Wenn Menschen ihrem Glück im Weg stehen

Predigt über Matthäus 23,37-39 zum Sonntag Estomihi

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

„Jerusalem, Jerusalem!“, seufzte Jesus damals. Und er hat heute noch Grund, so zu seufzen. Jerusalem ist bis zum heutigen Tag eine tief gespaltene Stadt, der Inbegriff aller religiösen und nationalen Konflikte im Nahen Osten. Sowohl Israel als auch der um seine Anerkennung kämpfende Palästinenser­staat bezeichnen Jerusalem als ihre Hauptstadt. Dabei sollte laut UN-Beschluss Jerusalem schon seit 50 Jahren eine inter­nationale Sonder­verwaltungs­zone sein, tatsächlich aber ist Jerusalems Status bis heute ungeklärt. Juden und Muslime streiten sich um diese Stadt, und die dort lebenden Christen sitzen zwischen allen Stühlen. Auch wenn es dort im Moment relativ ruhig ist, kann man doch nicht übersehen, was für entsetzlich blutige Kämpfe in und um Jerusalem statt­gefunden haben – von der Antike bis in die jüngste Vergangen­heit. Ach Jerusalem, Jerusalem! Aber es geht nicht allein um Jerusalem; diese Stadt ist vielmehr Sinnbild für die Zerrissen­heit der ganzen Welt. Ebenso könnte Jesus auch über andere Städte seufzen, über Damaskus und Aleppo, über Kabul und Mogadischu, über Washington und Mexiko Stadt, über Paris und Berlin, denn überall gibt es Bosheit und Hinterlist, überall kämpfen Menschen skrupellos um ihre Macht­interessen. Hinter den tausend Gründen dafür liegt letztlich nur ein Grund verborgen: Sie hören nicht auf die Worte, die ihnen Gottes Heil verkündigen. Stattdessen verachten sie Gottes Liebe, verschmähen seine Friedens­botschaft und verfolgen nicht selten diejenigen, die sie ihnen überbringen. „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind!“, seufzte Jesus und fuhr dann fort: „Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!“ So wie die damaligen Bewohner Jerusalems stehen auch heute unzählige Weltbewohner ihrem eigenen Glück im Weg.

Dabei sind viele auf der Jagd nach ihrem Glück; sie meinen es hier oder dort zu finden. Aber wo ist denn nun eigentlich das Glück, und woraus besteht es? Letztlich ist die Antwort ganz einfach – wenn wir auf Gottes Wort hören und auf Jesus achten. „Seligkeit“ nennt die Bibel das un­vergängliche Glück, das Gott allen Menschen schenken will. Es ist das Glück zu wissen: Gott ist bei mir, und bei ihm bin ich geborgen; er verstößt mich nicht und kehrt mir nicht den Rücken zu. Bei Gott geborgen sein, das ist so, wie wenn ein kleines Kind sich eng an Mutter oder des Vaters schmiegt. Oder so, wie wenn ich mich nach einem an­strengenden Tag in mein Bett kuschele. Oder so, wie wenn eine Henne ihre Flügel über ihre kleinen Küken breitet. Ja, mit diesem Bild hat Jesus es ausgedrückt: „Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel.“ Viele Psalmen reden mit demselben Bild von der Geborgenheit in Gott. Da lesen wir zum Beispiel: „Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschen­kinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!“ (Psalm 36,8) Und: „Unter dem Schatten deiner Flügel habe ich Zuflucht, bis das Unglück vorübergehe“ (Psalm 57,2). Und: „Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln“ (Psalm 91,4).

„Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel“, sagte Jesus. Er sprach so am Ende seiner öffentlichen Predigt­tätigkeit. Wenige Tage vorher hatten ihn noch viele Leute wie einen König in Jerusalem empfangen und ihm zugerufen: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ (Matth. 21,9) Dann hatte Jesus täglich im Tempel gepredigt, hatte mit vielen Worten und Gleichnissen die Menschen in Gottes Reich eingeladen. Nun beendete er seinen Verkündigungs­dienst; danach redete er nur noch im vertrauten Kreis seiner Jünger.

Gott will allen Menschen nahe sein und ihnen bei sich Geborgenheit und Frieden schenken, so wie eine Henne ihre Küken unter ihren Flügeln versammelt. Jawohl, Gott will das wirklich – aber viele Menschen wollen es nicht. „Ihr habt nicht gewollt“, sagte Jesus traurig, und er seufzte: „Jerusalem, Jerusalem!“ Gott will – aber die Menschen wollen nicht. Gott könnte sie zu ihrem Glück zwingen, aber er tut es nicht. Gott respektiert den menschlichen Willen, auch wenn der Mensch dabei seinem eigenen Glück im Weg steht, denn Gott hat sich den Menschen als sein Gegenüber erschaffen. Gott schuf den Menschen „zu seinem Bilde“, also als eigen­ständiges Wesen mit eigenem Willen. Und selbst wenn Menschen den Allmächtigen enttäuschen, selbst wenn sie diese von Gott geschenkte Freiheit dazu miss­brauchen, ihren Schöpfer abzulehnen oder sich sogar gegen ihn aufzulehnen, erträgt Gott das. Gott setzt seine Macht und seine Interessen nicht mit Gewalt durch, auch wenn er das könnte. Damit unter­scheidet sich Gott von den Machthabern dieser Welt. An Gottes Mensch gewordenem Sohn ist das ganz deutlich geworden in den Tagen nach seiner letzten öffentlichen Predigt: Da hat er nicht mit seinen Jüngern und nicht mit Engelheeren gegen seine Feinde gekämpft, sondern da hat er friedlich still­gehalten, als man ihn festnahm, folterte, verurteilte und hinrichtete.

Allerdingst hat Jesus deutlich gemacht: Wer ihn, den Heiland, ablehnt, der verfehlt damit sein Glück, der verfehlt die Seligkeit. Irgendwann schließt sich das Zeitfenster der Erlösung. Jesus hat diese harte Mahnung in seiner letzten öffentlichen Predigt mit Gottes Wort aus dem Alten Testament bekräftigt. Da wird den Feinden Gottes angedroht: „Euer Haus soll euch wüst gelassen werden.“ Und Jesus fügte hinzu: „Denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen.“

Wie damals für Jerusalem und für das Volk der Juden ein Heils­zeit­fenster zugegangen ist, so ist es seither immer wieder geschehen. Ich habe den Eindruck, dass wir das auch heute in Deutschland und in vielen anderen Ländern erleben – gerade in Ländern, die sich äußerlich so großen Wohlstands erfreuen wie kaum jemals zuvor. Denn die Mehrheit unserer Zeitgenossen hat die christliche Botschaft nie wirklich zur Kenntnis genommen: dass es echtes und dauerhaftes Glück nur beim lebendigen Gott gibt und dass wir nur durch Jesus Gemeinschaft mit Gott haben können. Selbst bei denen, die das mal gehört haben, fehlt oft die Sehnsucht nach Geborgenheit unter dem Schatten von Gottes Flügeln. Gott will – aber sie wollen nicht. Offen­sichtlich schließt sich das Heils­zeit­fenster für das christliche Abendland gerade, und Abfall und Verstockung machen sich breit – bis hinein in die christlichen Kirchen, Gemeinden und Familien. Jesus ist traurig darüber und seufzt: „Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt!“ Und wir seufzen mit Jesus.

Aber nun entdecken wir am Ende der Jesus-Predigt etwas Merk­würdiges. Da wird aus dem „Ihr“ der Gottesfeinde plötzlich das „Ihr“ der Gottes­anbeter. Jesus sagte: „Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gelobt sei der kommt im Namen des Herrn!“ Dieser Lobpreis stammt aus dem 118. Psalm, dem herrlichen Festpsalm Israels, wo Gottes Erlösung besungen wird. In diesem Psalm wird auch schon Christi Ostersieg angekündigt mit dem Bild, das das Neue Testament wiederholt aufgreift: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Das ist vom Herrn geschehen und ist ein Wunder vor unseren Augen…“ Und dann kommt der Satz, den Jesus zitiert hat: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ So hatte die Menge wenige Tage zuvor gerufen, als Jesus nach Jerusalem einzog. Und so, verheißt Jesus, wird die Menge der Erlösten wieder rufen, wenn er von den Toten auferstanden ist und sich herrlich erweist. Hat Jesus damit das Zeitalter des Heiligen Geistes gemeint, die Zeit nach Pfing­sten, also auch unsere Zeit? Oder sprach er dabei vom Jüngsten Tag, wenn er sichtbar wiederkommen wird? Das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen; das bleibt geheimnis­voll in der Schwebe. Ebenso bleibt im Dunkeln, wie aus denen, die „nicht gewollt“ haben, dann doch solche werden, die dem Herrn Christus zujubeln für seine Erlösungs­tat. Dieser ganze Themen­bereich entzieht sich unserer menschlichen Einsicht; er muss Geheimnis bleiben, solange die alte Erde noch steht. Aber entscheidend ist daran für uns heute die Botschaft: Es ist noch nicht zu spät. Die jetzt noch nicht wollen, sind nicht rettungslos verloren, sondern können noch umkehren und Gott die Ehre geben. Und jeder, der im Glauben angefochten ist, der sich hin‑ und hergerissen fühlt zwischen Wollen und Nicht-Wollen, darf Hoffnung schöpfen, dass letztlich auch er Zuflucht findet unter Gottes Fittichen, und damit Geborgen­heit, Seligkeit, un­vergäng­liches Glück erlangt, sodass er ihn fröhlich loben kann. Denn im Philipper­brief heißt es: „Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohl­gefallen.“ Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2017.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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