Die Sünde gegen den Heiligen Geist

Predigt über Matthäus 12,31-32 zum Pfingstmontag

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Pfingst­montag zeigt: Der Heilige Geist ist ganz wichtig. Wäre er nicht so wichtig, dann hätte man das Pfingstfest mit seinen zwei Feiertagen nicht dem Christfest und dem Osterfest gleich­gestellt. Auch unser Predigttext zeigt: Der Heilige Geist ist ganz wichtig. Da sagt Jesus: Eine einzige Sünde kann nicht vergeben werden, nämlich die Sünde gegen den Heiligen Geist. Sogar Lästerungen gegen Jesus persönlich können vergeben werden, aber nicht gegen den Heiligen Geist – jetzt nicht und in Ewigkeit nicht.

Weil der Heilige Geist so wichtig ist und weil die Sünde gegen ihn so gefährlich ist, möchte ich heute näher darauf eingehen. Ich möchte es mit Martin Luther tun. Er hat im Jahre 1529 einen Aufsatz darüber geschrieben, den „Sermon von der Sünde wider den Heiligen Geist“. 1529 war das Jahr, als Luther den teilweise recht ungebildeten Pfarrern und Lehrern seiner Zeit Hilfsmittel an die Hand gab, um die christliche Lehre richtig zu verkündigen. In jenem Jahr sind auch der Große und der Kleine Katechismus entstanden. Aber besonders der „Sermon von der Sünde wider den Heiligen Geist“ ist es, der mir bei meiner heutigen Predigt als Leitfaden dient.

Zuerst erinnert Luther an den Zusammen­hang, in dem Jesu Worte stehen. Jesus hatte gerade einen Besessenen geheilt; da warfen die Pharisäer ihm vor, dass er mit dem Teufel um Bund stehe und nur deshalb solche Wunder tun könne. Jesus recht­fertigte sich gegen diesen Vorwurf und warnte dann die Pharisäer mit dem Drohwort von der Sünde gegen den Heiligen Geist. Luther umschreibt diese Drohung so: „Ich sage euch, wenn ihr nicht ablasst zu lästern gegen die offen­sichtliche Wahrheit, dann sündigt ihr nicht gegen mich, sondern gegen den Heiligen Geist. Diese Sünde kann weder hier noch dort vergeben werden.“

Dann weist Luther darauf hin, dass viele Gelehrte sich seither den Kopf zerbrochen haben: Was meint Jesus eigentlich mit der Sünde gegen den Heiligen Geist? Es gibt doch Beispiele von Leuten, die erst gegen das Evangelium gelästert und sich dann bekehrt haben; denen hat Gott offenbar vergeben. Was genau ist denn diese Sünde gegen den Heiligen Geist, die niemals vergeben werden kann?

Luther stellte fest, dass es offen­sichtlich verschiedene Arten von Sünde gibt. Dieses Thema hat die Christen aller Zeiten beschäftigt. Die römisch-katholische Kirche unter­scheidet zum Beispiel Todsünden von lässlichen Sünden. Von ihrem Bauchgefühl her unter­scheiden viele Menschen schwere und leichte Sünden: Wenn zum Beispiel jemand einen Menschen ermordet, dann sind die Folgen natürlich viel gra­vierender, als wenn er ihm nur zwei Euro stiehlt. Und wenn wir über unsere eigenen Sünden nachdenken (das sollten wir immer wieder tun), dann mag uns manches schwer auf dem Gewissen liegen oder auch besonders peinlich sein, anderes dagegen belastet uns nicht so sehr, und vieles ist uns gar nicht als Sünde bewusst.

Hier setzt Martin Luther an und unter­scheidet offen­sichtliche, aber bereute Sünden von unerkannten und unbereuten Sünden. Als Beispiele für die offen­sichtlichen Sünden nennt er Mord, Ehebruch, Hurerei, Geiz, Hochmut, Hass und Neid. Interessanter­weise sagt er von diesen „groben“ Sünden: „Diese sind nun nicht so gar gefährlich; denn sie haben den Vorteil, dass sie dem reuigen Sünder vergeben werden.“ Viel gefähr­licher, sagt Luther, sind die scheinbar so kleinen und harmlosen Sünden, die man gar nicht als Sünden wahrhaben will, wie zum Beispiel ein schaden­frohes Lachen oder ein gestohlener Heller. Wenn jemand leichtfertig sagt: Das ist doch nur eine Lappalie!, und es nicht für nötig hält, solche Sünden vor Gott zu bekennen, dann bleiben sie unvergeben und stehen weiter zwischen Gott und ihm. Dazu gehören allerdings nicht solche Sünden, die wir einfach vergessen oder übersehen haben, denn die vergibt Gott natürlich auch, wenn wir ihn dafür pauschal um Verzeihung bitten.

Luther zeigt in seiner Schrift, dass die Unter­scheidung zwischen offen­sichtlichen bereubaren Sünden einerseits und unerkannten ver­harmlosten Sünden andererseits bedeutsam ist. Die erste Art kann dem, der nach Gottes Willen fragt, nicht ernstlich schaden, denn er bekommt sie vergeben, wenn er sie bereut. Die groben Sünden mögen zwar in dieser Welt viel Not und Ärger nach sich ziehen, aber sie können den reumütigen Sünder nicht in Gottes Gericht verurteilen und von der Seligkeit aus­schließen. Die unerkannten und unbereuten Sünden dagegen trennen den Sünder von Gott. Luther zählt dazu auch das, was er „heilige“ und „geistliche“ Sünden nennt. Er meint damit Sünden, die Menschen gerade deswegen begehen, weil sie Gott besonders eifrig dienen wollen. So haben die Pharisäer damals aus vermeint­licher Frömmigkeit Jesus bekämpft, und so ist auch der Apostel Paulus aus Eifer für Gott zunächst ein Christen­verfolger gewesen.

Nun sind diese „heiligen“ und „geist­lichen“ Sünden allerdings nichts dasselbe wie die Sünde gegen den Heiligen Geist. Luther nennt Paulus als Gegen­beispiel: Er ist ja später bekehrt worden, hat seine Christen­verfolgung bereut und hat Gottes Vergebung dafür empfangen. Die Christen­verfolgung des Paulus kann also nicht die Sünde gegen den Heiligen Geist gewesen sein, so schlimm sie auch war. Warum aber wurde sie vergeben? Luther sagt: Weil Paulus Christus unwissend verfolgt hat, wie er später selbst bezeugte. Er hatte Christus noch gar nicht persönlich kennen­gelernt, und das Evangelium war ihm fremd. Als Christus dann in sein Leben trat und ihn zur Umkehr rief, da hat er seinen Widerstand gegen ihn aufgegeben, und da erkannte er dann auch seine bisher unerkannte Sünde. Bei den Pharisäern, befürchtet Luther, war es anders: Obwohl Christus ihnen mehrfach begegnete, sie lehrte und ermahnte, beharrten sie stur auf ihrem Widerstand gegen ihn. Wissentlich und willentlich wollten sie ihren Fehler nicht einsehen, und das wurde ihnen zum Verhängnis. Das, meint Luther, ist ein Beispiel für die Sünde gegen den Heiligen Geist. Wir sehen: Nicht jede unerkannte Sünde ist die unvergebbare Sünde gegen den Heiligen Geist, sondern nur solche unerkannte Sünde, die zwar durch den Heiligen Geist und durch die Begegnung mit Jesus aufgedeckt worden ist, an der der Mensch aber dennoch stur und ohne Reue festhält.

Luther hat die Sünde gegen den Heiligen Geist so beschrieben, „dass sie der hellen Wahrheit wissentlich wider­strebt“. Um es noch deutlicher zu sagen: Wer gegen den Heiligen Geist sündigt beziehungs­weise lästert, der sagt ihm offen ins Gesicht: Du lügst! Was du, Heiliger Geist, mir da in deinem Wort als Sünde vorhältst, ist keine Sünde; und was du mir da in deinem Wort als Gnade anbietest, das stimmt so nicht. Wenn zum Beispiel jemand nach Gottes Willen in der Heiligen Schrift sucht, dann aber die Zehn Gebote für überholt hält, dann wäre das Sünde gegen den Heiligen Geist. Oder wenn jemand mit einem christlichen Vor­verständnis die Bibel liest, dann aber ganz bewusst das Sühnopfer Jesu am Kreuz abstreitet, wäre das ebenfalls Sünde gegen den Heiligen Geist.

Luther hat das in seiner Zeit schmerzlich erleben müssen bei denjenigen, die das wieder­entdeckte Evangelium hartnäckig und entgegen aller klaren Belege aus der Heilige Schrift abgelehnt haben. Er schreibt: „Das ist ja nun eine schwere Sache, dass es nicht allein Sünde ist, sondern dass sie dazu sich selbst unvergeblich macht.“ Nicht die Leugnung von Gottes Wahrheit als solche, sondern das hartnäckige, reuelose Festhalten an ihr gegen das klare Zeugnis des Heiligen Geistes macht die Vergebung unmöglich.

Luther hat aus Christi Worten heraus­gehört, „dass ihm solch wissent­liches Lästern sehr nahe zu Herzen gegangen ist“. Darum mahnt Luther ernstlich (und wir sollten diese Mahnung wirklich ganz ernst nehmen!): „Lasst uns um Gottes Willen auch nicht scherzen, sondern zusehen und bitten, dass wir in der Furcht und Demut bleiben, dass wir doch die Wahrheit und Gottes Wort gerne hören, ob wir gleich zuweilen sonst straucheln und sündigen.“ Auf der anderen Seite warnt Luther davor, andere Menschen voreilig dieser Sünde zu bezichtigen und sie damit als hoffnungs­lose Fälle ab­zustempeln. Denn das liegt ja in der Natur der Sache: Solange sich jemand noch von Gottes Wort und dem Heiligen Geist ansprechen lässt, zeigt er damit, dass er die Sünde gegen den Heiligen Geist nicht begangen hat. Das ist auch ein großer Trost für jeden, der sich selbst ängstlich fragt, ob er womöglich die Sünde gegen den Heiligen Geist begangen hat: Solange er sich das noch fragt und nach Gottes Erlösung sehnt, hat er sie bestimmt nicht begangen.

Liebe Brüder und Schwestern, eigentlich ist das erste Pfingstfest eine großes Bußfest gewesen. In der Kraft des Heiligen Geistes riefen Petrus und die anderen Apostel Menschen aus vielen Ländern zur Umkehr und zum Glauben an Jesus Christus auf, und sie tauften die, die zu solcher Umkehr und zu solchem Glauben bereit waren. Dasselbe geschieht seither in der ganzen Christenheit bis zum heutigen Tag. Wer sich allerdings dagegen hartnäckig immun macht, dem ist nicht zu helfen, denn er begeht die Sünde gegen den Heiligen Geist. Allen anderen aber sei gesagt: „Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht“ (Hebr. 3,15). Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2017.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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