Gott macht Kleider

Predigt über 1. Mose 3,21 zum 8. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Worüber sollte man predigen? Manche Prediger reden darüber, was böse Menschen Böses tun. Das kommt zwar meistens gut an, nützt aber nicht viel. Manche Prediger reden darüber, was die Hörer Gutes tun sollen. Das ist schon besser. Das Hauptthema aller Predigten aber sollte etwas Drittes sein: Was Gott Gutes tut für uns Menschen. Darum geht es auch im heutigen Predigttext: Gott tut etwas Gutes für die ersten Menschen. Er macht ihnen Kleider. Das mag uns auf den ersten Blick befremden. Seit wann ist Gott ein Mode-Designer? Aber manchmal sind es gerade diese etwas be­fremd­lichen, unbekannten oder scheinbar un­bedeutenden Sätze in der Bibel, die uns Wichtiges vermitteln. So verhält es sich auch mit dem Satz: „Gott der Herr machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.“

Wir brauchen jetzt nicht darüber zu spekulieren, wie das im Einzelnen vor sich ging und wie diese Fellröcke aussahen. Darüber schweigt die Bibel. Es geht in diesem Bibelwort einfach um Folgendes: Gott sorgt dafür, dass der Mann und die Frau vernünftige Kleidungs­stücke bekommen. Das war offenbar nötig, denn an ihren ur­sprünglichen Kleidungs­stücken können sie nicht lange Freude gehabt haben. Erinnern wir uns: Gleich nach dem Sündenfall war den beiden aufgefallen, dass sie nackt waren. Sie schämten sich, wollten sich vor Gott und voreinander versteckten und bekleideten sich daher notdürftig mit Feigen­blättern. Die werden nicht lange gehalten haben. Mir selbst ist das auch mal so gegangen: Als Kind bastelte ich mir einen Anzug aus Zeitungs­papier; aber der war schon nach dem ersten Tragen hinüber. Gott zeigte den ersten Menschen also, wie man gute, strapazier­fähige Kleidungs­stücke macht.

Aber warum machte Gott das?

Erstens wegen der Wärme. Die Menschen mussten ja nun das Paradies verlassen und dafür gerüstet sein, auch in kälteren Gebieten zu leben. Noch heute ist es ein Hauptzweck unserer Kleidung, uns zu wärmen. Wenn wir nicht frieren müssen, können wir das durchaus auf Gottes Schöpfergüte zurück­führen. Darum singen wir mit Paul Gerhardt: „Wer wärmet uns in Kält und Frost? Wer schützt uns vor dem Wind? … Ach Herr, mein Gott, das kommt von dir…“ Und Martin Luther zählt in seiner Erklärung zum ersten Glaubens­artikel unter anderem „Kleider und Schuh“ zu Gottes Schöpfungs­gaben. Die Theologen sprechen präzise von Gottes Schöpfungs-Erhaltung. Gemeint ist Folgendes: Der Schöpfer hat nicht nur am Anfang unsere Welt mit allem Drum und Dran ins Leben gerufen, sondern er ist auch weiterhin tätig, seine Schöpfung zu bewahren. Es ist interessant, dass unser Bibelwort dasselbe Wort „machen“ benutzt, das schon vorher mehrmals im Schöpfungs­bericht auftaucht. Gott, der am Anfang Himmel und Erde und Menschen gemacht hat, der macht auch Kleidung, damit wir es warm haben.

Wir erkennen hier Gottes Fürsorge: Der Schöpfer ist barmherzig; er hat ein warmes Herz für uns, und deshalb sorgt er unter anderen auch dafür, dass wir es warm haben. Das erfüllt uns mit Dank und Freude. Es kann uns um so mehr mit Dank und Freude erfüllen, wenn wir uns bewusst machen, dass wir das nicht verdient haben. Immerhin machte Gott den ersten Menschen die wärmende Kleidung zu einer Zeit, als sie ihn gerade mit ihrem Ungehorsam enttäuscht hatten. Zwar hatte Gott seine Strafe über sie verhängt, aber als letzte Aktion im Paradies tat er etwas Liebevolles und Fürsorgendes für sie: Er machte ihnen eben diese wärmende, strapazier­fähige Kleidung.

Ich frage weiter: Warum machte Gott das?

Nicht nur wegen der Wärme, sondern zweitens auch zum Schutz. Das ist ja noch heute ein weiterer Hauptgrund für Kleidung: nicht nur, dass sie uns wärmt, sondern dass sie uns auch schützt. Das ist zum Beispiel der Sinn einer Küchen­schürze oder eines Bauhelms. In dieser direkten Schutz­funktion können wir wieder Gottes Schöpfergüte erkennen. Aber Kleidungs­stücke haben darüber hinaus eine indirekte Schutz­funktion: Sie schützen uns vor Blöße und vor neugierigen Blicken; sie schützen unsere Intimsphäre und möglicher­weise eine etwas un­vorteilhafte Figur. Darum tragen wir üblicher­weise auch dann Kleidung, wenn es warm ist und wenn wir nicht direkt Schutz­kleidung benötigen.

An dieser Stelle müssen wir noch einmal darauf zurück­kommen, dass Adam und Eva vor dem Sündenfall Kleidung nicht vermissten. Erst nach dem Sündenfall stellte sich ein Schamgefühl ein, und sie griffen zu den Feigen­blättern. Wir können deshalb durchaus sagen: Unser Bedürfnis, bekleidet zu sein, ist eine Folge der Sünde. Das bedeutet jedoch nicht, dass unser Bedürfnis, bekleidet zu sein, etwas Böses ist. Wenn das so wäre, dann hätte Gott Adam und Eva ja keine Fellkleider gemacht, sondern er hätte ihnen im Gegenteil die Feigen­blätter vom Leib gerissen und gesagt: Seid doch nicht so schamhaft! Aber Gott hat sich darauf eingestellt, dass die Sünde mit all ihren Begleit­erscheinun­gen in seine gute Schöpfung eingedrungen ist, und nun macht er das Beste aus den Folgen der Sünde. Für gefallene Menschen sind das Schamgefühl und das Tragen von Kleidung ein sinnvoller Schutz seiner Persönlich­keit und seiner Intimsphäre. Wenn manche Leute meinen, durch Ignorieren dieser Folge der Sünde wieder in den Zustand para­diesischer Unschuld zurückkehren zu können, dann sind sie auf dem Holzweg. Wer aus solchen Gründen zum Beispiel FKK propagiert, der folgt letztlich einer Illusion.

Denken wir diesen Gedanken noch einen Schritt weiter: Gott lässt sich auf die Folgen der Sünde, die nun mal da sind, ein und berück­sichtigt sie für seine Schöpfungs­bewahrung in einer gefallenen Welt. Nicht nur, dass er uns ausdrücklich hilft und ermutigt, bekleidet herum­zulaufen, nein, er setzt auch elterliche und obrigkeit­liche Gewalten ein, um dem Chaos der Sünde zu wehren. Es wäre aus­gesprochen dumm, wenn wir das nicht wertschätzen würden. Manchmal begegnet uns ja diese Auffassung: Man müsse die Menschen nur zum Tun des Guten und zum Gebrauch ihrer Vernunft ermutigen, dann würden sie sich entsprechend verhalten, und man bräuchte das Böse nicht mehr mit Gewalt zu bekämpfen. Mit Gottes Wort setzen wir die nüchterne Erkenntnis dagegen: Solange wir in dieser gefallenen Welt leben, können wir das nicht ignorieren und brauchen anständige Kleidung, Polizisten, Tür­schlösser, Kassenprüfer und vieles andere, das dem bösen Kern in uns Rechnung trägt. Auch wenn es diese Dinge nur wegen der Sünde gibt, so sind sie doch gute Gaben Gottes.

Ich frage nun aber noch einmal: Warum machte Gott den Menschen Kleider?

Er machte sie drittens für ihr Aussehen. Ich könnte auch sagen: Für ihr Ansehen. Kleidung wärmt nicht nur und schützt nicht nur, sondern sie gibt dem Menschen ein vorteil­haftes Aussehen und Ansehen, wie das Sprichwort sagt: „Kleider machen Leute.“ Wir wissen freilich nicht, wie gut Eva der Pelzmantel gestanden hat, den Gott für sie angefertigt hatte, aber er wird sicher nicht schlecht ausgesehen haben. Dasselbe gilt für Adam. Gott selbst wird seine Freude an ihrem Aussehen gehabt haben, nachdem der sie so schön bekleidet hatte.

Dieses sichtbare Handeln Gottes ist ein Gleichnis für sein unsichtbares Handeln. Beim Propheten Jesaja heißt es: „Er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtig­keit gekleidet“ (Jesaja 61,10). Wir wissen, was das für unsichtbare Kleider sind: „Christi Blut und Gerechtig­keit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid.“ Der eingeborene Gottessohn hat uns diese Kleider verschafft, und er hat teuer dafür bezahlt: Er ließ es zu, dass man ihn auszog und um seine Kleidung zockte. Nackt hing er am Kreuz, ohne Schutz und Würde, und so gab er sein Leben hin als Lösegeld, damit wir seine Gerechtig­keit als neue Gottes­kleider anziehen können. Darum heißt es beim Apostel Paulus: „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen“ (Gal. 3,27). Wer wollte da noch versuchen, sich vor Gottes Augen mit eigener Gerechtig­keit zu bekleiden? Das Ergebnis wäre ebenso un­befriedigend und vergänglich wie der Versuch von Adam und Eva, ihre Blöße mit Feigen­blättern zu bedecken. Gott selbst aber hat uns durch Christus herrliche Heilskleider gemacht, un­vergänglich und schön. Sie schenken uns vor Gott ein Aussehen und Ansehen, das wir von uns aus nie haben könnten: Wir stehen als Heilige und Gerechte vor ihm da.

Ja, Gott tut viel Gutes für uns Menschen. Dazu gehört, wie wir gesehen haben, dass er uns Kleider macht. So wärmt er uns mit seiner Schöpfer­güte; so schützt er uns vor den Folgen unserer Sünde; so schenkt uns er uns durch Christus ein neues Aussehen und Ansehen, das nie mehr morsch wird und zerfällt. Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2016.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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