Schon vergessen, wie der Geist kommt?

Predigt über Galater 3,1‑5 zum Pfingstsonntag

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Es ist wie verhext! Da haben Leute jahrelang im Gottes­dienst das Evangelium gehört und sind dann doch vom Glauben abgewichen. Da habe ich jungen Leuten im Kon­firmanden­unterricht ausführlich Gottes Wort gelehrt und sie haben sich bei der Kon­firmation auch dazu bekannt, und dann bleiben sie mit faden­scheinigen Ausreden weg. Da hat sich vor knapp 500 Jahren die frohe Botschaft von Jesus Christus mit dem Platzregen von Luthers Reformation über halb Europa ergossen, aber heute haben die meisten Europäer keine Ahnung mehr, worum es dabei geht. Und da hat Gott vor 2000 Jahren zu Pfingsten seinen Geist über die Apostel ausgegossen und die erste christliche Gemeinde geschaffen, aber wir sehen heute nicht mehr viel vom Wehen dieses Geistes. Es ist wie verhext!

Ihr merkt: Ich rege mich auf zu diesem Pfingst­fest. Jawohl, ich rege mich auf, und ich bin dabei nicht in schlechter Gesell­schaft. Der Apostel Paulus hat sich auch aufgeregt und in seiner Erregung einen Brief ge­schrieben, der in der Bibel steht: den Brief an die Galater. Wir haben eben einen Abschnitt daraus gehört. Paulus schrieb: „O ihr un­verständi­gen Galater! Wer hat euch bezaubert?“ Wer hat euch verhext? Ja, es war wie verhext mit den Galatern! Paulus hat in diesem Abschnitt keinen einzigen normalen Satz ge­schrieben, sondern stattdessen zwei Ausrufe und sechs Fragen.

Warum regte Paulus sich auf? Mit viel Liebe hatte er in der Provinz Galatien Menschen zum christ­lichen Glauben geführt, sie unter­richtet und ihnen das Evangelium gepredigt. Unter dem Einfluss des Heiligen Geistes hatten die Galater Gottes Wort angenommen, ihren Glauben bekannt und sich taufen lassen. So waren dort Missions­gemeinden entstanden, die dem Apostel viel Freude machten. Aber als er weiter­gereist war, um auch anderswo das Evangelium zu ver­kündigen, erreichten ihn schlechte Nachrichten aus Galatien. Es waren dort einige selbst­ernannte Prediger auf­getreten, die den Galatern weis­machten, dass Paulus ihnen nicht alles gesagt hätte. Sie be­haupteten, dass die Galater ers einmal gute Juden werden müssten, um gute Christen zu sein. Die Männer müssten sich beschneiden lassen, und alle müssten sich nach den alt­testament­lichen Satzungen für das Volk Israel richten. Kurz: Diese Ein­dringline wollten den Galatern einreden, dass die Seligkeit nicht zum Nulltarif zu haben ist, sondern dass man sich dafür selber anstrengen muss. Die Galater haben das nur zu gern geglaubt.

Wie steht es mit euch, liebe Brüder und Schwestern in Christus? Hättet ihr es nicht auch geglaubt, wenn ihr an der Stelle der Galater gewesen wärt? Natürlich wisst ihr, dass man nicht erst ein guter Jude werden muss, um ein guter Christ zu sein. Aber das Grund­problem, meine ich, das findet sich auch bei uns: Es ist die Auffassung, dass die Seligkeit nicht zum Nulltarif zu haben ist, sondern dass man sich dafür anstrengen muss. Dieses Grund­problem haben letztlich alle Menschen; es steckt tief drin in unserer Seele. Dass man sich alles Gute verdienen muss, ist den meisten in Fleisch und Blut über­gegangen. Paulus nannte dieses Prinzip deshalb auch abgekürzt „Fleisch“ und fragte die Galater: „Im Geist habt ihr angefangen, wollt ihrs denn nun im Fleisch vollenden?“

Gegen den Irrtum des Fleisches hilft nur die Wahrheit des Geistes. Die Galater hatten damals wieder vergessen, wie der Geist kommt, darum musste Paulus sie mit seinem Brief daran erinnern. Und auch ihr heutigen Christen habt es immer wieder nötig, vom Geist gelehrt zu werden gegen die Meinung des Fleisches – auch die ganz Treuen unter euch. Wir singen und beten heute: „Komm, Heiliger Geist!“ Nun wollen wir ihn auch wirklich herein­lassen und hören, was er uns zu sagen hat. Es ist dasselbe Evangelium, dieselbe frohe Botschaft Gottes, die er damals beim ersten Pfingstfest durch die Apostel kundgemacht hat. Es ist dasselbe Evangelium, mit dem Paulus die Gemeinden in Galatien aufgebaut hat. Und es ist dasselbe Evangelium, das er ihnen im Galater­brief erregt an den Kopf geworfen hat. Aber besser erregt an den Kopf geworfen als ver­schwiegen.

Paulus setzt mit Christus dem Ge­kreuzig­ten ein. Christus und sein Kreuz sind die Grundlage des Evangeliums und unseres Glaubens. Christus und sein Kreuz waren das Hauptthema aller Paulus-Predigten, und sie sind noch heute das Hauptthema aller rechten christ­lichen Ver­kündigung. Es verdross Paulus nicht, dass er den Menschen immer wieder dasselbe sagte. Unermüdlich malte er den Galatern und allen anderen den Ge­kreuzig­ten mit sprach­lichen Bildern vor Augen. Damit wird er nicht immer den Ewartungen seiner Hörer entsprochen haben. Auch heute erwarten viele Predigt­hörer etwas anderes: Sie wollen hören, was sietun sollen, oder sie suchen Orien­tierung zu aktuellen Fragen den Zeit­geschehens. Das alles aber kann nicht Hauptthema der christ­lichen Predigt sein; vielmehr ist es Christus und sein stell­vertreten­der Opfertod für unsere Sünden. So erinnere ich auch euch heute aufs Neue daran: Fragt nicht zuerst danach, was ihr tun sollt, sondern staunt darüber, was Gott für euch getan hat in Jesus Christus! Lasst euch neu ergreifen durch das Wort vom Kreuz und jubelt neu über die Auf­erstehung eures Herrn! Durch diese frohe Botschaft kommt der Heiligen Geist zu uns.

Dann geht Paulus weiter zu seinem großen Thema „Gesetz und Glaube“. Er rüttelt die Galater gleichsam an den Schultern und fragt sie erregt: „Das allein will ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist empfangen durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben?“ Und dann noch einmal: „Der euch nun den Geist darreicht und tut solche Taten unter euch, tut ers durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben?“ Es geht hier um ein Entweder-Oder: Entweder verlassen sich die Galater darauf, dass Jesus sie am Kreuz vollständig erlöst hat, oder sie meinen, dass sie diese Erlösung durch bestimmte Gesetzes­werke ergänzen müssen. Diese zweite Alternative ist lebens­gefährlich! Denn wer meint, seine Erlösung durch eigene fromme Leistungen ergänzen zu müssen, der nimmt ja an, dass Christi Erlösungs­werk am Kreuz un­vollkommen sei. Damit aber verlässt er den selig­machenden Glauben. Er verfällt dem Irrtum, dass ihm die Sünden nicht aus Gnaden vergeben werden, also gratis und zum Nulltarif, sondern dass er sie durch irgend­welche Zuzahlungen erwerben muss. Die Warheit jedoch lautet: Für unsere Erlösung können wir nichts tun, und für unsere Erlösung brauchen wir auch nichts zu tun. Gott möchte einfach nur, dass wir sie uns gefallen lassen – ohne des Gesetzes Werke, ohne Eigen­leistung. Mit guten Werken, Lob und Anbetung können wir ihm dann nachher danken für diese Gnade, aber erwerben können wir damit nichts. Diese Kern­botschaft des Evangeliums muss immer wieder neu gepredigt und betont werden; nur so kann Gottes Geist die Meinung unseres Fleisches über­stimmen.

Die Galater hatten schnell vergessen, wie der Geist kommt, darum hat Paulus sie wieder daran erinnert. Immer geschieht es, dass Menschen den Weg des Glaubens verlassen und sich auf Abwege verführen lassen. Schon von Saul und anderen Königen Israels können wir in der Bibel lesen, wie sie vom rechten Gott­vertrauen abgewichen sind. Im Mittelalter haben Bischöfe und Priester das Volk verführt und ihnen weis­gemacht, sie könnten sich mit Ablass­zahlungen von Sünden­strafen freikaufen. Und heute glauben viele, wenn sie als einiger­maßen anständige Menschen leben, dann würde Gott mit ihnen zufrieden sein. Aber auch heute gilt, dass niemand sich selbst erlösen kann. Wir haben vielmehr den Heiligen Geist nötig, wir haben das Evangelium nötig, wir haben das Sühnopfer des ge­kreuzigten Christus nötig. Und das kommt zu uns durch das Wort der Bibel, also durch das Wort des Paulus und der anderen Apostel und der Propheten. Das Evangelium kommt auch zu uns im Zuspruch der Sünden­vergebung in der Beichte sowie im Heiligen Abendmahl. Wer Beichte und Abendmahl verachtet, der verachtet den Heiligen Geist, der auf diesen besonderen Wegen Christi Erlösung und Gottes Gnade über uns ausschütten will.

Es ist wie verhext, dass so viele das offenbar vergessen haben, und noch mehr wohl nie richtig wahr­genommen. Man kann sich darüber aufregen. Aber in jeder Aufregung steckt auch Hoffnung. Achten wir noch einmal auf die Worte des Paulus im Galater­brief: „Habt ihr denn so vieles vergeblich erfahren? Wenn es denn vergeblich war!“ Achtet auf die Hoffnung in diesem letzten Satz: Vielleicht war es ja doch nicht vergeblich. Vielleicht besinnen sich die Galater ja noch einmal. Vielleicht erinnern sie sich wieder an das Evangelium von Gottes Gnade und an das vollkommene Erlösungswerk Christi am Kreuz. Darum predigt es Paulus ihnen hier Galater­brief noch einmal, zum x-ten Mal, und darum betet er für sie. Auch wir haben es nötig, dass wir uns immer wieder neu auf das Evangelium besinnen. Und auch wir können die Hoffnung haben, dass die, die es vergessen haben, sich irgendwann wieder darauf besinnen werden. Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2014.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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