reich völlig abwegig ist. In der Politik, in der Kultur, im Sport oder in der Wissenschaft mag es einen Wettstreit darum geben, wer der Größte und Beste ist, aber in Gottes Reich hat dieser Wettstreit nichts zu suchen. Denn, so antwortete Jesus, im Himmelreich ist der Kleinste der Größte. Und andersherum gilt natürlich auch: Der Größte ist der Kleinste. Wiederholt hat Jesus fest­gestellt: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, aber wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ Und mit unserm Predigttext mahnt er seine Jünger: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“

Wie die Kinder werden – was meint Jesus damit? Er meint damit nicht, dass wir uns dumm stellen oder ver­antwortungs­los leben sollen. Selbst­verständlich erwartet Gott von Erwachsenen mehr als von Kindern, entsprechend ihren Gaben und Aufgaben. Der Apostel Paulus schrieb an die Korinther: „Als ich ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war“ (1. Kor. 13,11). Nein, Jesus meint es so: Ins Reich Gottes gehört nur der, der sich als Kind des himmlischen Vaters erkennt. Ein Kind weiß, dass es auf die Versorgung und Hilfe seiner Eltern angewiesen ist; ebenso weiß ein Kind Gottes, dass es auf Gott angewiesen ist. Ein Kind ist sich auch bewusst, dass es noch nicht so viel leisten kann wie ein Erwachsener; ebensowenig können wir Gott mit unseren menschlichen Leistungen be­eindrucken. Ein Kind vertraut sich ganz der Liebe und Fürsorge seiner Eltern an; ebenso vertrauen Gottes Kinder ihrem himmlischen Vater. Kurz: Wie Kinder werden bedeutet, Gott gegenüber eine kindliche Einstellung haben. Der Apostel Paulus schrieb im Römerbrief: „Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.“ (Römer 12,16) Und der Apostel Petrus schrieb in seinem 1. Brief: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade“ (1. Petrus 5,5). Damit ist die Frage, wer der Größte oder Beste in Gottes Reich ist, hinreichend beantwortet.

Liebe Brüder und Schwestern, diese Einsicht ermahnt uns. Wir sollen uns bloß nicht einbilden, wir könnten Gott mit irgendetwas be­eindrucken. Und erst recht sollten wir nicht meinen, wir könnten Gott auf Augenhöhe begegnen und uns mit irgend­welchen Leistungen sein Wohlwollen verdienen. Zugleich tröstet uns diese Einsicht. Wir brauchen Gott gar nicht zu be­eindrucken, wir brauchen uns bei ihm nichts zu verdienen, wir dürfen vor ihm ganz kindlich sein. Denn das Wichtigste und Wertvollste schenkt Gott frei und umsonst durch seinen eingeborenen Sohn: die Teilhabe am Reich Gottes und die ewige Seligkeit. Das Leistungs­prinzip hat nur auf Erden einen gewissen Sinn, im Himmelreich ist es überflüssig und sogar schädlich.

Jesus hatte damals ein Kind vor seine Jünger hingestellt und es ihnen auf diese Weise im wahrsten Sinne des Wortes zum Vorbild gemacht. Auch für uns sollen diese kleinen Leute Vorbilder sein, wenn es um unsern Glauben und um unsere Beziehung zum himmlischen Vater geht. Damit ist die erste Hälfte des Predigt­textes erklärt. In der zweiten Hälfte geht es dann um die Ver­antwortung für die kleinen Leute. Jesus machte seinen Jüngern mit dem Kind klar, dass kleine Leute nicht nur ein Vorbild, sondern auch eine Aufgabe sind.

Jesus sagte: „Wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.“ Wir müssen dabei be­rücksichti­gen, dass Kinder damals viel weniger Auf­merksamkeit und Wert­schätzung erhielten als heute. Kinder waren einfach in großer Zahl vorhanden und wuchsen ohne viel Brimborium heran; da gab es keine Kinder­geburtstage, keine Ein­schulungs­feiern und dergleichen. Wenn Kinder damals ihre Eltern verloren oder wenn die Eltern sehr arm waren, dann konnten sie schnell in lebens­bedrohliche Not geraten. Verwandte nahmen sie oft nur widerwillig auf und ließen sie spüren, dass sie als zusätzliche Esser unwillkommen waren. Jesus hat nun die Jünger darauf hingewiesen, dass Kinder vollwertige Menschen sind. Deswegen sollte man sich ihnen nicht verweigern, wenn sie Hilfe und Zuwendung nötig haben. Kinder können genauso Nächste sein wie Erwachsene, und so gilt das Gebot der Nächsten­liebe ohne Ein­schränkung auch für sie. Und ebenfalls gilt das für sie, was Jesus im Blick auf alle bedürftigen Menschen gesagt hat: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Matth. 25,40). Wie heißt es doch gleich im Predigttext? „Wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.“ Viele Bibel­ausleger weisen mit Recht darauf hin, dass das Kind hier ganz allgemein für kleine Leute steht – also auch für „geringe“ Brüder und Schwestern unter den Erwachsenen, nämlich für hilfs­bürftige Menschen, die von anderen verachtet uns ausgegrenzt werden. Besonders ist dabei an hilfs­bedürftige Mitchristen zu denken, die in Gottes Reich ja eigentlich immer Kinder sind.

Liebe Brüder und Schwestern, auch diese Einsicht ermahnt uns. Sie ermahnt uns zur Nächsten­liebe ohne Ansehen der Person. Sie ermahnt uns, allen Menschen mit Liebe und Respekt zu begegnen, so als begegneten wir dem Herrn Jesus selbst. Diese Einsicht ermahnt uns im Besonderen, bedürftigen Glaubens­geschwistern gegenüber hilfsbereit zu sein, ganz egal, ob sie zu unserer Familie oder nicht; ganz egal, ob sie zu unserm Volk gehören oder nicht; und ganz egal, ob sie uns sympathisch sind oder nicht. Diese Einsicht ermahnt uns auch, dass uns das Wohlergehen der Kinder besonders am Herzen liegen soll. Wenn Kinder getauft sind, dann sind sie ebenso unsere Glaubens­geschwister wie die erwachsenen Mitchristen. Haben wir das immer be­rücksichtig? Sind wir dieser Aufgabe an kleinen Leuten aller Art immer gerecht geworden, sind wir ihnen mit Liebe und Respekt begegnet? Wenn wir ehrlich sind, werden wir hier Defizite erkennen. Und wenn wir das mit Reue bekennen, dann kann uns die Einsicht trösten, dass Gott seinerseits uns als seine Kinder lieb behält, die Schuld vergibt und zur Besserung hilft.

Weiter sagte Jesus: „Wer einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist. Weh der Welt der Verführungen wegen! Es müssen ja Verführungen kommen; doch weh dem Menschen, der zum Abfall verführt!“ Das ist eine ernste Warnung an alle, die kleinen Leuten aller Art nicht nur nicht helfen wollen, sondern ihnen sogar Schaden zufügen. Wir verstehen das gut in einer Zeit, wo immer deutlicher ans Licht kommt, wie viele Kinder missbraucht und misshandelt werden. Aber das, was Jesus hier anspricht, ist noch schlimmer: die Verführung zum Abfall. Im griechischen Text des Neuen Testaments steht dafür das Wort Skandalon, wörtlich übersetzt „Stolper­stein“. Ein wirklicher Skandal ist es also, wenn jemand einer kleinen Seele einen geistlichen Stolperstein in den Weg legt, ein Glaubens­hindernis. Wenn zum Beispiel jemand einem Christen weismachen will, Gott gebe es gar nicht. Oder wenn Theologen mit wissen­schaftlicher Autorität behaupten, Jesus sei gar nicht von einer Jungfrau geboren, oder er sei gar nicht leibhaftig auf­erstanden. Oder wenn gewissenlose Leute böse Witze über Gott und heilige Dinge reißen. Oder wenn Skeptiker von Christen Rechenschaft darüber fordern, warum Gott so viel Leid in der Welt zulässt. Oder wenn laue Christen mit ihrem Lebenswandel schlechte Vorbilder sind. Oder wenn Eltern und Paten ein Kind zwar zur Taufe bringen, hinterher aber nichts für seine christliche Erziehung tun und ihm auch nicht den Gottesdienst lieb und wert machen. Immer dann, wenn Leute den Glauben anderer gefährden, haben sie es verdient, dass man sie mit einem Mühlstein um den Hals im Meer versenkt.

Liebe Brüder und Schwestern, auch wir haben das verdient; diese Mahnung Jesu geht tatsächlich auch uns etwas an. Wer von uns könnte schon behaupten, dass er immer ein gutes Vorbild für andere gewesen ist und eine Glaubens-Ermutigung? Auch in dieser Hinsicht müssen wir bekennen, das wir den Erwartungen unsers Herrn nicht gerecht werden, sondern ihn sehr enttäuscht haben. Wenn wir das aber ehrlich und mit Reue bekennen, dann wird uns vergeben, und es kann uns wieder die Einsicht trösten, dass Gott uns als seine Kinder lieb behält und uns zur Besserung hilft. Weil der, der seinen Jüngern so streng das Gesetz predigte, sich danach am Kreuz für die Schuld aller Menschen erhöhen ließ, bleibt uns erspart, dass wir mit einem Mühlstein um den Hals in die Tiefe der Hölle hinunter­fahren und für immer dort bleiben. Um seinetwillen dürfen wir uns mit aller kindlichen Demut und Bescheiden­heit glücklich preisen, dass wir zu Gottes Reich gehören – und sei es nur als die Aller­kleinsten. Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2018.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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