Simon von Kyrene

Predigt über Matthäus 27,32 in einer Passionsandacht

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

„Du lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit“, dichtete Wolf Biermann unter dem Eindruck von mancherlei enttäuschenden Er­fahrungen, die er in den 60-er Jahren in der DDR gemacht hatte. Nun ist Biermann zwar kein Christ und das Gedicht kein Kirchen­lied, aber diese Zeile sollten sich auch Christen hinter den Spiegel stecken: „Du lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit.“ Es ist gut und wichtig, trotz aller Ent­täuschung an Welt und Kirche weiter zu lieben, Gott und die Menschen lieb zu behalten. Wie das gehen kann, möchte ich jetzt am Beispiel des Simon von Kyrene zeigen.

Wer war dieser Simon? Sein hebräischer Name weist darauf hin, dass er ein Jude war. Er trug sogar einen besonders beliebten hebräischen Namen: Allein in der Bibel begegnen uns etwa zwanzig ver­schiedene Simons oder Simeons, darunter nicht zuletzt auch der Jünger Simon Petrus. Der Name bedeutet „Erhörung“. Wir können uns vorstellen, dass Simons Eltern wie viele andere Eltern Gott um ein Kind baten, und dann, als ihr Gebet erhört wurde, den Sohn Simon nannten, „Erhörung“. Das muss in Kyrene gewesen sein, denn unser Bibeltext nennt ihn „einen Menschen aus Kyrene“.

Wo lag Kyrene? Kyrene war eine bedeutende Stadt in Nordafrika, im heutigen Libyen. Seit Alexander dem Großen hatten die Griechen dort das Sagen. Aber es lebten dort auch andere Be­völkerungs­gruppen, nicht zuletzt Juden. Weil Kyrene in Afrika lag, behauptet eine alte Über­lieferung, dass Simon von Kyrene ein Schwarzer war. Das ist durchaus möglich, denn etliche Schwarz­afrikaner sind damals zum Judentum über­getreten. Sie stammten nicht leiblich von Israel ab, sondern waren sogenannten Proselyten, fremd­ländische Mitglieder der jüdischen Gemein­schaft. Es kann aber auch gut sein, dass Simons Vorfahren jüdische Auswanderer oder Flüchtlinge waren. Sicher ist jedenfalls, dass die jüdische Gemein­schaft in der Zeit um Jesu Geburt einen schweren Stand in Kyrene hatte. Seitdem die Römer den gesamten Mittelmeer­raum be­herrschten, hatten die Juden in Kyrene nicht mehr dieselben Rechte wie die Griechen, sondern wurden von ihnen unter­drückt. In diesem Klima der Unter­drückung und des Völker­hasses ist der kleine Simon auf­gewachsen. Wahrscheinlich wurde die Situation für seine Familie irgendwann so un­erträglich, dass sie Kyrene verließ, nach Palästina zurückging und dort mühsam eine neue Existenz aufbaute.

Vor siebzig Jahren waren in Deutschland und Osteuropa ebenfalls viele Familien durch die politischen Verhält­nisse gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Sie zogen unter schwersten Bedingungen Richtung Westen und bauten sich mühsam eine neue Existenz auf. Wohl dem, der sich durch diese Erfahrung nicht hat verhärten und verbittern lassen! Und auch heute sind wieder Millionen von Menschen auf der ganzen Welt unterwegs, weil sie es an ihrem an­gestammten Ort nicht mehr aushalten, weil sie dort ihres Lebens nicht mehr sicher sind oder weil man sie von dort vertrieben hat. Wohl denen unter ihnen, die sich nicht verhärten und verbittern lassen, sondern auf­geschlossen und positiv ihren neuen Lebens­abschnitt in Angriff nehmen! Auch Simon von Kyrene ließ sich damals nicht verhärten und verbittern, sondern arbeitete im Jerusalemer Umland fleißig für seinen Lebens­unterhalt. Er wurde ein Landmann, ein Feld­arbeiter, ein Tagelöhner.

Als sein Lebensweg den Leidensweg unsers Herrn kreuzte, kam er gerade von der Arbeit. Wir können uns vorstellen, dass er müde und hungrig war. Er freute sich auf den Feierabend. Außerdem stand ein besonderes Wochenende bevor: das herrliche Passafest, der Höhepunkt des jüdischen Kirchen­jahres. Wenn wir uns so in ihn hinein­versetzen, dann merken wir, dass ihm die Sache mit Jesus und dem Kreuz äußerst lästig gewesen sein muss. Wieder einmal in seinem Leben kam ihm die Politik in die Quere. Jawohl, die Politik, denn es lag an einem Gesetz der Besatzungs­macht, dass Simon seinen Feierabend aufschieben musste. „Sie zwangen ihn, dass er ihm sein Kreuz trug“, heißt es. Römische Soldaten hatten das Recht, die Büger der besetzten Länder zu Transport­leistungen heran­zuziehen. Bis zu einer Meile mussten sie dann den Römern ihr schweres Gepäck tragen helfen, bis zu 1500 Meter. Von diesem Recht machte der Wachtrupp, der Jesus nach Golgatha begleitete, Gebrauch. Die Soldaten sahen den miss­handelten und ge­schwächten Jesus, der sich kaum noch selbst auf den Beinen halten konnte und der mit dem schweren Kreuzes­balken nur mühsam vorankam. Und sie sahen den kräftigen Landarbeite Simon von der Arbeit kommen; der kam ihnen gerade recht. Golgatha war nicht mehr weit, und so zwangen sie den Mann, Jesus jenes Holz hinterher­zutragen, an dem er hin­gerichtet werden sollte.

Nun hätte Simon erst recht verhärten und verbittern können. Obwohl er hier im Land seiner Vorfahren lebte, wurde er immer noch unter­drückt, genauso wie in Kyrene. Er hätte eine Wut auf die Römer haben können, die ihn so demütigten und seinen Feierabend verdarben. Er hätte eine Wut auf Jesus haben können, dass der so ein Schlappschwanz war und sein Kreuz nicht selbst tragen konnte. Und er hätte eine Wut auf Gott haben können, dass der sein Volk nicht endlich vom Joch der Fremd­herrschaft befreite und ihm zu altem Glanz verhalf wie zur Zeit des Königs David. Wenn man verhärtet und verbittert, dann können einem sehr viele Leute einfallen, die einem das Leben schwer machen, und man kann auf sie wütend werden. Die Frage ist nun: Ließ sich Simon durch diese Erfahrung verhärten und verbittern?

Wir wissen nicht viel von Simon. Eins aber wissen wir: Er wurde später Christ. Der Evangelist Markus hat von ihm berichtet, dass seine Söhne Alexander und Rufus hießen (Markus 15,21). Markus hielt das deshalb für erwähnens­wert, weil man diese Leute in der Urgemeinde kannte. Simons Sohn Rufus ging dann später mit seiner Mutter, also mit Simons Frau, nach Rom und genoss dort einen guten Ruf in der christ­lichen Gemeinde. Der Apostel Paulus hat die beiden am Ende des Römerbriefs aus­drücklich grüßen lassen (Römer 16,13). Daran sehen wir: Simon hat sich durch das auf­gezwungene Kreuztragen keineswegs verhärten und verbittern lassen, im Gegenteil: Er hat danach denjenigen lieb gewonnen, dessen Kreuz er da trug. Mehr noch: Simon erkannte in ihm seinen Erlöser, seinen Herrn, den Sohn des lebendigen Gottes. Unzählige Male wird er später davon erzählt haben, wie er den Herrn ein Stück weit auf seinem Leidensweg begleitet hat und wie ihm die große Ehre zuteil wurde, Jesus das Kreuz nachtragen zu dürfen – so wie es für alle rechten Jünger Jesu eine Ehre ist, ein Stück weit das Kreuz des Herrn zu tragen, auch wenn es mächtig schwer ist und hart drückt.

Die äußeren Lebens­umstände des Simon von Kyrene waren dazu geeignet, ihn zu verhärten und zu verbittern. Dass es nicht dazu kam, ist Gottes Werk. Gottes Gnade fügte es, dass Simon seinen Erlöser traf. Der kann alle Sünde und Bitterkeit aus unseren Herzen nehmen und das Licht des Glaubens in uns anzünden. Der kann machen, dass Menschen auch nach schlimmsten Erfahrungen von Leid und Unrecht Liebe ausstrahlen – göttliche Liebe, die von diesem Glaubens­licht ausgeht. Diese Liebe kann ganz viel ertragen, auch Unrecht und Unter­drückung. Der Herr selbst hat seine Jünger in der Bergpredigt ja im Blick auf das Recht der Besatzer gelehrt: „Wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei“ (Matth. 5,41).

Auf Golgatha angekommen, konnte Simon von Kyrene die Last des Kreuzes­balkens von sich abwerfen. An eben diesem Balken nahm dann der Gottessohn Simons Sündenlast auf sich, und auch meine Sündenlast, und auch deine. Das ist der eigentliche Grund, warum wir niemals zu verhärten und zu verbittern brauchen. „Tausend-, tausendmal sei dir / liebster Jesu, Dank dafür.“ Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2015.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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