Das Fest der Thronbesteigung Christi

Predigt über Matthäus 22,41-46 zum Himmelfahrtstag

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

In unserer schnell­lebigen Zeit erleben wir häufig Wechsel von Regierungen. Alle paar Jahre wird neu gewählt, und wenn ein Regierungs­chef über zwei oder drei Legislatur­perioden hinweg an der Macht bleibt, dann ist das schon fast etwas Besonderes. Anders sieht es in Gottes Reich aus. Beständig herrscht da Jesus Christus – gestern, heute und in Ewigkeit. Da haben wir einen ver­lässlichen Herrn, der uns sogar noch über das Ende unseres Lebens und über das Ende der Welt hinaus regieren wird. Er ist ein guter Regierungs­chef – der beste, den es gibt. Er verdient unser volles Vertrauen, und es gibt nichts Klügeres, als seinen Weisungen nach­zukommen.

Wenn wir heute das Fest seiner Himmelfahrt feiern, so ist das kein Abschieds­fest Jesu, sondern sein Thron­besteigungs­fest. Die Himmelfahrt markiert den Beginn seiner Herrschaft – jedenfalls tut sie es für unsere Zeit und Welt. In der Ewigkeit beginnt und endet ja nichts; aber das könnnen wir uns nicht vorstellen, und darum feiern wir am heutigen Tage fröhlich die Himmelfahrt unsers Herrn als Fest seiner Thron­besteigung.

Um Christi Thron­besteigung recht zu begreifen, müssen wir in Gedanken zurückgehen. Mit der heutigen Epistel­lesung sind wir bereits zurück­gegangen an den vierzigsten Tag nach Jesu Auf­erstehung, wo er auf dem Ölberg bei Jerusalem vor den Augen seiner Jünger in den Himmel aufgehoben wurde. Mit unserem Predigttext gehen wir noch weiter zurück, in die Zeit vor Jesu Tod. Da stellte Jesus die Frage: Wie kann Davids Sohn zugleich Davids Herr sein? Diese Frage ist später durch Christi Himmelfahrt eindeutig beantwortet worden. Wir sollten aber noch weiter zurückgehen: Warum haben denn damals alle den Davidssohn als Messias, Christus und Erlöser erwartet? Was wusste David selbst vom Davidssohn, was hat er von ihm geweissagt? Wie sah es damals überhaupt mit der Thronfolge aus? Wann wechselte eine Regierung, und wie wurde die Thron­besteigung eines Kronprinzen gefeiert? All das sind Fragen, die uns helfen können, die Herrschaft unseres Heilands besser zu verstehen.

Lasst uns zurückgehen bis ins zweite Jahrtausend vor Christus, in die Zeit Abrahams. Da gab es in der Stadt Salem, dem späteren Jerusalem, einen König namens Melchisedek, der zugleich ein Priester war. Niemand kennt seine Herkunft, niemand weiß, was aus ihm geworden ist. Aber er war eine Weissagung in Person, eine lebendige Prophezeiung auf den einen König und Hohen­priester Jesus Christus hin, der sich selbst vor den Toren Jerusalems für alle Welt als Sündopfer dargebracht hat. Manch andere mehr oder weniger dunkle Ankündigung des kommenden Erlösers finden wir im Alten Testament. Tausend Jahre nach Melchisedek regierte David in Jerusalem als König über Israel, und Gott segnete seine Herrschaft. Diesem David gab Gott ein besonderes Versprechen. Er sagte zu ihm: „Wenn nun deine Zeit um ist und du dich zu deinen Vätern schlafen legst, will ich dir einen Nachkommen erwecken, der von deinem Leibe kommen wird; dem will ich sein Königtum bestätigen“ (2. Sam. 7,12). Gott ließ David erkennen, dass dieser Nachkomme beziehungs­weise dieser Davidssohn der versprochene Erlöser, Messias und Christus sein wird. Unter dem Eindruck dieser Verheißung dichtete David den 110. Psalm, der so beginnt: „Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache.“ In diesem Psalm heißt es auch: „Du bist ein Priester ewiglich nach der Weise Melchi­sedeks“ – also ein königlicher Priester in Jerusalem, so wie zuvor der legendäre Melchisedek. Schließlich spricht der Psalm auch davon, dass der Messias einst die Völker richten und alle Feinde strafen wird.

David starb, und sein Sohn Salomo wurde König in Jerusalem. Salomo starb, und dessen Sohn Rehabeam wurde König. Von Generation zu Generation saßen Davidssöhne auf dem Thron im Jerusalemer Palast. Einige von ihnen traten die Regierung schon zu Lebzeiten ihrer Väter an. Wenn ein alter oder kranker König nicht mehr regieren wollte oder konnte, dann bestimmte er einen Sohn zum Nachfolger und übertrug ihm alle Regierungs­geschäfte. Das geschah im Rahmen eines großen Thron­besteigungs­festes. Allerdings war es damals nicht üblich, dass der alte König dann abdankte. Er behielt immer noch den Königstitel und die königliche Würde, und er durfte auch immer noch auf seinem Thron im Regierungs­saal sitzen. Aber rechts neben ihm stand ein zweiter Thron, und auf den setzte sich der neue König beim Fest der Thron­besteigung. Seine Aufgabe bestand nun darin, den Willen des alten Königs durch geeignete Regierungs­maßnahmen durch­zusetzen. Er war gewisser­maßen die „rechte Hand“ des Königs (hier hat diese Redewendung auch ihren Ursprung).

In den folgenden Jahr­hunderten hielten Gottes Propheten die Erinnerung an die Weissagung des Davidssohns lebendig. Damit zeigten sie an: All die Davids­nachkommen, die bisher in Jerusalem regiert haben, sind nicht der Messias; der kommt erst noch. Die Spannung im Volk Israel wuchs: Wann wird er denn endlich kommen, der Christus, der richtige Davidssohn? Sie wuchs um so mehr, je mehr das Volk Israel von Feinden geplagt und unterdrückt wurde. Zu Jesu Zeiten war die Erwartung des Davidssohns bei allen Juden riesig. Deshalb war es zu der Zeit nichts Besonderes, wenn Theologen sich über den kommen Erlöser unter­hielten. Jesus begann ein ent­sprechendes Gespräch mit einer Gruppen von Pharisäern, indem er sie fragte: „Was denkt ihr von dem Christus? Wessen Sohn ist er?“ Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „Davids!“ Diese Antwort war selbst­verständ­lich; alle hätten so geantwortet. Auch kannten alle den 110. Psalm und wussten, dass David in ihm vom Messias geweissagt hatte. Aber da ist nun dieser merkwürdige Einleitungs­satz: „Der Herr sprach zu meinem Herrn…“ Mit dem ersten Herrn ist Gott gemeint, und mit dem zweiten Herrn der Messias, also der Davidssohn. Aber warum nennt David ihn hier „mein Herr“? Es ist doch völlig abwegig, dass ein Vater seinen Sohn einen Herrn nennt! Warum, fragte Jesus, nennt David hier seinen Sohn beziehungs­weise Nachkommen seinen Herrn? Kein Pharisäer und auch sonst niemand konnte Jesus diese Frage beantworten, und auch Jesus selbst ließ sie un­beantwortet – bis auf Weiteres jedenfalls.

Danach tat Jesus seinen priester­lichen Dienst, opferte sich selbst als universales Schuldopfer am Kreuz auf Golgatha, erstand von den Toten, erschien seinen Jüngern vierzig Tage lang, machten sie zu seinen Boten für die ganze Welt und wurde in den Himmel aufgehoben. Die Jünger sahen nicht, was dann mit ihm geschah, aber sie erfuhren es kurze Zeit später. Der Heilige Geist teilte es ihnen mit, den sie nach weiteren zehn Tagen beim Pfingstfest empfingen. Da bezeugten sie öffentlich: „Da er nun durch die rechte Hand Gottes erhöht ist und empfangen hat den verheißenen Heiligen Geist vom Vater, hat er diesen ausgegossen, wie ihr hier seht und hört. Denn David ist nicht gen Himmel gefahren; sondern er sagt selbst: Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache. So wisse nun ds ganze Haus Israel gewiss, das Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat.“ (Apostel­gesch. 2,33‑36)

Hier, liebe Brüder und Schwestern, wird uns nun verkündigt, dass die Himmelfahrt des Herrn in Wahrheit eine Thron­besteigung war – aber nicht die Besteigung des Thrones Davids, des Königs von Israel, sondern die Besteigung des Thrones an der rechten Seite des himmlischen Vaters, des Königs Himmels und der Erden. Damit erhalten wir Antwort auf die Frage, die Jesus zuvor den Phariäsern gestellt und zunächst un­beantwortet gelassen hatte: Wie kommt es, dass David seinen Sohnen seinen Herrn nennt? Deshalb, weil ihm Gott der Vater alle Regierungs­geschäfte im Himmel und auf Erden anvertraut hat, so wie alte Könige in der Antike ihren Kronprinzen die Regierungs­geschäfte zu übertragen pflegten, und weil Jesus somit auch König über alle irdischen Könige ist, also auch über seinen leiblichen Vorfahren David. Er sitzt nun zur Rechten des himmlischen Vaters, er ist nun seine „rechte Hand“, und hat die Aufgabe, dessen Willen durch­zusetzen. Wer den himmlischen Vater als König anerkennen will, der muss nun auch seinen Sohn als König anerkennen. Jesus hatte es ja selbst noch kurz vor der Himmelfahrt bezeugt: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ (Matth. 28,18).

Es gibt noch mehr Bibelstellen im Neuen Testament, die auf den 110. Psalm Bezug nehmen, und alle legen sie ihn in derselben Weise aus: Jesus von Nazareth ist der Davidssohn, der Christus, der versprochene Erlöser, der König und Priester nach der Weise Melchi­sedeks, der eingeborene Sohn und Mit-Regent des lebendigen Gottes. Es gibt keinen Abschnitt des Alten Testaments, auf den das Neue Testament häufiger Bezug nimmt als der 110. Psalm.

Damit kommen wir auf unserem Gedanken­spaziergang durch die Jahrhunderte wieder in die Gegenwart zurück. Nun sind wir gestärkt in der Überzeugung, dass wir mit Fug und Recht heute das Thron­besteigungs­fest des Herrn feiern – unsers Herrn. Denn wenn er alle Macht im Himmel und auf Erden hat und wenn er will, dass alle Völker seine Jünger werden, dann besteht kein Zweifel: Er ist auch unser König, er regiert auch über uns. Am Himmel­fahrtstag denken wir besonders daran, dass der himmlische Vater ihm alle Regierungs­geschäfte übertragen hat. Er sitzt zur Rechten Gottes, er ist Gottes „rechte Hand“. Ihm hat der Vater den Heiligen Geist anvertraut, damit er ihn über uns Menschen ausgieße. Er vergibt uns unsere Schuld, er gibt uns seinen Frieden ins Herz, er beschützt und vor den Mächten der Finsternis, er leitet uns durch sein Wort. Und einmal wird er sichtbar wiederkommen in all seiner königlichen und göttlichen Herrlich­keit. Dann wird der König und Hohepriester Christus auch zum Richter über alle Welt werden und wird seine Erlösten in den himmlischen Thronsaal führen. Was versprachen doch zwei Engel gleich nach Jesu Himmelfahrt den Jüngern? „Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wieder­kommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen“ (Apostel­gesch. 1,11). Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2017.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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