Zu seinem Gedächtnis

Predigt über Matthäus 26,17‑30 zum Gründonnerstag

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Zweimal kommt folgender Satz in den Einsetzungs­worten des Heiligen Abendmahls vor: „Solches tut zu meinem Gedächt­nis.“ Dazu wollen wir uns heute besonders anleiten lassen durch den Evange­listen Matthäus und seinen Bericht vom ersten Heiligen Abendmahl. Lasst uns aufs Neue lernen, es zu Jesu „Gedächt­nis“ zu feiern, also zum Gedenken und zur Erinnerung daran, wie er es in der Nacht, bevor er verraten und zum Tode verurteilt wurde, mit den zwölf Jüngern gefeiert hat. Wir wollen uns vorstellen, wir wären mit dabei, säßen mit am Tisch, hörten Jesus mit seinen Jüngern reden und empfingen das Heilige Abendmahl direkt aus der Hand des Herrn. Wir werden dabei merken: In diesem festlichen Mahl hat Gott seine ganze Heils­geschichte kon­zentriert, angefangen von der pro­phetischen Vor­bereitung im Volk Israel bis hin zur noch aus­stehenden Vollendung in der ewigen Seligkeit.

Matthäus leitet seinen Bericht ein mit einer Zeitangabe: „Am ersten Tag der Un­gesäuerten Brote…“ Jedes Jahr im März oder April feiern die Juden das Passafest. Es wird auch „Fest der Un­gesäuerten Brote“ genannt, weil bei dieser Mahlzeit nur Brotfladen gegessen werden dürfen, die ohne Sauerteig gebacken sind. Dieses Fest erinnert an den Auszug der Hebräer aus Ägypten. Mit dem Blut der ge­schlachte­ten Lämmer bestrichen sie einst nach Gottes Anweisung ihre Türrahmen. Dabei vertrauten sie darauf, dass der Todesengel bei ihnen vorüber­gehen und ihre Häuser auslassen würde. Daher hat das Fest seinen Namen, denn Passa bedeutet „vorüber­gehen“ oder „über­springen“. Wenn wir nun in Gedanken mit Jesus und den Zwölfen beim Passamahl sitzen, dann denken wir also zuerst daran, wie Gott sein Volk Israel wunderbar gerettet und geführt hat. Er hat es getan, weil aus diesem Volk der Erlöser kommen sollte, das eine wahre Passalamm, das Lamm Gottes, mit dessen Blut der Tod endgültig abgewiesen werden kann.

Und nun erleben wir in Gedanken mit, wie Jesus und seine Jünger das Passamahl gehalten haben. Da stellen wir fest: Es will keine frohe Fest­stimmung aufkommen. Denn alle spüren: Etwas Schreck­liches liegt in der Luft. Auch die herzliche Gemein­schaft der Jünger mit Jesus und unter­einander ist in Gefahr. Jesus spricht es aus und sagt: „Einer unter euch wird mich verraten.“ Jesus nennt nicht direkt den Namen des Verräters, sondern nur ein Erkennungs­zeichen: Derjenige ist es, der mit ihm zusammen Kräuter in die Schüssel mit Fruchtmus tunkt; das ist bei jedem Passamahl die Vorspeise. Jesus als Gastgeber steht es zu, dies als erster zu tun, aber einer ist voreilig und tunkt gleich­zeitig mit ihm ein: Judas Iskariot. Vom Evange­listen Johannes erfahren wird, dass er dann auch vorzeitig das Fest verlässt – wir wissen, aus welchem Grund und zu welchem schreck­lichen Ende. Ja, so weit kann es mit einem Menschen kommen, auch wenn er vorher zu Jesus gefunden hat. Lassen wir uns durch das Beispiel des Judas mit allem Ernst vor dem Abfall warnen. Jesus sagt: „Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.“

Aber dann wird es doch noch ein ganz besonderes Fest. Beim Passamahl ist es üblich, dass der Gastgeber das ungesäuerte Brot deutet als „Brot des Elends“, das die Hebräer einst in Ägypten aßen. Gott befreite sie aus diesem Elend durch seinen Diener Mose, führte sie zum Berg Sinai und schloss dort seinen Bund mit ihnen, den alten Bund mit den Steintafeln des Gesetzes. Daran sollten die Israeliten Jahr für Jahr denken, wenn sie das Passafest feierten. Aber nun erleben wir, dass Jesus, unser Gastgeber, dieses Mahl neu deutet. Er nimmt einen Brotfladen, spricht ein Dankgebet, bricht es in Stücke, teilt es aus und sagt dabei: „Nehmt, esst, das ist mein Leib.“ Das Brot weist nun nicht mehr auf die zurückliegenden Leiden der Hebräer in Ägypten hin, sondern auf die bevor­stehenden Leiden des Gottessohn. So, wie Jesus den Brotfladen zerbricht, wird man in wenigen Stunden seinen Leib und sein Leben zerbrechen. Kraft der Worte des Herrn geschieht, was sie sagen: Mit dem Brot bekommen die Jünger Christi Leib ausgeteilt und damit die vorweg­genommene heilsame Frucht seines Sterben. Das Brot ist nicht einfach Symbol, es geht hier nicht um ein „Als ob“, sondern es entsteht eine geheimnis­volle sakramen­tale Verbindung zwischen Brot und Leib Christi. Später wird der Apostel Paulus darüber schreiben: „Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemein­schaft des Leibes Christ?“ (1. Kor. 10,16). Und er wird warnen: „Wer so isst und trinkt, dass er den Leib des Herrn nicht unter­scheidet, der isst und trinkt sich selber zum Gericht“ (1. Kor. 11,29).

Auch über dem Becher mit Wein spricht Jesus ein Dankgebet und gibt ihn dann seinen Jüngern zu trinken. Aber es geht nun nicht mehr um die Feier des alten Bundes, den Gott mit den Israeliten am Berg Sinai schloss. Jesus sagt nämlich: „Das ist mein Blut des neuen Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“ Wie einst das Blut der Passalämmer an den Holzbalken der hebräischen Hütten den Tod abwendete, so wendet das Blut des Gottes­lammes an den Holzbalken des Kreuzes den ewigen Tod von vielen Menschen ab – von all denen nämlich, die das im Glauben annehmen. Zwar bleibt der Tod die Folge der Sünde, aber die Macht der Sünde wird durch Christi Blut gebrochen. Kraft der Worte des Herrn geschieht, was sie sagen: Mit dem Inhalt des Kelches bekommen die Jünger Christi Blut ausgeteilt und damit sein vorweg­genommenes Sündopfer. Der Wein ist nicht einfach Symbol, es geht hier nicht um ein „Als ob“, sondern es entsteht auch hier eine geheimnis­volle sakramen­tale Verbindung zwischen Wein und Blut Christi. Später wird der Apostel Paulus darüber schreiben: „Der gesegnete Kelch, den wir segnen, ist der nicht die Gemein­schaft des Blutes Christi?“ (1. Kor. 10,16). Und er wird warnen: „Wer nun unwürdig von dem Brot isst oder aus dem Kelch des Herrn trinkt, der wird schuldig sein am Leib und Blut des Herrn“ (1. Kor. 11,27).

Vom alten Bund zum neuen Bund, vom Passamahl zum Abendmahl, von Mose zu Jesus – so erleben wir es mit, wenn wir das Sakrament des Altars feiern und dabei an unsern Herrn denken. Aber wir erleben auch, wie er uns damit eine wunderbare Zukunft eröffnet. Er verheißt seinen Jüngern bei der Stiftung des Abendmahls: „Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich es von Neuem trinken werde mit euch in meines Vaters Reich.“ Und das heißt doch: Wenn wir vollendet sein werden, wenn wir kraft des Todes und Blutes Jesu aus dem Grab in die Auf­erstehung zum ewigen Leben gezogen werden, dann werden wir tatsächlich und leibhaftig mit Jesus zu Tisch sitzen – wie einst die Zwölf in der Nacht, als er verraten wurde. Wir werden dann mit ihm und dem ganzen Volk Gottes ein herrliches und neuartiges himmlisches Passafest und Abendmahl feiern. Da wird dann nichts mehr Schreck­liches in der Luft liegen, sondern da wird alles Leid überwunden seid. Da wird Freude pur herrschen, und das für immer.

Jesus und seine Jünger schließen die Passafeier mit einem Lobgesang. Auch wir singen viel, wenn wir das Abendmahl feiern; es ist eingebettet in eine festliche Liturgie. Wir haben allen Grund zu singen und Gott zu preisen für den neuen Bund, den er uns durch Jesus gestiftet hat. Wir haben allen Grund, oft und gern dieses Sakrament zu halten. Wir wissen: Es stärkt uns im Glauben; es ist unser geistlicher Proviant auf dem Weg zum himmlischen Vaterhaus, wo wir dann mit Jesus zusammen essen und und trinken und fröhlich sein werden.

Wir haben aber auch jetzt schon allen Grund zur Freude, denn wir wissen: Jesus ist ja jetzt schon unter uns, wenn auch unsichtbar. Er ist bei uns mit seinem Geist, und im Heiligen Abendmahl ist er noch in ganz besonderer Weise unter uns: mit seinem Leib und Blut. Geheimnis­volles Wunder, wunderbares Geheimnis: Der Gastgeber gibt sich selbst zur Speise. Er sei gelobt, ihm sei gedankt, jetzt und für immer! Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2015.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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