Jesu Vorfahren

Predigt über Matthäus 1,1-17 zum 1. Advent

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Advent – Jesus kommt! Er ist vor zweitausend Jahren in die Welt gekommen, um uns zu erlösen. Er kommt heute zu uns durch die Botschaft der Bibel und mit dem Heiligen Abendmahl, um uns seine Erlösung nahe­zubringen. Er wird wiederkommen in Herrlich­keit, um seine Erlösung an uns zu vollenden. In dieser Predigt möchte ich besonders der Frage nachgehen: Wo ist er denn hergekommen?

Die ersten Verse des Matthäus-Evangeliums geben darüber Auskunft mit einer Namensliste der Vorfahren Jesu, einem sogenannten Geschlechts­register. Mancher wird meinen: Solche biblischen Geschlechts­register sind langweilig und unwichtig; da blättere ich beim Bibellesen immer gleich drüber hinweg. Die jüdischen Leser jedoch, denen Matthäus sein Evangelium haupt­sächlich gewidmet hat, dachten nicht so. In ihrer Tradition hatte die Abstammung eine große Bedeutung, denn man konnte damit die Gewissheit haben, dass man zu Abrahams Kindern und dadurch zu Gottes Volk gehört. Matthäus zeigt nun gleich am Anfang seines Evangeliums: Auch Jesus stammt von Abraham ab; er ist einer von euch! Außerdem stößt der jüdische Leser in dieser Liste auf viele alte Bekannte aus dem alten Testament, und dem bibel­kundigen Christen geht es ebenso. So mancher dieser Namen ist mit göttlichen Verheißungen verbunden, die durch Jesus dann in Erfüllung gegangen sind. So können wir dieses Geschlechts­register auch als Verweis auf alt­testament­liche Weissagungen lesen. Wenn wir dem gleich im Einzelnen nachgehen, werdet ihr, so hoffe ich, merken: Diese Namensliste ist keineswegs langweilig und unwichtig, vielmehr öffnet sie uns den Reichtum göttlicher Verheißungen und stärkt uns im Glauben an unsern Herrn und Heiland Jesus Christus.

Matthäus hat die Namen von Jesu Vorfahren in drei Gruppen zu je vierzehn Personen gegliedert. Ich glaube, dass er mit diesen Zahlen etwas Wichtiges zum Ausdruck bringen wollte. Es sind drei mal zwei mal sieben Personen – alles heilige Zahlen, göttliche Zahlen! Der eine Gott hat sich dreifach als Vater, Sohn und Heiliger Geist offenbart, und ihm gebührt das dreifache Heilig der Engel. Zwei ist das Grundprinzip der Schöpfung mit Himmel und Erde, Land und Meer, Tag und Nacht, Sommer und Winter; zweifach ist auch die Natur Christi: Er ist Mensch und Gott zugleich. Sieben aber ist die Zahl der Vollkommen­heit, denn am siebenten Tag hat Gott sein Schöpfungs­werk vollendet. So deuten diese Zahlen etwas an, das die Namen der Vorfahren allein nicht preisgeben: Jesus ist nicht nur ein richtiger Mensch aus menschlicher Abstammung, sondern er ist zugleich der wahre Gott, der eingeborene Sohn des himmlischen Vaters.

Matthäus beginnt Jesu Vorfahren­reihe mit Abraham. Dem gab Gott drei Ver­heißungen: Erstens sollte ein großes Volk aus ihm werden, zweitens sollte dieses Volk das Land Kanaan erhalten, drittens sollten durch Abraham und dieses Volk alle Völker der Erde gesegnet werden. In diesen drei Verheißungen ist der Inhalt der ganzen Bibel angelegt: Das Alte Testament beschreibt die Geschichte von Abrahams Nachkommens-Volk und zeigt zugleich, dass Gott durch dieses Volk das Kommen eines Erlösers für alle Völker vorbereitet. Das Neue Testament bezeugt dann, dass Jesus dieser Erlöser aus Abrahams Nachkommen­schaft ist. Da merken wir: Diese Vorfahren­reihe passt genau an die Stelle, an der wir sie in unserer Bibel finden, nämlich dorthin, wo das Alte Testament aufhört und das Neue anfängt. Und wir merken noch mehr: Die dritte Abrahams-Verheißung setzt uns selbst mit Jesu Vorfahren­reihe in Beziehung, denn wir gehören ja zu diesen anderen Völkern, denen Gott durch Abraham und dessen Nachkommen Jesus Segen versprochen hat. Der Apostel Paulus hat später klar aus­gesprochen, was sich hier andeutet: Auch wir sind Abrahams Kinder und gehören zu Gottes Volk – zwar nicht durch leiblich Abstammung, aber durch den Herrn Jesus Christus.

Matthäus schreibt: „Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seiner Brüder.“ Abrahams Enkel Jakob erhielt später den Namen Israel, darum heißen seine Nachkommen die Kinder Israels. Jakob beziehungs­weise Israel hatte zwölf Söhne, darunter der berühmte Josef, der es durch Gottes wundersame Fügung bis zum Vize-König von Ägypten brachte. Josef war es auch, der seine Familie nach Ägypten holte, um sie vor dem Hungertod zu retten. Aber nicht er wird hier genannt und auch nicht Ruben, der Älteste, sondern Juda, der Stammvater der Juden, weil aus dessen Stamm Jesus hervor­gegangen ist. Als Jakob auf dem Sterbebett lag, ließ Gott ihn wissen, dass sich durch Juda die Segens­verheißung für alle Völker erfüllen würde. Da weissagte Jakob: „Juda, du bist’s!… Es wird das Zepter von Juda nicht weichen noch der Stab des Herrschers von seinen Füßen, bis dass der Held komme, und ihm werden die Völker anhangen.“ (1. Mose 49,8.10)

Matthäus schreibt weiter: „Juda zeugte Perez und Serach mit der Tamar.“ Wir sehen: Nicht nur Jesu Vorväter werden hier erwähnt, sondern auch einige seiner Vormütter – wie zum Beispiel die Tamar. Wer die Geschichte von Juda und Tamar kennt, der weiß, dass ihre Zwillinge Perez und Serach unehelich zur Welt kamen. Die Bibel ist wahrhaftigt; sie beschönigt nichts und sie unternimmt auch nicht den Versuch, die Vorfahren Jesu edler erscheinen zu lassen, als sie sind. So verschweigt sie weder Judas Seitensprung noch Jakobs Hinterlist noch Davids Mord noch die Tatsache, dass mit Rahab eine Prostitu­ierte zu Jesu Ahnen gehört. Damit sollen diese Sünden keineswegs verharmlost werden, sondern es soll deutlich werden: Jesus stammte von ganz normalen Menschen ab, von ganz normalen Sündern – Sündern wie ich und du.

Matthäus schreibt weiter: „Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram. Ram zeugte Amminadab. Amminadab zeugte Nachschon.“ Nachschons Tochter Elischeba heiratete übrigens Aaron, Moses Bruder, aber auf Mose und den Auszug aus Ägpyten geht Matthäus nicht weiter ein. Er schreibt einfach weiter: „Nachschon zeugte Salmon. Salmon zeugte Boas mit der Rahab. Boas zeugte Obed mit der Rut.“ Die wunderbare Geschichte von Rut wird in dem gleich­namigen Buch des Alten Testaments erzählt. Obed, das Kind von Rut und Boas, war der Großvater des berühmten Königs David; er ist übrigens in Bethlehem geboren, wie später auch Jesus. David spielt in Jesu Vorfahren­reihe eine ganz besondere Rolle. Matthäus schreibt: „Obed zeugte Isai. Isai zeugte den König David.“

David war zum König über ganz Israel gesalbt worden. Und dann hatte Gott ihm verheißen, dass einer seiner Nachkommen ein ganz besonderer König, ein ganz besonderer Gesalbter sein werde: der Gesalbte, der Messias, der Christus; er würde Frieden bringen und ewig regieren. Seitdem wartete man in Israel auf diesen Messias, und viele Propheten kündigten ihn an als den Davidssohn, den Thronfolger aus Davids Dynastie. Die folgenden Namen in Jesu Vorfahren­reihe nennen daher auch ausnahmslos Könige, die in Davids Residenz­stadt Jerusalem regierten: „David zeugte Salomo mit der Frau des Uria. Salomo zeugte Rehabeam. Rehabeam zeugte Abija. Abija zeugte Asa. Asa zeugte Joschafat. Joschafat zeugte Joram. Joram zeugte Usija. Usija zeugte Jotam. Jotam zeugte Ahas. Ahas zeugte Hiskia. Hiskia zeugte Manasse. Manasse zeugte Amon. Amon zeugte Josia. Josia zeugte Jojachin und seine Brüder um die Zeit der Babylo­nischen Gefangen­schaft.“

Damit gelangt Jesu Stammbaum an einen der dunkelsten Punkte in der Geschichte Israels: Die Babylonier eroberten Jerusalem, zerstörten den Tempel und ver­schleppten alles, was Rang und Namen hatte, in ihr eigenes Land. Dort lebten die Juden siebzig Jahre lang als Zwangs­arbeiter. Viele meinten, Gott hätte sie endgültig verworfen, weil sie immer wieder von ihm abgefallen waren und Götzen gedient hatten. Auch die Verheißung des Davidssohns wäre nun hinfällig geworden, meinten sie. Dann aber trat eine Wende ein: Unter der Herrschaft der Perser, der neuen Weltmacht, durften die Juden nach Jerusalem zurückkehren und den Tempel wieder aufbauen. Es gab auch noch Nachkommen von König David. Sie durften zwar nicht mehr offiziell Könige heißen, aber sie konnten doch Führungs­aufgaben bei den heim­gekehrten Juden wahrnehmen. Unter ihnen ist besonders Serubabel zu nennen, von dem Matthäus schreibt: „Nach der Babylo­nischen Gefangen­schaft zeugte Jojachin Schealtiel. Schealtiel zeugte Seruabel.“ Sacharja und andere Propheten verwiesen auf Serubabel und hielten mit ihm die Erwartung des Messias, des kommenden Davidssohns, lebendig. In diesem Zusammenhang sprach Sacharja auch die wunderbaren Worte, aus denen der Wochenspruch der ersten Adventswoche stammt: „Du Tochter Zion, freue dich sehr, und du Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“ (Sacharja 9,9)

Matthäus schreibt weiter: „Serubabel zeugte Abihud. Abihud zeugte Eljakim. Eljakim zeugte Asor. Asor zeugte Zadok. Zadok zeugte Achim. Achim zeugte Eliud. Eliud zeugte Eleasar. Eleasar zeugte Mattan. Mattan zeugte Jakob. Jakob zeugte Josef, den Mann der Maria, von der geboren ist Jesus, der da heißt Christus.“ Diese lange Reihe überbrückt die Zeit zwischen Altem und Neuem Testament, eine Zeit ohne neue Prophe­zeiungen.

Wer aufgepasst hat, kann jetzt sagen: Aber das sind ja überhaupt nicht die leiblichen Vorfahren Jesu, sondern nur die leiblichen Vorfahren von Josef, dem Mann der Maria, der Jesus gar nicht gezeugt hat.“ Richtig. Josef galt zwar nach damals geltendem Recht als Vater Jesu, weil er mit Maria verheiratet war, aber sein leiblicher Vater war er nicht. Matthäus selbst macht das gleich in den folgenden Versen deutlich, wo er von der Jungfrauen­geburt schreibt. Bedeutet dies, dass Jesus nicht wirklich ein Nachkomme Davids ist, nicht wirklich der Davidssohn? Nein, denn beim Evangelisten Lukas finden wir eine etwas abweichende Vorfahren­reihe Jesu mit den Vorfahren Marias (Lukas 3,23‑38). Zwar wird dort Maria nicht ausdrücklich genannt, aber da werden überhaupt keine Frauen genannt, nur Väter. Und in der Generation vor Josef wir als letzter männlicher Vorfahre ein Eli genannt, auch ein Nachkomme Davids, aber aus einer anderen Linie. In außer­biblischen Quellen finden wir Belege dafür, dass Marias Vater Eli hieß. So können wir feststellen: Jesus ist in jeder Hinsicht ein Nachkomme Davids, leiblich gesehen über seine Mutter Maria und rechtlich gesehen über deren Mann Josef. Zugleich aber ist er der eingeborene Sohn vom Vater im Himmel, empfangen vom Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria.

Zugegeben: Es sind viele Einzel­heiten, die uns in diesen ersten Versen des Neuen Testaments begegnen. Aber sie ergänzen sich wie Puzzleteile zu einem herrlichen Bild, das uns auf vielfache Weise gewiss macht: Ja, dieser Mann, der da in Bethlehem zur Welt gekommen ist, ist der Messias, der Christus, der Davidssohn – er ist unser Erlöser. Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2016.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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