Die Taufe der Apostel

Predigt über Matthäus 4,18-22 zum Pfingstsonntag

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Taufen sollten sie, die Apostel, so hatte der auf­erstandene Christus es ihnen aufgetragen. Und getauft haben sie dann auch: gleich am Pfingst­sonntag, als der Heilige Geist über sie kam, dreitausend Menschen! Das ist rekord­verdächtig: Ein Gemeinde­wachstum von null auf dreitausend an einem einzigen Tag! Mit diesem Paukenschlag entstand in Jerusalem die erste christliche Gemeinde der Welt. Das Pfingstfest heißt deshalb auch „Geburtstag der Kirche“.

Dreitausend Leute tauften die Apostel zu Pfingsten, aber dabei stellt sich die Frage: Waren sie denn überhaupt selbst getauft? Hatte Jesus sie zuvor getauft, oder Johannes der Täufer? Oder tauften sie sich zu Pfingsten gegenseitig? Es hat den Anschein, dass das Neue Testament darüber schweigt. Wir wollen die Frage jedoch nicht voreilig fallen lassen. Lasst uns einmal genauer anklopfen in Gottes Wort und sehen, ob es nicht doch etwas dazu zu sagen hat.

Wir springen dafür zurück, ganz an den Anfang des gemeinsamen Weges von Jesus und seinen Jüngern. Das Bibelwort, das wir eben gehört haben, handelt davon, wie Jesus an einem Tag vier Jünger berufen hat, ein Drittel des Zwölfer­kreises. Sie sind das Brüderpaar Simon Petrus und Andreas sowie das Brüderpaar Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus. Alle vier lebten damals ein einfaches und ganz normales Leben als Fischer am See Genezareth.

Als Erstes hören wir davon, dass Jesus diese vier Männer sieht: „Er sah zwei Brüder, Simon und Andreas… Er sah zwei andere Brüder, Jakobus und Johannes.“ Das ist bedeutsam. Denn es ist nicht einfach der Zimmermann Jesus von Nazareth, der sie ansieht, sondern es ist Gottes eingeborener Sohn. Der lebendige Gott sieht diese Menschen gnädig an. Er sieht sie so an, wie er lange Zeit vorher Abrahams Nebenfrau Hagar liebevoll angesehen hatte, und sie hatte gesagt: „Du bist ein Gott, der mich sieht“ (1. Mose 16,13). Und er sieht sie so an wie der Vater den heim­kehrenden Sohn im Gleichnis, von dem es heißt: „Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn der Vater, und es jammerte ihn; und er lief und fiel ihm und den Hals und küsste ihn“ (Lukas 15,20). Dieses Sehen ist Ausdruck von Gottes barmherziger Treue. Gott will dem Menschen trotz seiner Sünde in Treue zugewandt bleiben; darum sandte er den lange versprochene Erlöser und sieht durch ihn alle Menschen liebevoll an.

Auf Gottes Treue und das liebevolle Sehen folgt zweitens der Aufruf zur Nachfolge. Beiden Brüderpaaren ruft Jesus zu: „Folgt mir nach; ich will euch zu Menschen­fischern machen!“ Erst erreicht sie Jesu Blick, dann erreicht sie Jesu Stimme. Niemand wird ein Jünger des Herrn aus eigener Initiative, die Initiative geht immer vom Herrn aus: Er ruft, und sein Wort macht aus dem Sünder einen Jünger. Sein Wort ist immer Schöpfer­wort. So hat Jesus alle Zwölf in die Nachfolge gerufen. An anderer Stelle heißt es zusammen­fassend: „Er setzte zwölf ein“, „er schuf zwölf Jünger“ (Markus 3,14). Wir dürfen diesen Aufruf aber nicht mit einem mili­tärischen Befehl verwechseln. Auch der Aufruf zur Nachfolge ist von Gottes Liebe durch­drungen, ebenso wie seine Treue, die sich im Anblicken äußert. Dieser Aufruf ist zugleich eine Einladung in Gottes Reich, in Gottes Haus, an Gottes Tisch – so wie es im Alten Testament gleichnis­haft von Frau Weisheit heißt: „Wer noch unverständig ist, der kehre hier ein!… Kommt, esst von meinem Brot und trinkt von dem Wein, den ich gemischt habe! Verlasst die Torheit, so werdet ihr leben, und geht auf dem Wege der Klugheit!“ (Sprüche 9,4‑6)

Auf Gottes Treue und auf Gottes Aufruf folgt drittens die Umkehr. Jesu liebevoller Blick und Jesu Aufruf bewirken eine Wende im Herzen und dann auch im Leben der vier Männer. Sie verlassen ihr altes sündhaftes Leben, verlassen auch ihre Netze und ihre Boote, um sich künftig ganz auf Jesus einzulassen. Sie haben das Vertrauen, dass sie bei ihm nicht verhungern werden, auch wenn sie ihren Broterwerb aufgeben. Sie erkennen, dass Gottes Reich wichtiger ist als alle Reiche dieser Welt. Sie setzen die richtigen Prioritäten: Zuerst Jesus und zuerst Gottes Reich, alles andere muss sich dahinter einfügen. So machen sie Ernst damit, dass er der Herr ist und sie seine Jünger, seine Schüler, seine Nachfolger. Aufmerksam hören sie seine Predigten – auch die, in der er sagt: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtig­keit“ (Matth. 6,33).

Nach der Treue Gottes, dem Aufruf Jesu und derUmkehr kommt viertens das Folgen. Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes folgen Jesus und ziehen mit ihm durchs Land. Staunend erleben sie, wie er Wunder tut, den Teufel verjagt, Kranke heilt und Tote auferweckt. Auch bei der letzten schweren Reise nach Jerusalem begleiten sie ihn. Sie rufen „Hosianna!“ und winken mit Palmzweigen, als er durch das Stadttor reitet. Sie sind dabei, als er das ungesäuerte Passa-Brot zu seinem Leib erklärt und den Wein zu seinem Blut. Sie müssen mit ansehen, wie man ihn verhaftet, und sie bekommen dann auch mit, dass er wie ein Verbrecher hingerichtet wird. Am dritten Tag danach sehen sie ihn wieder lebendig vor sich – mit einem neuen, verklärten Leib. Er gibt ihnen den Auftrag, in Jerusalem auf den Heiligen Geist zu warten und dann überall das Evangelium zu predigen. Danach wird er vor ihren Augen zum Himmel aufgehoben.

Und nun sind wir mit diesen ersten Jüngern beim Pfingstfest angelangt, beim Fünften: dem Empfang des Heiligen Geistes. Da erfüllt sich, was Jesus ihnen versprochen hat: „Ihr sollt mit dem Heiligen Geist getauft werden“ (Apostel­gesch. 1,5). Und da bekommen wir den ent­scheidenden Hinweis, um die Frage zu beantworten: Waren die Apostel selbst getauft, als sie zu Pfingsten andere Menschen tauften? Die Antwort lautet: Ja, kurz vorher waren sie mit dem Heiligen Geist getauft worden – aber in einer ganz besonderen Weise: Nicht mit Wasser, sondern mit Feuer­flammen; nicht durch Menschen­hand, sondern direkt durch Gott! Nun konnten sie das Werk beginnen, das Jesus ihnen aufgetragen hatte. Er hatte es ihnen nicht erst mit dem Missions­befehl nach seiner Auferstehung befohlen, sondern er hatte von Anfang an darauf hingewiesen, denn er hatte ihnen damals gesagt: „Folgt mir nach; ich will euch zu Menschen­fischern machen.“ Ja, das war schon damals eine Art Missions­befehl, eingekleidet in ein sprachliches Bild für Fischer. Nun, zu Pfingsten, sind sie tatsächlich Menschen­fischer geworden, und ihre Netze sind so voll, dass sie sie nur mit Mühe an Land ziehen können. Dreitausend Taufen an einem Tag, das war sicher auch harte Arbeit.

Betrachten wir nun noch einmal den großen Bogen des gemeinsamen Weges der Apostel mit Jesus: Zuerst blickte er sie an mit barmherziger Treue, dann kam der Aufruf zur Nachfolge, dann kam die Umkehr, dann kann das Folgen durch Galiläa bis nach Jerusalem, dann kam schließlich der Empfang des Heiligen Geistes. Treue, Aufruf, Umkehr, Folgen, Empfang des Heiligen Geistes: Die Anfangs­buchstaben bilden das Wort „Taufe“. Wir können mit gutem Recht sagen: Diese ganze Zeit des Zusammen­lebens mit Jesus bis hin zu den Feuerflammen des Geistes war zusammen­genommen die Taufe der Apostel. Denn all das gehört dazu, dass Gott einen Menschen durch Jesus erlöst und zu seinem Jünger macht. Genau das aber bewirkt seitdem die christliche Taufe: dass Menschen Jesu Jünger werden.

Wenn nun seit der Ausgießung des Heiligen Geistes Menschen durch Menschenhand und mit Wasser getauft werden, dann ist darin der gesamte Vorgang des Jünger­werdens in einer kurzen sakramentale Handlung zusammen­gefasst. Wenn jemand getauft wird, dann durchläuft er gewisser­maßen im Eilverfahren all das, was die Apostel in den Erdentagen mit Jesus erlebt haben. Das gilt auch heute und für uns; auch wir dürfen unsere Taufe so ansehen.

Mit der Taufe ist uns erstens Gottes Treue begegnet. Da hat uns Jesus liebevoll und gnädig angeblickt, weil er schon von Anbeginn der Welt unser Heil wollte. Mit der Taufe ist zweitens sein Aufruf an uns ergangen: Werde mein Jünger! Dieser Aufruf ist zugleich Gottes Schöpfer­wort, das unsere Umkehr bewirkt hat. Wir sind nun nicht mehr Leute, die verbissen und egoistisch auf ihren Lebens­unterhalt und auf ein bisschen irdische Lebensfreude achten müssen, sondern unsere Priorität ist Jesus und sein Reich. Er ist unser Herr, und mit ihm im Herzen sind wir innerlich so unabhängig von den Sorgen und Freuden dieser Welt wie die ersten Jünger von ihren Booten und und Netzen. Mit der Taufe hat Gott uns viertens auf Jesu Heilsweg folgen lassen, denn durch die Taufe sind wir mit ihm gestorben, begraben und zu neuem Leben auf­erstanden. Und mit der Taufe ist es schließlich Pfingsten in unserem Leben geworden; Gott hat uns fünftens den Empfang des Heiligen Geistes geschenkt. Wenn dieser Geist auch nicht mit Feuerflammen über unseren Köpfen sichtbar geworden ist, so ist er uns doch ins Herz gelegt worden. Unsere Leiber sind seitdem Tempel des Heiligen Geistes. Gebe Gott, dass dieser Geist sich auch bei uns spürbar äußert in der Nächsten­liebe und im Zeugnis vom Herrn Jesus Christus; vielleicht können auch wir dann Menschen­fischer sein: Vielleicht können wir den einen oder anderen Menschen aus dem See der Ver­gänglich­keit heraus­fischen, sodass er Gottes Kind wird. Ja, auch wir können unsere Taufe so buchsta­bieren wie die ersten Jünger, die Apostel: T wie Treue Gottes, A wie Aufruf zum Jüngersein, U wie Umkehr, F wie Folgen auf dem Weg der Nachfolge und E wie der Empfang des Heiligen Geistes. Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2016.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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