Der Wegbereiter-Macher

Predigt über Matthäus 3,1-12 zum 3. Advent

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Wer ist der Wegbereiter des Herrn? Du bist der Wegbereiter des Herrn. Du sollst dem Herrn Jesus den Weg zu deinem Herzen freiräumen, und dann auch den Weg zu den Herzen anderer Menschen. Vielleicht hast du erwartet, dass die Antwort „Johannes der Täufer“ lautet. Der wird zwar oft ein Wegbereiter des Herrn genannt und er ist es tatsächlich auch in gewisser Hinsicht, aber genau genommen ist er ein Wegbereiter-Macher. Jesaja hat von Johannes prophezeit, dass er eine Stimme Gottes ist, die ruft: „Bereitet dem Herrn den Weg!“ Johannes rief es damals den Juden zu und ruft es noch heute allen Menschen zu: „Bereitet dem Herrn den Weg!“ Auch dir ruft Johannes heute durch Gottes Wort zu: „Bereite dem Herrn den Weg!“ Also: Sei ein Wegbereiter!

Ja, ein Wegbereiter-Macher sollte Johannes sein, und er nahm diesen Auftrag sehr ernst. Er überlegte sich: Wie kann ich mit meiner Botschaft möglichst viele Leute erreichen, und wie bringe ich sie zum Zuhören? Das ist eine ganz moderne Frage­stellung. Jeder Werbe­treibende und jeder, der berühmt werden will, muss sich nämlich fragen: Wie gewinne ich die Auf­merksamkeit der Masse? Nun gab es zur Zeit des Johannes noch keine Massenmedien und erst recht keine digital-sozialen Netzwerke; Johannes musste sich etwas anderes einfallen lassen. Naheliegend wäre es gewesen, in die Hauptstadt Jerusalem zu gehen und dort im Vorhof des Tempels zu predigen. Da kamen täglich Tausende zusammen, und fast alle waren auf­geschlossen für religöse Botschaften. Viele Propheten vor Johannes hatten es so gemacht. Aber Johannes machte es anders – ganz anders, nämlich so, wie Jesaja es von ihm prophezeit hatte: Er ging dahin, wo möglichst wenig Leute lebten; er ging in die Steinwüste des judäischen Berglands. Wenn Johannes heute in Deutschland leben würde, dann würde er mit seiner Botschaft wohl nicht nach Berlin gehen, sondern vielleicht auf eine nord­friesische Insel oder in die Uckermark. Aber wie will er da die Auf­merksamkeit der Massen auf sich ziehen? Es kommt noch ab­gefahrener: Johannes kleidete sich seltsam. Er lief nicht herum wie ein normaler Jude, sondern trug einen Kamelhaar­mantel mit Ledergurt, so wie die Nomaden in der Wüste. Manche sagen, er wollte damit dem berühmten Propheten Elia ähnlich sehen, und tatsächlich predigte er auch genauso mächtig wie Elia. Heute würde Johannes vielleicht in einer Mönchskutte herumlaufen wie der junge Martin Luther. Johannes ernährte sich auch seltsam; er aß das, was er gerade so fand: Er fing Heuschrecken mit der bloßen Hand und stopfte sie sich in den Mund. Hatte er mal Appetit auf was Süßes, dann suchte er sich ein verlassenes Bienennest und schlürfte den Honig direkt aus der Wabe. Heute würde Johannes vielleicht von Brennnesseln leben oder von Essensresten aus dem Müll. Ein komischer Gottesmann, dieser Johannes! Aber gerade das sprach sich damals schnell herum: Habt ihr schon gehört von dem irren Typ da in der Wüste, dem Heuschrecken-fressenden Propheten mit dem Ledergürtel, der allen nach Strich und Faden die Leviten liest, Niedrigen und Hohen, Gottlosen und Frommen? Diese Mund-zu-Mund-Propaganda entfaltete eine mächtige Wirkung: In großen Scharen pilgerten die Juden sowie auch Menschen aus Nachbar­ländern in die Wüste, um Johannes persönlich zu erleben. Viele ließen sich von ihm ins Gewissen reden, sagten sich von ihren Sünden los und vertrauten dann darauf, dass Gott ihnen vergibt; zum Zeichen dafür taufte Johannes sie. Schnell war er so berühmt, dass man ihm den Beinamen „der Täufer“ gab.

Aber jetzt genug vom Drumherum, jetzt wollen wir uns auf seine Botschaft konzen­trieren, denn er ist ja Gottes Stimme, die uns aufruft, Wegbereiter des Herrn zu werden. Johannes selbst sagte es allerdings mit etwas anderen Worten. Er rief: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbei­gekommen!“ Da merken wir: Jesus den Weg bereiten bedeutet Buße tun. Oder, wörtlich übersetzt: umdenken, sich besinnen, eine neue Einstellung kriegen. Von Natur aus bringen wir Ein­stellungen mit, die Jesus den Weg verbauen. Auch wenn Jesus Gottes Reich ganz nahe zu den Menschen bringt, so kommt er zuletzt doch nur bei denen an, die bereit sind, sich von allem zu trennen, was ihm den Weg verstellt. Willst du Jesus den Weg bereiten, dann führt kein Weg an der Buße vorbei.

Was könnte es sein, das dem Heiland im Weg steht? Sicher grobe Sünden wie Raub, Mord, Ehebruch oder Gottes­lästerung – so dachten jedenfalls viele fromme Juden, die zu Johannes kamen. Unter ihnen waren auch gebildete Theologen: strenge Pharisäer und liberale Sadduzäer. Johannes beginnt seine Predigt an sie alle mit der wenig schmeichel­haften Anrede: „Ihr Schlangen­brut!“ Und dann legt er schonungslos offen, wo sie umdenken müssen, um selig zu werden. Ihr Problem ist eine falsche Heils­gewissheit. Sie denken: Wir gehören zu Gottes auserwähltem Volk Israel und wir geben uns Mühe, seine Gebote zu halten, also wird er uns schon nicht verurteilen. Johannes macht ihnen klar, dass sie damit bei Gottes Gericht nicht durchkommen werden – und das Gericht wird kommen, so sicher wie das Amen in der Kirche. Johannes predigt: „Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum: jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“ Aber kann ein Obstbaum sich Mühe geben, gute Frucht zu bringen? Oder bringt er automatisch gute Frucht, bloß weil er von einer edlen Sorte abstammt? Zweimal nein. Ein Obstbaum bringt nur dann gute Frucht, wenn Gott durch ent­sprechende Umwelt­bedingungen gute Frucht an ihm wachsen lässt.

Da kommt nun Jesus ins Bild, der lang angekündigte Erlöser. Er hat den neuen Bund gestiftet und bringt damit Gottes Gnadenreich zu uns Menschen. Deswegen heißt es umdenken: Unsere Abstammung hilft uns ebensowenig wie unser Wille; eine gute Erziehung hilft uns ebensowenig wie die formale Kirch­gliedschaft. Was wir von Natur aus sind und was wir von uns aus wollen, das macht uns nicht zu einem guten Baum in Gottes Garten und das bringt keine Frucht, die ihm gefällt. Im Gegenteil: Unsere eigenen Bemühungen, so ernst und fromm sie auch sein mögen, sind Steine, die Jesus den Weg in unser Herz verstellen. Vor Gott können wir auf gar nichts stolz sein, vor Gottes können wir nur demütig an unsere Brust schlagen wie der Zöllner in Jesu Gleichnis und sprechen: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ (Lukas 18,13) Noch einmal: Dem Herrn den Weg bereiten heißt Buße tun, und zwar immer wieder.

Wenn der Weg frei ist, dann kommt Jesus zu uns, und er bringt Feuer mit. Jesus kommt mit dem Feuer göttlicher Liebe, mit dem Feuer des Heiligen Geistes. Die Taufe des Johannes war nur ein kleiner pro­phetischer Vorgeschmack von dem, was Jesus dann mit seinem Sterben und Auferstehen gebracht hat; mit beidem verbindet uns unsere christliche Taufe. Der Täufer prophezeite: „Ich taufe euch mit Wasser zur Buße, der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.“ Kurze Zeit später wurde Johannes noch deutlicher. Er hatte Jesus gerade getauft, zeigte auf ihn und sagte: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt“ (Joh. 1,29). Ja, dazu ist der Gottessohn ein Mensch geworden: dass er zu uns kommt in unser böses Herz, dort alle Sünde auf seinen Buckel lädt und uns davon befreit. Jesus den Weg bereiten heißt nichts anderes als ihn machen lassen, ihn uns erlösen lassen. Erst das von ihm befreite Herz kann wirklich lieben – Gott und die Mitmenschen lieben. Ja, erst das von ihm befreite Herz kann gute Frucht bringen.

Damit ist Jesu Geschichte aber noch nicht am Ende, und die Predigt Johannes des Täufers auch nicht. Johannes blickt weiter – bis an den Tag, wo Gottes Axt den morschen Baum unserer ganzen Welt dann wirklich abhacken wird. An dem Tag wird Jesus wiederkommen im vollen Glanz seiner Göttlich­keit. Und dann wird er ohne Ausnahme allen Menschen nahe kommen, sowohl den noch Lebenden als auch den wieder lebendig Gewordenen. Er wird ihnen nahe kommen, ob sie wollen oder nicht, ob sie ihm den Weg bereitet haben oder nicht. Er wird kommen, „zu richten die Lebendigen und die Toten.“ Bei Johannes klingt das so: „Er hat seine Worfschaufel in der Hand; er wird seine Tenne fegen und seinen Weizen in die Scheune sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen mit un­auslösch­lichem Feuer.“ Mit einer Worfschaufel hat man damals die Spreu vom Weizen getrennt, so wie Jesus am Ende der Zeit die Menschen in zwei Gruppen trennen wird, die Einen zu seiner Rechten, die andern zu seiner Linken.

Darum: Sei ein Wegbereiter des Herrn, solange dafür noch Zeit ist. Und hilf mit, dass Jesu Weg auch zu den Herzen anderer Menschen frei wird: Bezeuge ihnen seine Liebe und zeige ihnen diese Liebe durch dein Verhalten. Ja, sei ein Wegbereiter des Herrn, denn eben die Wegbereiter sind gemeint mit dem guten Weizen, den Gott einst in seine himmlische Scheune einfahren wird. Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2016.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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