Wenn Menschen an Jesu Worten Anstoß nehmen

Predigt über Matthäus 15,10-20 in einer Passsionsandacht

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Es gibt Menschen, die sind Jesus gegenüber gutwillig, und es gibt Menschen, die sind Jesus gegenüber böswillig. Die Böswilligen lehnen Jesus ab, spotten über ihn und kritisieren seine Botschaft. Die Gutwilligen haben Jesus lieb, vertrauen ihm und nehmen seine Botschaft ernst. Unter beiden Gruppen, Böswilligen und Gutwilligen, hat Jesus zu leiden.

Damals, als Jesus am Kreuz hing, trium­phierten die Böswilligen. Sie hatten endlich ihr Ziel erreicht. Mit List und Lügen hatten sie sein Todesurteil erzwungen. Nun lachten sie über den scheinbar hilflosen, scheinbar selbst­ernannten Sohn Gottes. Jesus litt unter dem Spott der Böswilligen. Zugleich aber litt er unter der Abwesenheit der Gutwilligen. Fast alle waren sie weggerannt, als man ihn festgenommen hatte. Ja, unter beiden Gruppen, Böswilligen und Gutwilligen, hatte Jesus am Kreuz zu leiden.

Auch schon vorher war es so gewesen; wir haben eben im Predigttext davon gehört. Diese Worte haben allerdings eine Vor­geschichte, und die ist wichtig für ihr Verständnis. Als Jesus mit seinen Jüngern in Galiläa umherzog, suchte ihn einmal eine Abordnung von Pharisäern und Schrift­gelehrten aus Jerusalem auf. Es handelte sich um eine Art Religions­polizei. Sie sollten prüfen, ob der allseits bekannte Rabbi Jesus von Nazareth so lebte und lehrte, wie es den traditio­nellen jüdischen Satzungen entsprach. Freilich steckte noch etwas anderes dahinter: Der hohe­priester­lichen Behörde in Jerusalem war Jesus ein Dorn im Auge, und darum wollten sie Gründe finden, mit denen sie ihn anklagen konnten. Mit anderen Worten: Die Abegsandten aus Jerusalem waren Böswillige. Auf ihrer Suche nach einem Haar in der Suppe wurden sie denn auch bald fündig: Sie stellten fest, dass Jesu Jünger nicht die vor­geschriebe­nen rituellen Waschungen vor und beim Essen durch­führten. Die Vorschrift lautete: Vor dem Essen und vor jedem neuen Gang muss der fromme Jude zweimal beide Hände mit reinem Wasser übergießen; dabei müssen sie bis zum Handgelenk vollständig nass werden. Weil die Jünger das nicht immer vorschrifts­mäßig taten, rügten die Delegierten Jesus, dass er sie als ihr Lehrer nicht besser unterwiesen habe. Diese Rüge und das an­schließende Streit­gespräch geschahen vor vielen Zeugen. Denen hielt Jesus anschließend eine kurze Predigt, die der Evangelist Matthäus so zusammen­gefasst hat: „Hört zu und begreift’s: Was zum Mund hineingeht, das macht den Menschen nicht unrein; sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein.“ An dieser Predigt nahmen die Delegierten, also die Böswilligen, Anstoß. Als Jesus und seine Jünger, also die Gutwilligen, dann wieder unter sich waren, stellte sich heraus, dass auch sie die Predigt nicht verstanden hatten und dass er sie ihnen ausführlich erklären musste. So hatte Jesus an diesem Tag sowohl unter Böswilligen als auch unter Gutwilligen zu leiden, denn beide nahmen Anstoß an seinen Worten.

Und wie steht es mit uns, den ebenfalls Gutwilligen? Muss Jesus nicht manchmal auch unter uns in ähnlicher Weise leiden? Sind wir nicht manchmal auch wie vernagelt, wenn es darum geht, Jesu Worte zu verstehen? Und nehmen wir nicht manchmal auch Anstoß an seinen Worten, wenn sie uns gar zu hart oder zu fremd erscheinen – wenigstens im Stillen? Falls es so ist, dann sollten wir es jetzt besser machen und verstehen lernen, was das denn heißt und was das für uns bedeutet: „Was zum Mund hineingeht, das macht den Menschen nicht unrein; sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein.“

Um gleich ein Miss­verständnis auszu­schließen: Es geht hier nicht um Fragen der Hygiene. Wenn sich jemand aus hygenischen Gründen vor dem Essen die Hände wäscht oder vor einem Kranken­besuch seine Hände des­infiziert, dann ist das gut und empfehlens­wert. Der Verstand, den Gott uns geschenkt hat, lehrt uns, wie wir mit unserem Körper und unserer Gesundheit pfleglich umgehen sollen, und der Körper ist etwas sehr Kostbares, das der Schöpfer uns anvertraut hat. Bei den Satzungen der Pharisäer ging es jedoch nicht um Hygiene, sondern um die sogenannte kultische Reinheit. Es ging letztlich um die Frage: Welche Rituale machen einen Menschen würdig, um vor Gott zu treten und ihn anzubeten? Diese Frage be­antworteten die Pharisäer sehr kleinkariert und spitzfindig. Nun ist es allerdings unbestritten so, dass Gottes Gesetz im Alten Testament den Israeliten bestimmte Speisen untersagte, damit sie nicht unrein werden. Sie durften zum Beispiel kein Schweine­fleisch essen, auch keinen Hasenbraten oder eine in Milch gekochte Hammelkeule. Diese Speisegebote hatten im alten Bund den Sinn, dass Gott damit den Gehorsam seines Volkes prüfen wollte – ähnlich wie er einst den Gehorsam von Adam und Eva mit den Früchten des verbotenen Baums geprüft hatte. Im neuen Bund, also nach Jesu Kommen in die Welt, haben diese Speisegebote allerdings keine Bedeutung mehr, das bezeugt das Neue Testament klar. Die Pharisäer aber hatten ein ganz abwegiges Verständnis dieser Speisegebote entwickelt: Sie meinten, dass die verbotenen Speisen als solche eine Unreinheit in sich trügen, die einen Menschen Gott unwillkommen machten – auch wenn man sie nur in kleinsten Mengen zu sich nimmt. Und da setzte die Spitz­findigkeit der Pharisäer an. Sie argu­mentierten so: Wenn jemand versehent­lich etwas Unreines anfasst und danach mit derselben Hand ein Stück Brot zum Mund führt, dann wird auch das Brot unrein und macht schließlich den ganzen Menschen unrein. Darum muss jeder, der das vermeiden will, vor dem Essen seine Hände mit Wasser spülen, und zwar zweimal: Einmal, um die eventuelle Unreinheit abzuspülen, und zum zweitenmal, um auch noch das von der eventuellen Unreinheit eventuell ver­unreinigte Wasser der ersten Spülung abzuspülen.

Jesus nannte solche abwegigen Gedanken „Pflanzen, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat“. Sie passen nicht in den Garten echter Frömmigkeit und werden deshalb ausgejätet. Die Pharisäer und Schrift­gelehrten aber, die ihre Mitmenschen mit solchen Spitz­findigkeiten schika­nierten, nannte er „blinde Blinden­führer“. Und dann erklärte er seinen Jüngern: Nichts, was der Mensch isst, kann ihn vor Gott unrein machen. Nahrungs­aufnahme und Verdauung sind ganz natürliche Vorgänge, die nichts damit zu tun haben, ob ein Mensch bei Gott willkommen ist oder nicht.

Kehren wir zur Ausgangs­frage der Pharisäer zurück: Was macht einen Menschen würdig, um vor Gott zu treten und ihn anzubeten? Keine Rituale, sagt Jesus. Heißt das, dass alle Menschen ohne weiteres würdig sind? Viele gutwillige Menschen würden diese Frage heute bejahen; sie würden aus ihrem religiösen Bauchgefühl heraus sagen: Zu Gott kann jeder kommen, wie er ist. Aber Jesus sagt: Nein, so einfach ist das nicht. Und vielleicht seufzt er dabei, denn er hat eben auch unter den Gutwilligen zu leiden. Wir müssen schon genau darauf hören, was er sagt, und seine Worte an die Jünger bis zum Ende hören – auch wenn sie uns im ersten Augenblick vielleicht anstößig vorkommen. Jesus sagt nämlich auch: „Was aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung. Das sind die Dinge, die den Menschen unrein machen.“ Ja, solche bösen Gedanken schlummern im menschlichen Herzen, in jedem menschlichen Herzen. Und oft finden sie ihren Weg durch den Mund nach draußen, werden zu ungehörigen Worten und bösen Sätzen. Und manchmal setzen diese Gedanken auch die Hände und die Füße und den ganzen Menschen in Bewegung, sodass er böse Taten tut. Jesus spricht von der Sünde, die in jedem Menschen schlummert. Die macht ihn unrein; die macht ihn unwürdig, um vor Gott zu treten und ihn anzubeten. Und so bleibt uns nichts anderes übrig, als reumütig an unsere Brust zu schlagen und zu bitten: Gott, sei mir Sünder gnädig! Denn wir können uns vor Gott nicht selbst reinigen und auch nicht rein halten, aber Gott selbst kann uns reinigen, und er tut es durch das Blut Jesu Christi bei jedem, der seine Sünden bereut und ihn um Hilfe bittet.

Die Pharisäer und Schrift­gelehrten mühten sich damals vergeblich um Reinheit. Die falschen und lieblosen Lehren, die damals aus ihrem Mund kamen, gaben Zeugnis für ihr böses Herz. Sie waren hochmütig und stolz auf ihre eingebildete makellose Reinheit – und waren gerade dadurch vor Gott ganz und gar unrein und unwürdig. Und wie stand es um die Gutwilligen, die Jünger? Nahmen sie demütig Christi Lehre an, bekannten sie das, was in ihrem bösen Herzen steckte, und baten sie ihren Herrn um Erbarmen und Erlösung? Tun wir es? Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2017.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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