Jesus lobt, lehrt und lädt ein

Predigt über Matthäus 11,25‑30 zum Sonntag Kantate

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Mehr Bildung!, fordern die Medien. Mehr Bildung!, versprechen die Politiker. Mehr Bildung!, ruft das ganze Land. In der Tat ist Bildung wichtig und nützlich. Wer einen annehmbaren Arbeits­platz finden und sich einen guten Lebens­unterhalt verdienen will, braucht Bildung. Wer die politische Landschaft durch­schauen und als Wähler gewissen­haft entscheiden will, muss informiert sein. Überhaupt: Wer ver­antwort­lich leben und gute Ent­scheidungen treffen will, hat ein gewisses Maß an Erkenntnis und Weisheit nötig. Allerdings gibt es einen Bereich, wo Wissen und Weisheit eher hinderlich ist. In diesem Bereich haben es die Un­gebildeten leichter: die Unmündigen, die Ein­fältigen, die Kindlichen. Es ist der Bereich des Glaubens.

Damit sind wir beim ersten Teil der Rede unsers Herrn Jesus Christus aus dem heutigen Evangelium. Sie besteht insgesamt aus drei Teilen: einem Lobpreis, einem Lehrwort und einer Einladung. Jesus lobt, Jesus lehrt, Jesus lädt ein – mit diesen drei Sätzen können wir unsern Predigttext gliedern. Jesu Lob geht so: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater, denn so hat es dir wohl­gefallen.“ In der Tat, dafür ist Gott zu loben und zu preisen: Er schafft einen Bereich, wo endlich einmal die Un­gebildeten einen Vorteil haben, die Unmündigen, die Ein­fältigen, die Kinder. Und sie haben nicht nur einen Vorteil, sondern sie dienen den anderen sogar als Vorbild. Jesus sagte an anderer Stelle: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen“ (Matth. 18,3). Und sein erster Satz in der Bergpredigt lautet: „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmel­reich“ (Matth. 5,3). Intelligenz und Bildung sind zwar nützliche Werkzeuge zur Lebens­bewälti­gung, aber zur Gottes­erkenntnis taugen sie ebensowenig wie ein Schmiede­hammer zur Reparatur einer Armbanduhr. Wer Gott erkennen will, muss bei den Kindern in die Schule gehen und bei den Ein­fältigen: Sie sind mit schlichter Hoffnung und fröhlicher Erwartung ganz einfach offen für all das Gute, was Gott ihnen schenken will. Selbst kluge Theologie kann der Gottes­erkenntnis im Weg stehen, wenn sie nicht mit kindlichem Glauben einhergeht, ja, sich sogar dem kindlichen Glauben unter­ordnet. Ein wunderbares Beispiel dafür ist Martin Luther: Er war einer der klügsten Theologen seiner Zeit, aber dabei hatte er einen ganz kindlichen Glauben. Dass die „Weisen und Klugen“ in unserm Jesus-Wort so schlecht wegkommen, kommen­tierte Luther in einer seiner Predigten so: „Der Herr redet hier von den Weisen und Ver­ständigen, die sich mit ihrer Weisheit aufwerfen wider Gottes Weisheit. Denn die weltliche Weisheit ist so geschickt, dass sie nicht allein zeitliche, weltliche Dinge regieren will, sondern auch die Dinge, so Gottes sind; sie grübelt und erdenket immer was Neues, auch in geistlichen und göttlichen Sachen.“

Liebe Brüder und Schwestern in Christus, machen wir uns also bewusst: Egal wie gebildet oder intelligent wir sind, vor Gott sind wir allesamt unwissend und unmündig. Darum sind wir darauf angewiesen, dass Gott zu uns spricht. Wir sind darauf angewiesen, dass er uns seine göttliche Weisheit verkündet in so schlichter Weise, wie ein Vater seinem kleinen Kind etwas erklärt. Darum geht es im zweiten Teil unseres Predigt­textes, dem Lehrwort. Jesus lehrte: „Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.“ Da sagt der Herr aus­drück­lich, dass es hier um die Gottes­erkenntnis geht und dass kein Mensch von sich aus rechte Gottes­erkenntnis haben kann. Hatte Jesus im ersten Teil Gott für die Unmündigen gelobt, so lehrt Jesus hier im zweiten Teil über die Un­wissenden. Niemand kennt Gott den Vater; niemand hat ihn jemals in seiner voll­ständigen Gestalt und Herrlich­keit gesehen; niemand kann all seine Eigen­schaften be­schreiben; niemand kann seine Werke und Wege verstehen; niemand kann sich zu ihm auf­schwingen durch Meditation oder Ekstase, durch Opfer oder Gebet, durch Stille oder durch lauten Jubel. Dasselbe gilt für seinen Sohn: dass der Mensch Jesus von Nazareth niemand anderes ist als Gottes ein­geborener Sohn, wahrer Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, das muss der mensch­lichen Vernunft ein Räsel bleiben. Es gibt nur eine einzige Möglichkeit für wahre Gottes­erkenntnis, und ebenso für die rechte Christus-Erkenntnis: dass Gott selbst sich uns vorstellt und wir das mit kindlichem Glauben einfach annehmen. Diesen Vorgang nennt man „Offen­barung“. Niemand kennt den Vater, niemand kennt den Sohn, es sei denn, dass Gottes Sohn Jesus Christus selbst es offenbar macht. Und genau das tut er auch. Er hat es getan mit Worten und Werken in seinen Erdentagen; er hat es getan durch seine be­vollmäch­tigten Apostel; er tut es heute noch durch seinen Heiligen Geist – überall da und immer dann, wenn Gottes Wort nach dem biblischen Zeugnis der Apostel verkündigt wird. So dürfen wir dankbar erkennen, dass Gott zwar zürnen und strafen kann, dass seine Liebe aber unendlich viel größer ist als sein Zorn. So dürfen wir staunend erleben, dass wir den himmlischen Vater in seinem Sohn Jesus Christus finden können. Und so dürfen wir verlässlich wissen, dass unsere Sünde uns nicht auf ewig von ihm trennt, sondern dass er sie uns vergibt, wenn wir von unseren verkehrten Wegen umkehren und Jesus vertrauen. Von Natur aus Unwissende in Sachen Gottes­erkenntnis, werden wir durch Jesus und sein Evangelium Wissende.

Wir kommen nun zum dritten Teil unseres Abschnitts, zur Einladung Jesu. Er sagte: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ Nicht Starke und Erfolg­reiche lädt Jesus ein, nicht Weise und Gebildete, sondern „Mühselige und Beladene“ – heute würden wir sagen: Erschöpfte und Belastete. Nicht die Tüchtigen, denen selbst alles gelingt, brauchen Jesus, sondern die Un­tüchtigen, die bei allen Mühen dauernd scheitern und ihre Grenzen erleben. Hatte Jesus im ersten Teil Gott für die Unmündigen gelobt und im zweiten Teil über die Unwissenden gelehrt, so lädt er ihm dritten Teil die Untüchtigen ein. Und er verspricht ihnen etwas, das die Tüchtigen mit ihrer Tüchtigkeit und die Erfolg­reichen mit Erfolg nicht finden: nämlich Ruhe – Ruhe für die Seele. Wer Jesu Einladung folgt, kommt innerlich zur Ruhe, findet Frieden und Geborgen­heit. Auch im Wort „erquicken“ steckt diese Ruhe drin; im griechi­schen Urtext finden wir da denselben Wortstamm. „Ich will euch erquicken“ heißt wörtlich: „Ich will euch eine Pause ver­schaffen“; und „Ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen“ heißt wörtlich: „Ihr werdet eine Seelenpause finden.“ Sogar der Himmel wird an manchen Stellen der Bibel als ein Zustand der Ruhe bezeichnet – himmlische Ruhe! Diese Ruhe bedeutet freilich nicht, dass es mucks­mäuschen­still ist; sie kann durchaus mit Lobgesängen und schöner Musik gefüllt sein. Diese Ruhe bedeutet vielmehr: Ich muss mir und und anderen nicht mehr beweisen, was ich für ein toller Kerl bin. Am aller­wenigsten muss ich das Gott beweisen, denn er nimmt mich Mühseligen und Beladenen, mich Erschöpften und Belasteten durch Jesus an. Ja, bei Gott brauche ich mir nichts zu verdienen und kann mir auch gar nichts verdienen. Wohl dem, der erkennt, wie erschöpft und belastet er vor Gottes Angesicht dasteht um seiner Sünde willen! Wohl dem, der von sich sagen kann: „Ich armer, elender, sündiger Mensch!“

Nun ist es freilich nicht so, dass Jesus uns bei sich einfach nur passiv sein und ausruhen lässt. Jesus fordert uns durchaus und hat Er­wartungen. Jesus mutet uns auch neue Belastungen zu, andere Be­lastungen, das Kreuz der Nachfolge zum Beispiel. Aber die Ruhe für die Seele können uns diese Belastungen nicht rauben. Es ist ja eine sanfte Last – nicht so schwer, dass wir darunter zusammen­brechen müssten. Jesus hat in seiner Einladung gesagt: „Mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“

Jesus lobt, Jesus lehrt, Jesus lädt ein. Er lobt Gott für die Unmündigen, lehrt die Unwissenden rechte Gottes­erkenntnis und lädt die Untüchtigen ein, Ruhe zu finden für ihre Seelen sowie zur Nachfolge tüchtig zu werden. Lasst uns diese Einladung annehmen, diese Lehre hören und in dieses Lob einstimmen! Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2014.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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