Altes Leid und neue Freude

Predigt über Matthäus 9,14‑17 zum 6. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Hochzeiten sind, wie der Name schon sagt, „hohe“ Zeiten, Freuden­zeiten, Zeiten der Hoch­stimmung. Wer so traurig ist, dass er nichts essen und trinken will, der gehört nicht auf eine Hochzeits­feier. Bei einer Hochzeit muss man essen, trinken und fröhlich sein. Wenn ich eine Liste anlegen sollte mit Dingen, über die ich mich freue, dann könnte ich mit voller Überzeugung „Hoch­zeiten“ auf­schreiben. Besonders erfreulich ist es, wenn ein Christ und eine Christin sich vor Gottes Angesicht ihr Ja-Wort geben und unter Gottes Wort, Gebet und Segen ihre Ehe beginnen. Sie geloben dabei öffentlich lebenslange Treue und bekennen sich damit gegen alle Verirrungen unserer Zeit zu Gottes Ordnung.

Nun könnte ich aber noch viel mehr auf die Liste schreiben mit den Dingen, über die ich mich freue, und ihr könntet es gewiss auch. Der Friede im Land gehört darauf, und Gottes Schutz in vielen Gefahren. Natürlich darf auch die Tatsache nicht fehlen, dass Gott mich mit der Taufe als sein Kind angenommen hat und mich durch seinen Sohn Jesus Christus trotz meiner Sünde liebt. Zu den ganz wichtigen Freuden gehört auch das ewige Leben: Wenn ich einmal sterben muss, ist der Tod nicht endgültig, sondern Christus schenkt mir dann das selige Leben in Gottes neuer Welt.

Ich könnte jetzt noch ein zweites Blatt nehmen und darauf alles schreiben, was mich traurig macht; und ihr könntet das auch. Die schlimmen Kriege machen uns traurig, von denen dieser Tage die Nachrichten voll sind. Überhaupt: Hass und Feindschaft machen uns traurig, auch Krankheiten und Ent­täuschun­gen. Und es macht uns traurig, dass so viele Menschen nicht nach Gott fragen und sich von Christus nicht helfen lassen wollen. Auch die Lauheit und Trägheit vieler Christen macht uns traurig; ihnen ist es offenbar nicht wichtig, Gott in der Gemeinde anzubeten.

Da stehen wir nun mit unseren beiden Listen, der Freuden-Liste und der Traurig­keiten-Liste. Was fangen wir mit ihnen an? Verhält es sich mit ihnen so wie mit dem sprichwört­lichen Glas, das je nach Be­trachtungs­weise entweder halb voll oder halb leer ist? Mancher Christ wirft die Traurig­keiten-Liste einfach in den Papierkorb und tut so, als gäbe es all das Negative nicht; aber ist das nicht un­wahrhaftig? Und mancher Christ sagt sich angesicht von so viel Leid von Gott los und wirft damit den wichtigsten Teil seiner Freuden-Liste in den Papierkorb. Aber ist eigentlich nicht auch das un­wahrhaftig? Denn wenn man sich so verhält, dann hält man die Haupt­aussagen der Heiligen Schrift für Lügen. Wie also soll man mit den beiden Listen umgehen? Sollen wir als Halb-und-halb-Christen leben, halb fröhlich und halb traurig, mit irgendwie mittel­mäßiger Stimmung?

Jesu Worte, die wir als Predigttext gehört haben, helfen uns weiter. Es handelt sich um drei Gleich­nisse: das Gleichnis von den Hochzeits­leuten, das Gleichnis vom alten Gewand und das Gleichnis vom neuen Wein. Im Grunde genommen sagen sie alle drei dasselbe: Altes und Neues, Traurigkeit und Fröhlich­keit passen nicht zusammen. Jesus erteilt somit dem Halb-und-halb-Christen­leben eine Absage. Stattdessen leitet er dazu an, beides in die rechten Beziehung zueinander zu setzen. Um das zu verstehen, müssen wir allerdings tiefer in den Zusammen­hang einsteigen.

Jesus feierte mit seinen Jüngern und anderen Leuten gerade ein fröhliches Fest – kein Hochzeits­fest, sondern ein Bekehrungs­fest. Der Zöllner Matthäus hatte sich von seinen Gauner­methoden losgesagt und war ein Jünger Jesu geworden. Vor lauter Freude darüber hatte er Jesus und viele andere zu einem Festessen eingeladen. Jesus und die anderen Jünger hatten die Einladung dankbar angenommen und ließen es sich schmecken. Aber gerade als das Bratenfett von ihren Fingern tropfte und der Wein ihre Kehlen kühlte, betraten ein paar traurige Gestalten den Saal und steuerten auf Jesus zu. Sie waren mager vom Fasten und blickten mit offen­kundigem Widerwillen auf das Bankett. Irritiert fragten diese Jünger Johannes des Täufers den Herrn: „Warum fasten wir und die Pharisäer so viel, und deine Jüngere fasten nicht?“ Jesus be­antwortete mit seinen drei Gleich­nissen den zweiten Teil ihrer Frage – die Frage nämlich, warum Jesu Jünger wie auch ihr Meister nicht regelmäßig fasten. Den ersten Teil der Frage konnte sich damals jeder einiger­maßen informierte Mensch selbst be­antworten: Die Pharisäer und die Johannes-Jünger fasteten als Bußübung. Sie verliehen damit der Traurigkeit Ausdruck über ihre Sünden und über Gottes Zorn. Ihr Fasten hing mit Gottes altem Bund zusammen und mit dessen Haupt-Merkmal, dem Gesetz. Die Pharisäer wussten: Israel ist ein besetztes Land, weil Gott die Sünden seines Volkes straft. Und die Johannes-Jünger wussten: Wir haben Gottes Gesetz gebrochen und deswegen Gottes Zorngericht verdient. Der Menschen Sünde und Gottes Strafe standen bei den Johannes-Jüngern ganz oben auf der Liste der Traurig­keiten, und darum fasteten sie. Der alte Bund, die Gebote, die Ver­fehlungen der Menschen und Gottes Zorn fanden in diesem Fasten Ausdruck.

Jesu Jünger aber fasteten nicht. Der Grund: Sie hatten etwas, das schwerer wiegt als der alte Bund und die Gebote und die Sünde und Gottes Zorn. Es ist der neue Bund, es ist Gottes vergebende Gnade und das neue Leben in seinem Reich. Es ist die gute Nachricht vom Heiland Jesus Christus, die frohe Botschaft vom ewigen Leben, das Gott allen schenkt, die ihm vertrauen. Es ist der Friede mit Gott und der daraus folgende Friede unter seinen Kindern. Es ist die Liebe des Vaters, die reichlich ausgegossen wird durch seinen Sohn. All das steht obenan auf der Freuden-Liste für Jesu Jünger. Und es wiegt, wie gesagt, viel schwerer als alles, was auf der Traurig­keiten-Liste steht. Als Jesus predigend durchs Land zog, da taten täglich Menschen Buße und reihten sich ein in die Schlange derer, die Jesus nach­folgten. Jeden Tag wurden Freuden­feste gefeiert aus einem Anlass, der noch viel herrlicher ist als eine Hochzeit: Menschen werden für Gottes Reich gewonnen und für das ewige Leben. Darum fasteten Jesu Jünger nicht, sondern leckten sich die Fett-triefenden Finger und ließen sich den Wein schmecken, den Matthäus herbei­geschafft hatte.

Nun wird uns klar, was Jesus mit seinen Gleich­nissen sagen will: Gottes alter Bund mit dem Gesetz und mit dem strafenden Zorn passt nicht zu Gottes neuem Bund mit seiner vergebenden Liebe und Gnade. Wer beides vermischen will, der handelt ebenso dumm wie einer, der jungen Wein in alte Wein­schläuche füllt; das brüchige Leder hält dem Druck der fort­schreiten­den Gärung nicht stand. Wer alten und neuen Bund, Gesetz und Evangelium miteinander ver­wechselt, der handelt ebenso dumm wie einer, der ein ab­getragenes Kleidungs­stück mit bestem neuen Tuch flicken will: Es wäre schade um den schönen Stoff, und das alte Kleidungs­stück wird dadurch auch nicht besser. Wer die Liste seiner Traurig­keiten und die Liste seiner Freuden gleich­berechtigt neben­einander legt und sich mit einer faden Halb-und-halb-Mittel­mäßigkeit zufrieden gibt, der handelt wie einer, der sich die Hochzeits­freude von seinen Alltags­sorgen trüben lässt. Jesus erwiderte den Jüngern des Johannes: „Wie können die Hochzeits­gäste Leid tragen, solange der Bräutigam bei ihnen ist?“

Am Hochzeits-Gleichnis wird deutlich, was mit dem Neuen gemeint ist: Der neue Wein und der neue Lappen sind eigentlich eine Person, nämlich der Bräutigam, der Heiland Jesus Christus. Wer zu ihm kommt durch Glaube und Taufe, der wird ein neuer Mensch, denn der sündige alte Adam ertrinkt in der Taufe. Was für ihn letztlich zählt, ist das Freudenfest der Buße. Wer zu Jesus kommt, der hat seine Sünden bekannt und an den Heiland abgegeben; nun nimmt Christus ihn in sein herrliches Reich auf. Die Liste der Traurig­keiten wird unwichtig, weil Jesus die Sünde und ihr Verderben überwunden hat; im Vordergrund steht die Liste der Freuden mit der frohen Botschaft des Evangeliums an erster Stelle.

Es bleibt nun nur noch übrig, die beiden Listen ins rechte Verhältnis zueinander zu setzen. Wie gesagt, die Liste der Traurig­keiten als Folge mensch­licher Sünde und die Liste der Freuden als Folge der Erlösung Christi passen nicht zusammen, sie lassen sich nicht zu einer christ­lichen Mittel­mäßigkeit kombinieren und auch nicht als ständige Achterbahn­fahrt der Gefühle akzep­tieren. Jesus zeigt mit seinen Gleich­nissen deutlich, dass sie nichts miteinander zu schaffen haben, sondern weit von­einander getrennt werden müssen: Die Liste der Traurig­keiten gehört in die Vergangen­heit, zum alten Bund und zum alten Adam; wir sind dabei, uns von ihr zu ver­abschieden. Der Liste der Freuden dagegen gehört die Zukunft: Der neue Adam Jesus Christus hat sie mit der Erlösungs­tat des neuen Bundes eröffnet und uns durch die neue Geburt der Taufe einbezogen. Dieser neuen Liste gehört unsere Zukunft.

Freilich: Solange wir auf dieser Erde leben, leben wir sowohl im Alten als auch im Neuen. Beides passt zwar nicht zusammen, und doch sind wir beidem ausgesetzt. Auch die damaligen Jüngern mussten es noch schmerzlich erleben: Sie mussten die schreck­liche Erfahrung machen, wie ihr geliebter Herr und Meister unter der Macht der Sünde am Kreuz zerbrach. Da hatten sie große Traurig­keit, da hatten sie allen Grund zum Fasten, wie Jesus pro­phezeite: „Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten.“ Auch wenn Jesus auf­erstanden ist und seinen Siegeszug angetreten hat, erfahren wir, liebe Brüder und Schwestern, immer wieder etwas von der Last des Kreuzes: Wir erleben grausam die Sünden anderer Menschen und leiden auch immer noch unter eigenen Sünden sowie unter ihren Folgen. Es gibt sie noch, die Liste der Traurig­keiten, und das mag Christen auch immer wieder einmal zum Fasten bewegen. Lassen wir uns aber nicht dazu verleiten, diese alte Liste so schwer zu nehmen wie die neue. Vergessen wir nie: Durch den Bräutigam Christus ist diese Liste veraltet, sie ist ein Auslauf­modell, und darum sollten wir uns vor allem auf die Liste der Evangeliums-Freuden konzen­trieren. Denn dieser neuen Liste gehört unsere Zukunft, und das in alle Ewigkeit. Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2014.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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