Gespiegeltes Licht

Predigt über Matthäus 19,27‑30 zum Tag der Bekehrung des Apostels Paulus und zum Letzten Sonntag nach Epiphanias

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Mein Büro liegt so, dass kein direkter Sonnstrahl durchs Fenster fallen kann. Normaler­weise. Manchmal jedoch steht die Sonne so, dass ihre Strahlen von einem Fenster des gegenüber­liegenden Hauses reflektiert und dann doch in mein Büro geworfen werden. Dann freue ich mich über dieses gespiegelte Sonnen­licht.

In der Weihnachts‑ und Epiphanias­zeit geht es um Gottes Licht, das durch Jesus in unsere finstere Welt kommt. Das ist so ähnlich wie bei meinem Büro: Normaler­weise war Gottes Glanz verborgen unter der armen Menschen­gestalt unseres Herrn. Nur manchmal blitzte etwas auf von seiner Herrlich­keit – etwa bei seiner Verklärung, als er mit drei Jüngern auf einem Berg war. Das Evangelium des Letzten Sonntags nach Epiphanias berichtet davon. Und auch die Ver­kündi­gung von Jesus Christus spiegelt etwas wider vom Glanz Gottes und seines Reiches. Ein Beispiel dafür sind die großen Ver­heißungen, die Jesus seinen Jüngern im heutigen Predigttext macht.

Jesus sagte diese Worte, als ein reicher junger Mann ihn gerade traurig verlassen hatte. Der hatte Jesus gefragt, wie man das ewige Leben erwirbt. Als Jesus ihn daraufhin in seine Nachfolge rief, konnte er sich nicht von seinem Besitz trennen. Die zwölf Jünger aber, die bei ihm waren, hatten diesen Schritt gewagt: Sie hatten alles verlassen, um bei Jesus zu sein. In dieser Situation fragte Simon Petrus stell­vertretend für alle: „Was wird uns dafür gegeben?“ Da erzählte Jesus von der großartigen Zukunft, die sie erwartet. In diesem Worten spiegelt sich ein heller Lichtstrahl aus Gottes zukünftiger Welt in Jesu Rede und fällt ins Leben der zwölf Jünger – und hoffentlich auch heute in unser Leben.

Jesus redet hier von einer „Wieder­geburt“. Die dürfen wir aber nicht mit der per­sönlichen Wieder­geburt eines Menschen ver­wechseln, wenn jemand ein Gotteskind wird durch die Taufe, das „Bad der Wieder­geburt“ (Titus 3,5). Jesus redet hier vielmehr von der „Wieder­geburt“ der ganzen Welt, also von Gottes Neu­schöpfung am Jüngsten Tag. Er redet vom „neuen Himmel“ und der „neuen Erde“, die Gott bereits im Alten Testament angekündigt hatte (Jesaja 65,17). Er sagt: „Wer Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlässt um meines Namens willen, der wird‘s hundertfach empfangen und das ewige Leben.“

Diese Verheißung gilt allen Gottes­kindern. Dieser Sonnestrahl aus Gottes zukünftiger Welt erreicht über Jesu Ver­kündigung das Herz von uns allen, die wir an ihn glauben und getauft sind. Aber das gilt nicht automatisch für alle Ver­heißungen unsers Herrn. Wir müssen in der Bibel unter­scheiden lernen, was dem ganzen Gottesvolk gesagt ist, von dem, was nur für besondere Menschen gilt. Ein gutes Beispiel dafür ist gerade diese Predigt unser Herrn, die wir hier betrachten. Denn vor der allgemeinen Verheißung aus Gottes zukünftiger Welt steht eine spezielle Verheißung für die Apostel. Allein ihnen verhieß der Herr: „Ihr werdet bei der Wieder­geburt, wenn der Menschen­sohn sitzen wird auf dem Thron seiner Herrlich­keit, auch sitzen auf zwölf Thronen und richten die zwölf Stämme Israels.“ Damit ist nicht das Jüngste Gericht gemeint, sondern „richten“ steht hier allgemein für leiten und führen – so wie die Führungs­personen in der Anfangszeit des Volkes Israel noch nicht „Könige“ genannt wurden, sondern „Richter“. Jesus verheißt also seinen Aposteln (und nur ihnen!) eine Führungs­rolle in der neuen Welt. Auch die erwähnten Throne zeigen dies an: Wie Jesus dann auf einem Thron sitzen wird, so werden auch sie auf Thronen sitzen – sie werden also zusammen mit dem Herrn das eine Gottes­volk, das aus allen Völkern zusammen­kommt, regieren. Johannes hat später im Buch der Offenbarung auf­geschrie­ben, was Gott ihm in einer Vision gezeigt hatte: Im Thronsaal Gottes werden 24 Throne stehen, auf denen 24 Älteste sitzen. Zwölf von ihnen repräsen­tieren die Stammes­häupter der zwölf Stämme Israels und somit Gottes alten Bund, die zwölf anderen aber die zwölf Apostel und Gottes neuen Bund. Eben diese zwölf Throne des neuen Bundes und diese Herrschaft hat Jesus hier seinen Aposteln verheißen.

Jesus schließt seine Ver­heißungen mit dem Satz: „Viele, die die Ersten sind, werden die Letzten und die Letzten werden die Ersten sein.“ Diesen Satz kann man vielfältig auslegen. Ich will ihn jetzt besonders auf die Apostel deuten. Wir wissen ja: Zu diesen Aposteln der ersten Stunde, denen Jesus das sagte, hat Gott viel später noch einen weiteren Apostel hinzu­gefügt, den Apostel Paulus nämlich. An ihn denken wir heute besonders – am 25. Januar, dem Gedenktag seiner Bekehrung. Ur­sprünglich hieß er „Saulus“ und war ein glühender Feind der ersten Christen gewesen. Selber ein Christ zu werden war wohl das Letzte, was ihm in den Sinn gekommen wäre. Dann aber trat Jesus in sein Leben wie ein blendend helles Licht. Auch da spiegelte sich ein Strahl von Gottes Glanz und Herrlich­keit in unserer dunklen Welt. So überwand der Herr den Widerstand des Saulus und machte aus ihm einen Paulus, einen sanft­mütigen Jünger und Apostel. Seine Bekehrung war zugleich seine Berufung: Er wurde nicht nur zum christ­lichen Glauben bekehrt und durch die Taufe als Gotteskind wieder­geboren, sondern er wurde zugleich zum Apostel berufen – zu einem unmittelbar von Jesus be­auftragten und be­vollmächtig­ten Boten des Evan­geliums. Später hat sich Paulus im Blick auf diese späte Berufung bescheiden eine „unzeitige Geburt“ genannt (1. Kor. 15,8): einen, der zu spät geboren war, um noch in Jesu Erdentagen ein Jünger zu werden, der aber dennoch dem Auf­erstandenen persönlich begegnet ist. An Paulus hat sich nun Jesu Satz erwiesen: „Die Letzten werden die Ersten sein.“ Denn sein Ruhm als Bote Christi übertrifft den der anderen Apostel. Keiner der anderen Apostel hat größeren Missions­eifer gezeigt, und von keinem sind mehr Schriften über­liefert; sie machen immerhin ein Viertel des gesamten Neuen Testaments aus.

Liebe Brüder und Schwestern in Christus, im Spiegel der Rede Jesu erreichen uns Strahlen vom Glanz der zukünftigen Herrlich­keit. Wir hören, dass das Christsein und die Nachfolge des Herrn jede Mühe wert ist, weil die ewige Seligkeit alles Kreuzesleid vielfach aufwiegen wird. Darüber hinaus hören wir, dass die Apostel zu Regierenden über Gottes Volk bestimmt sind, genauer: zu Mit-Regierenden mit Christus. Auch diese Information ist für uns wichtig. Denn das bedeutet: Wir tun gut daran, uns jetzt schon dieser Regierung zu unter­stellen. Wir tun gut daran, auf die Worte von Petrus und Paulus und den anderen Aposteln zu achten, so als sagte sie uns der Herr persönlich. Bei anderer Gelegenheit hat Jesus zu ihnen gesagt: „Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich“ (Lukas 10,16). Kurz vor seiner Himmelfahrt hat er ihnen auf­getragen: „Lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe“ (Matth. 28,20). Und der letzte unter den Aposteln, der da noch kein Apostel war, hat dann nach­träglich von unserm Herrn denselben Auftrag und dieselbe Vollmacht erhalten, und hat das bei aller Demut stets betont. Er schreibt: „Das Evangelium, das von mir gepredigt wird, ist nicht von mensch­licher Art. Denn ich habe es nicht von einem Menschen empfangen oder gelernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi.“ (Gal. 1,11) Und an anderer Stelle schreibt er: „Wir danken Gott ohne Unterlass dafür, dass ihr das Wort der göttlichen Predigt, das ihr von uns empfangen habt, nicht als Menschen­wort aufgenommen habt, sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Gottes Wort, das in euch wirkt, die ihr glaubt“ (1. Thess. 2,13). Dabei haben die Apostel­worte heute noch in ihrer schriftlich über­lieferten Form genau dieselbe Autorität wie ur­sprünglich in der mündlichen Ver­kündi­gung. Paulus schreibt: „Haltet fest an der Lehre, in der ihr durch uns unterwiesen worden seid, es sei durch Wort oder Brief von uns“ (2. Thess. 2,15).

Ich lege das deshalb so ausführlich dar, weil das heute teilweise sogar im Bereich der Kirche an­gezweifelt wird. Da lässt man sich die Bibel gern als anregendes Trost‑ und Erbauungs­buch gefallen, aber man ist nicht mehr bereit, sie ohne Abstriche als Gottes Wort anzusehen, als Gottes heiligen und verbindlich gültigen Willen. Wer jedoch solche Abstriche macht, der soll wissen, was er tut: Er will damit die Apostel von ihren Thronen stoßen, die Christus selbst für sie bereit­gestellt hat. Das gilt auch und in besonderer Weise für den Apostel Paulus. Da kritisieren ihn die einen, dass seine Predigt von der Gerechtig­keit allein aus Glauben zu freizügig sei, und wollen wieder eine Gerechtig­keit aufrichten, die auf dem Verhalten und dem guten Willen des Menschen beruht. Und da lehnen andere manche Weisung ab, die Paulus uns Christen gegeben hat. Sie halten zum Beispiel für nicht mehr zeitgemäß, was Paulus über die Frauen geschrieben hat oder über die Ehe. Natürlich müssen wir uns immer wieder neu Gedanken darüber machen, was Paulus denn im Einzelnen mit seinen Worten meint, und da können die Meinungen schon mal auseinander­gehen. Aber eins muss klar sein: Wo wir erkennen, was der Apostel gemeint hat, da muss es so verbindlich gelten, als ob Christus persönlich es uns geboten hätte.

Denn auch die Heilige Schrift ist nichts anderes als ein Spiegel, der uns Strahlen von Gottes ewigem Glanz in unsere dunkle Welt lenkt, und auch in unsere dunklen Herzen. Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2015.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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