Demut, Ehrlichkeit und Glaube

Predigt über 1. Mose 50,15‑21 zum 5. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Ja, das sind wir, weil Gott unser Vater ist und Jesus unser Bruder wurde: Brüder und Schwestern in Christus. Gemeinsam gehören wir zu Gottes Familie, zu Gottes Reich. Schön ist es, wenn wir uns aufgrund dieser Beziehung gut verstehen und füreinander da sind; selbst­verständ­lich ist es aber nicht. Es gibt Familien, in denen sich Geschwister gar nicht gut verstehen – angefangen von Streite­reien im Kinder­zimmer bis hin zu Streite­reien über das Erbe, das die ver­storbenen Eltern hinter­lassen haben.

Die Ge­schwister, von denen unser Predigttext handelt, haben sich auch gar nicht gut verstanden, jedenfalls in einer bestimmten Phase ihres Lebens. Josef, der zweit­jüngste von zwölf Brüdern, wurde von seinem Vater Jakob bevorzugt und verwöhnt; das ließ ihn zum Angeber unter seinen Brüdern werden: Er fühlte sich als etwas Besseres. Seine Brüder hassten ihn deswegen. Einmal planten sie sogar, ihn um­zubringen. Das taten sie dann zwar nicht, aber sie verkauften ihn als Sklaven und sagten ihrem Vater, ein wildes Tier habe ihn getötet. Josef wurde nach Ägypten verschleppt und erlebte dort harte Jahre – erst als Sklave, dann als Straf­gefangener. Gott nahm ihn in eine harte Schule, damit er Demut lernte. Erst dann fügte Gott es so, dass Josef zum zweit­mächtigsten Mann von Ägypten aufstieg. In dieser Position managte er die ägyptischen Staats­reserven an Getreide so geschickt, dass in einer sieben­jährigen Dürrezeit immer noch genug für alle vorhanden war; sogar dem be­nachbarten Ausland konnte er Korn verkaufen. Auf diese Weise errettete er auch seine Brüder mit ihren Familien vor dem Hungertod. Er holte sie und seinen alten Vater nach Ägypten, wo er sie alle versorgte.

Dann starb der Vater, und Josefs Brüder hatten Angst, dass Josef sich nun an ihnen rächen würde für das Böse, was sie ihm einst angetan hatten. Immerhin war Josef so mächtig, dass er un­hinterfragt Todes­urteile verhängen konnte. Und auf seinen Vater brauchte er nun keine Rücksicht mehr zu nehmen; der war ja tot. In ihrer Angst taten Josefs Brüder das, was unser Predigttext auführlich beschreibt: Sie sagten Josef, sein Vater hätte noch zu Lebzeiten den Wunsch gehabt, dass Josef seinen Brüdern ihr Unrecht vergibt. Josefs Brüder speku­lierten darauf, dass Josef diesen Willen seines ver­storbenen Vaters respek­tieren und ihnen deswegen nichts tun würde. Josef durch­schaute die Strategie seiner Brüder, und das machte ihn traurig. Er hatte ihnen ja schon längst vergeben, und er war enttäuscht, dass sie offenbar noch immer kein Vertrauen zu ihm hatten. So kam es zu einer Begegnung zwischen ihm und seinen Brüdern, in der er bemerkens­werte Worte fand. Diese Worte zeigen drei gute Eigen­schaften an ihm: erstens Demut, zweitens Ehrlich­keit, drittens Glaube. Es sind nicht irgend­welche guten Eigen­schaften, sondern es handelt sich um die wichtigsten christ­lichen Tugenden. Jesus selbst hat sie in seinen Erdentagen gezeigt: Demut, Ehrlichkeit und Glaube. Auch wir tun gut daran, diese Eigen­schaften nach dem Vorbild Josefs und vor allem nach Christi Vorbild an­zustreben: Demut, Ehrlichkeit und Glaube.

Da ist erstens die Eigenschaft der Demut. Josef sagte seinen Brüdern: „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?“ Damit meinte er: Ich bin nicht euer Richter; letztlich ist nur Gott Richter. Ich bin nicht befugt, mich an euch zu rächen für das Böse, das ihr mir angetan habt. Damit verzichtete er auf den Gebrauch seiner Macht­position, obwohl selbst seine eigenen Brüder damit rechneten, dass er diese Macht­position gebrauchen würde, um sich an ihnen zu rächen. Josef handelte demütig. Und diese Demut ist nichts anderes als wahre brüderliche Liebe – eine Liebe, die bereit ist, zu verzeihen.

Auch Jesus handelte demütig. Er ist der eingeborene Sohn Gottes, und er hat damit die höchste Macht inne. Ihm ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. Er hat auch die höchste richter­liche Macht, und wenn er am Jüngsten Tag sichtbar wieder­kommen wird, dann wird er sie auch ausüben. Aber als er das erste Mal auf Erden kam, da verzichtete er weitgehend auf den Gebrauch seiner göttlichen Macht und wurde ein einfacher, schlichter, armer Mensch. Im Philipper­brief heißt es von ihm: „Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechts­gestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“ (Phil. 2,6‑8) Jesus ließ sich dazu herab aus lauter Liebe – auch bei ihm hängt die Demut unlöslich mit Liebe zusammen. Aus Liebe opferte er sich für uns Sünder auf, um uns zu erlösen.

So steht es auch uns als Jesu Jüngern gut an, nach Josefs Vorbild demütig zu sein. Selbst wenn Gott uns eine gewisse Macht gegeben hat in dieser Welt, sollen wir die nicht selbst­herrlich gebrauchen oder damit auf­trumpfen. Vielmehr sollen wir uns dem himmlischen Vater unterordnen und alles seiner Gerechtig­keit anbefehlen. Menschliche Macht soll nur dazu dienen, die Dinge in der Welt gut zu ordnen zum Wohl aller Menschen, nie aber, um sich damit über andere zu erheben oder sich gar an ihnen zu rächen. Im persön­lichen Umgang mit den Mitmenschen soll vielmehr die Liebe dominieren, deren Herzstück die Demut ist: die Bereit­schaft, dem andern seine Sünde nicht heim­zuzahlen; die Bereit­schaft, lieber etwas Böses ein­zustecken und es herunter­zuschlucken, als es mit Bösem zu vergelten. Das Neue Testament fordert uns an vielen Stellen zu solcher Feindes­liebe auf.

Die zweite Eigenschaft ist die Ehrlich­keit. Josef sagte seinen Brüdern: „Ihr gedachtet es böse zu machen.“ Er sagte es ohne Bitterkeit und ohne drohenden Unterton, er stellte einfach sachlich fest: Ihr habt etwas Böses im Sinn gehabt; ihr wolltet mich damals aus dem Weg schaffen, weil ihr euch über mich geärgert habt; ihr habt euch an mir und an Gott versündigt. Diese Tatsache lässt sich nicht leugnen, auch wenn Josef seinen Brüdern schon längst vergeben hatte und darauf ver­zichtete, sich an ihnen zu rächen. Es wäre falsch, Dinge unter den Teppich zu kehren oder Sach­verhalte zu verdrehen, um damit eine schöne Illusion zu stützen. Nein, Josef liebte die Wahrheit; er war ehrlich genug, um in Gegenwart seiner Brüder fest­zustellen: Bei uns herrschte nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen.

Auch Jesus war in seinem Reden und Wirken absolut ehrlich, absolut wahrhaftig. Er hatte Umgang mit Huren, Zöllnern und anderen Sündern, aber er nahm dabei nie ein Blatt vor den Mund. Er ver­schleierte ihre Sünden nicht, sondern nannte sie beim Namen. Er sagte den Sündern nie: Das ist nicht schlimm, was ihr tut; vielmehr rief er sie zur Umkehr auf. Auch den Mächtigen seiner Zeit sagte er stets un­erschrocken und ohne Rücksicht auf persönliche Nachteile die Wahrheit – den Vertretern des Hohen Rats zum Beispiel oder dem römischen Statthalter Pontius Pilatus. Vor letzterem bekannte er auch: „Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll“ (Joh. 19,37).

So steht es auch uns als Jesu Jüngern gut an, nach Josefs Vorbild ehrlich zu sein. Wir sollten nicht so tun, als sei mit uns und mit den anderen alles in Ordnung. Es ist eine völlig weltfremde Illusion zu meinen, dass alle Menschen im Grunde ihres Herzens lieb sind. Wir sollten so ehrlich sein, dass wir immer wieder in der Beichte vor Gott treten und bekennen: Ich gedachte es böse zu machen. Und wenn andere Menschen sich an uns versündigt oder uns weh getan haben, dann sollen wir ihnen das ruhig sagen und nicht so tun, als sei alles in Ordnung. Wohl­bemerkt: Ihnen sollen wir es sagen, nicht anderen in ihrer Abwesen­heit. Josef hat die Sünde seiner Brüder ja auch nicht in ganz Ägyptenland herum­getratscht, sondern hat sie direkt mit ihnen besprochen – sozusagen unter 24 Augen.

Die dritte Eigenschaft ist der Glaube. Josef sagte seinen Brüdern: „Gott gedachte es gut zu machen.“ Er dachte daran, dass er ja nur durch die böse Tat der Brüder nach Ägypten kam und dass Gott ihm hier in Ägypten die Möglichkeit geschenkt hatte, sie alle vor dem Hungertod zu bewahren. Das heißt nicht, dass aus der bösen Tat der Brüder plötzlich eine gute Tat geworden ist. Es heißt aber, dass Gott aus der bösen Tat der Brüder etwas gemacht hat, was letztlich allen zum Segen wurde. Dies zu erkennen ist Glaube – das Vertrauen, dass Gott alle Dinge zum Besten kehrt, auch wenn das lange Zeit nicht so aussieht.

Auch Jesus zeigte in seinen Erdentagen Glauben und grenzen­loses Vertrauen zum himmlischen Vater. Kurz bevor er den bösen Mächten dieser Welt aus­geliefert wurde, betete er voller Angst: „Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“ (Lukas 22,42). Er vertraute nach wie vor darauf, dass Gott aus dem Bösen, dass die Menschen mit ihm vorhatten, etwas Gutes machen würde. Und der Vater machte daraus das Beste, was die Welt je gesehen hat: die Erlösung am Kreuz.

So steht es auch uns als Jesu Jüngern gut an, nach Josefs Vorbild gläubig zu sein. Wie oft kriegen wir Angst und Zweifel angesichts von soviel Bosheit in der Welt – die Bosheit an den Krisen­herden der Erde, die Bosheit unserer Mit­menschen, die Bosheit auch in unserm eigenen Herzen. Sollte Gott uns da nicht schon längst als hoffnungs­lose Fälle verworfen haben? Sollte er das Experiment Menschheit nicht schon längst für gescheitert erklärt haben? Nein, wir haben allen Grund, am Glauben fest­zuhalten. Lasst uns also weiter darauf vertrauen, dass Gott uns niemals im Stich lässt, denn das hat er ja durch Jesus ver­sprochen. Auch wenn noch so viele Menschen es böse zu machen gedenken und auch wenn sie noch so oft damit Erfolg zu haben scheinen – es gilt nach wie vor das, was Josef seinen Brüdern vertrauens­voll bezeugte: „Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.“ So ist es auch heute, nach Christi Auf­erstehung, deutlich klar und „am Tage“, dass Gott um Jesu Tod und Auf­erstehung willen das große Volk der Christen­heit am Leben erhält für alle Ewigkeit. Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2012.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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