Vom Ernst der Gebote

Predigt über Matthäus 5,27-32 zum 18. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Immer wieder freuen wir uns neu über die befreiende Botschaft des Evangeliums: Wir werden ohne des Gesetzes Werke vor Gott gerecht, allein durch den Glauben an Jesus Christus! Aber so schön und wichtig diese Haupterkenntnis der Reformation auch ist: Sie kann miss­verstanden werden, und das ist gefährlich. Es kann nämlich geschehen, dass jemand Gottes Gebote nun nicht mehr ernst nimmt, wo doch die Seligkeit nicht von ihnen abhängt. Jesus selbst zeigt uns, dass das ein fataler Irrtum ist. Jesus hat Gottes Gebote nämlich äußerst ernst genommen und sie mit einer Radikalität ausgelegt, die uns fast den Atem stocken lässt. Seine berühmteste Predigt, die Bergpredigt, beweist das. Zur Zeit des Kalten Krieges erfuhr die Bergpredigt sogar ein allgemeines öffentliches Interesse – besonders im Hinblick auf Gewalt­verzicht und Feindes­liebe. Aber Jesus hat in der Bergpredigt nicht nur das Gebot „Du sollst nicht töten“ radikal ausgelegt, sondern auch andere Gebote, und zwar mit derselben Radikalität. Der Abschnitt, den wir eben gehört haben, betrifft das sechste Gebot: „Du sollst nicht ehebrechen.“ Nehmen wir es als Beispiel dafür, wie ernst Gottes Gesetz tatsächlich gemeint ist.

Zunächst erinnerte Jesus daran, was den Frommen in Israel seit Moses Zeiten vertraut vertraut war. Es handelt sich um eines der berühmten Zehn Worte Gottes, feierlich verkündigt am Berg Sinai, in Stein geschrieben und als Grundgesetz von Gottes Bund in der heiligen Lade aufbewahrt. Jesus predigte: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen.“ Seine Jünger und die anderen Hörer der Bergpredigt rechneten damit, dass er danach verschiedene Äußerungen anerkannter Schrift­gelehrter zitiert und auf diese Weise zu den stets aktuellen Fragen von Ehe und Ehescheidung Stellung nimmt. Von einem Rabbi erwartete man das damals so. Aber Jesus zitierte nur das Gebot selbst, sonst nichts weiter, und fuhr dann fort mit den Worten: „Ich aber sage euch.“ Diese Art zu reden muss die Menschen zu der Zeit schockiert haben: Ich, Jesus, lehre euch jetzt aus eigener Vollmacht; ich verkündige euch jetzt unabhängig von jeder Menschen­meinung, was der Vater im Himmel wirklich gemeint hat mit diesem Gebot. So darf kein Mensch reden, wenn er nicht anmaßend sein will, aber so darf Gottes Sohn reden: „Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.“ Jesus meint es so, wie er es gesagt hat: Es geht beim Ehebrechen nicht nur um Scheidungen und Seiten­sprünge, sondern es geht um das menschliche Herz, um begehrliche Gedanken und Blicke, um unreine Fantasien und verbotene Träume. Egal, ob es beim Träumen bleibt oder ob daraus Worte werden oder gar ein Flirt: In Gottes Augen ist bereits der unreine Gedanke ein Ehebruch. „…der hat schon die Ehe gebrochen“, sagte Jesus.

Die Ehe ist etwas leicht Zerbrech­liches, darum müssen wir gut auf sie aufpassen. Gott hat die Ehe geschaffen mit der Absicht, dass Mann und Frau sich bis an ihr Lebensende beständig treu bleiben sollen. Der Mann soll nicht einmal denken, dass eine andere Frau für ihn in Frage kommen könnte, und auch die Frau soll nicht einmal von einem anderen Mann träumen. So ernst steht es um die Ehe, so ernst steht es um das sechste Gebot. Es reicht nicht, den äußeren Anschein einer stabilen und glücklichen Partner­schaft aufrecht zu erhalten und sich nicht zu scheiden; es geht vielmehr darum, dass einer dem andern mit ungeteiltem Herzen zugewandt bleibt. Lasst uns deshalb Acht haben auf unsere Ehen – sowohl auf die eigenen als auch auf die fremden, dass wir die nicht von außen gefährden. Noch einmal: Ehen sind etwas sehr Zartes und Empfind­liches; dass wir sie nur nicht zerbrechen!

Aber wer kann schon behaupten, dass ihm das vollkommen gelingt? Wer hat schon seine Gedanken und Augen ständig unter Kontrolle? Um so schockie­render ist das, was Jesus als Nächstes sagt: „Wenn dich aber dein rechtes Auge zum Abfall verführt, so reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde. Wenn dich deine rechte Hand zum Abfall verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle fahre.“ Das mit dem Abhauben und Ausreißen meint Jesus natürlich nicht wörtlich, sondern es ist ein Gleichnis. Denn wenn ein Mann ein lüsternes Auge auf eine fremde Frau wirft, dann kann ja eigentlich sein Auge nichts dafür, und das Problem wäre mit dem Ausreißen nicht gelöst. Und wenn eine Frau einen fremden Mann liebevoll streichelt, dann kann ja eigentlich ihre Hand nichts dafür, und das Problem wäre mit dem Abhacken nicht gelöst. Jesus hat auch deutlich gesagt: „…der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.“ Eigentlich müsste sich also der, der die Auf­forderungen Jesu hier wörtlich versteht, sein Herz aus dem Leibe reißen. Nein, Jesus hat das nicht wörtlich gemeint.

Aber wie hat er es denn sonst gemeint? Er vergleicht hier eine körperliche Be­einträchti­gung mit der Hölle. Es geht dabei nicht um das, was Menschen heute manchmal Hölle nennen: irgendwelche Kriege oder andere Qualen, die viele in ihrem Leben erleiden müssen. Für die echte Hölle ist etwas anderes typisch: die absolute Hoffnungs­losigkeit. Solange ein Mensch auf Erden lebt, kann er auf Besserung und Hilfe hoffen, und wenn er dabei auf Gott vertraut, dann wird diese Hoffnung nicht vergeblich sein. Die echte Hölle aber bedeutet das endgültige Aus, die endgültige Trennung von Gott und vom guten Leben. Jesus stellt nun fest: Besser behindert sein als in dieser echten Hölle enden; besser schlimme körperliche Be­einträchti­gungen und Leiden erfahren, als das Seelenheil verlieren – das ewige Leben bei Gott. Denn nichts ist schlimmer, als endgültig von Gott getrennt sein. Genau das hat Jesus gemeint. Die Gebote sagen also nicht nur, wie wir uns verhalten sollen, sondern sie zeigen uns auch, dass wir uns von Gott abtrennen, wenn wir sie übertreten. Wer die Ehe bricht, und sei es auch nur mit begehrlichen Blicken und in Gedanken, der verletzt damit Gottes heiligen Willen und entfernt sich von ihm. Mit anderen Worten: Er bewegt sich in Richtung Hölle. Ja, so ernst ist es mit Gottes Gesetz. Jesus hat daran keinen Zweifel gelassen in der Bergpredigt.

Und da fragen wir erschreckt: Wer kann denn dann selig werden? Auch die Jünger waren in dieser Weise erschrocken und haben dieselbe Frage gestellt (Matth. 19,25). Solches Erschrecken ist gut und heilsam. Es zeigt uns nämlich, dass unser Gewissen nicht abgestumpft ist. Es zeigt uns, dass wir die Worte unseres Herrn ganz ernst nehmen. Und es treibt uns in die Buße – das Einzige, was uns retten kann. Es treibt uns immer wieder dahin, dass wir unsere Sünden reumütig bekennen – auch diejenigen Sünden, die wir vor anderen Menschen geheimhalten können, weil sie in unserm Herzen verborgen bleiben. Es lässt uns an unseren eigenen Möglich­keiten verzweifeln und und lehrt uns, ganz auf Gottes Hilfe zu vertrauen. Erst mit diesem Erschrecken verstehen wir richtig, warum wir einen Erlöser nötig haben, der am Kreuz für unsere Schuld gestorben ist. Nur wer Gottes Gesetz ganz ernst nimmt, kann Gottes Evangelium begreifen.

Bis hierher handelt dieser Abschnitt aus der Bergpredigt von unserem Verhältnis zu Gott. Dies ist die Hauptsache; dies ist das Wichtigste, was Jesus uns lehrt. Das bedeutet aber nicht, dass Jesus die praktischen zwischen­menschlichen Fragen egal wären. Darum fügt er seinen Ausführungen zum sechsten Gebot noch folgende Sätze an: „Es ist auch gesagt: Wer sich von seiner Frau scheidet, der soll ihr einen Scheidebrief gebeben. Ich aber sage euch: Wer sich von seiner Frau scheidet, es sei denn wegen Ehebruchs, der macht, dass sie die Ehe bricht; und wer eine Geschiedene heiratet, der bricht die Ehe.“ Wieder zitiert Jesus zuerst aus dem Mose-Gesetz und fährt dann mit seinem voll­mächtigen „Ich aber sage euch“ fort. Wie in jedem Rechtsstaat gab es schon im alten Israel Bestimmungen für den Fall, dass Eheleute sich trennen. Durch geeignete Gesetze und Dokumente wird dabei sicher­gestellt, dass kein Geschiedener in ein gesellschaft­liches Vakuum fällt. Das bedeutet aber nicht, dass der Geschiedene nun einem Menschen gleicht, der nie verheiratet war. Gottes Ordnung der Ehe gilt ja lebenslang, das lässt sich nicht außer Kraft setzen – weder damals durch einen Scheidebrief noch heute durch ein rechts­kräftiges Urteil vom Amtsrichter. Mit seinem „Ich aber sage euch“ gibt Jesus daher allen Ehepaaren, denen Gottes Wille wichtig ist, folgenden Rat: Haltet um Gottes Willen an eurer Ehe fest, selbst wenn sie euch zeitweise belastet. Falls es aber doch zur Trennung kommt, so verzichtet auf eine erneute Heirat, solange der erste Partner lebt. Nur eine Ausnahme gibt es, nämlich wenn ein Partner einseitig und mutwillig die Ehe abbricht, etwa weil er mit jemand anderem zusammen­leben möchte. Kommt es in diesem Fall zur Scheidung, dann ist der andere Partner frei und kann ebenfalls erneut heiraten. Aus diesem Grund hat man früher offziell einen Unterschied gemacht zwischen schuldig Geschiedenen und unschuldig Ge­schiedenen.

Gottes Gebote sind gut. Wer sich nach ihnen richtet, findet gutes Leben – so, wie der Schöpfer es uns von Anfang an zugedacht hat. Und wer die Gebote verfehlt, der verfehlt das gute Leben. Wir sehen: Gottes Gesetz ist tatsächlich eine ernste Sache; es geht dabei um Leben und Tod. Aber vor allem zeigt uns Jesu radikale Auslegung: Wir schaffen es nicht, uns mithilfe des Gesetzes Gottes Wohlwollen und das ewige Leben zu erarbeiten; wir sind einfach nicht gut genug. Darum suchen und finden wir Zuflucht bei dem, der nicht nur Gottes Gesetz so radikal ausgelegt hat in der Bergpredigt, sondern der auch mit seinem Leiden und Sterben das schreckliche Urteil des Gesetzes über den Sünder stell­vertretend für uns auf sich genommen hat. Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2017.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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