Wir müssen beten

Predigt über 1. Timotheus 2,1‑6a zum Sonntag Rogate

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Wir müssen beten. Gott hat es uns im 2. Gebot befohlen. Dass wir Gottes Namen nicht unnütz gebrauchen sollen, bedeutet ja in der Umkehrung, dass wir ihn recht gebrauchen sollen – wie Martin Luther es im Kleinen Katechismus trefflich formuliert hat: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir… ihn in allen Nöten anrufen, beten, loben und danken.“ Gottes Wort erinnert uns an vielen Stellen: Wir müssen beten! Auch das Gotteswort, das wir eben gehört haben, legt es uns ans Herz. Der Apostel Paulus schrieb: „So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen…“

Da merken wir: Gott trägt uns nicht nur allgemein auf zu beten, sondern er trägt uns auch auf, was wir beten sollen. Unser Gotteswort wird sogar noch konkreter: Es heißt, dass wir besonders „für die Könige und für alle Obrigkeit“ beten sollen. Heute müsste man sagen: für die Regierungen und für alle Machthaber. Also: für unsern Bürger­meister und für alle, die hier in dieser Stadt das Sagen haben; für die Ab­geordneten in Kreis, Land und Bund; für alle Minister und Staats­sekretäre; für unsern Minister­präsidenten, die Bundes­kanzlerin und den Bundes­präsidenten; für alle Regierenden in der Welt (besonders jetzt nach den Wahlen in Frankreich und Griechen­land); für die politischen Führer in Krisen­staaten (egal, ob sie die Krisen mit­verschuldet haben oder nicht); für die Wirtschafts­führer, die mit ihrem Kapital ungeheuer viel Gutes, aber auch viel Schaden in der Welt anrichten können; für die Medien­leute, die durch Meinungs­bildung nahezu unbemerkt große Macht ausüben; für Eltern, Lehrer und Erzieher, von denen es wesentlich abhängt, wie gut die junge Generation auf das Leben in unserer kompli­zierten Welt vorbereitet ist… Es gibt ganz viele ver­schiedene Arten von „Obrigkeit“, die unsere Fürbitte nötig hat, weil sie in der einen oder anderen Weise, sei es offen oder verborgen, Macht über andere ausübt.

Ja, wir müssen beten, ganz besonders für alle Machthaber. Was aber sollen wir für sie beten? Worum sollen wir Gott bitten? Dass sie gesund bleiben und ein langes Leben haben? Dass sie uns ein Leben in großem Wohlstand ermöglichen? Dass Frieden, Freiheit und Gerechtig­keit herrschen? Auch diese Frage beantwortet unser Gotteswort. Da heißt es: „… damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.“ Ja, dafür sollen wir beten, dass die Machthaber die Voraus­setzungen dazu schaffen.

„Frömmig­keit und Ehrbarkeit“, das hört sich nun allerdings ein bisschen verstaubt an. Ist es aber nicht. In Wirklich­keit geht es hier um wichtige Grund­rechte, die auch in unserer Zeit höchst aktuell sind. Nur wenn die Machthaber uns freie Religions­ausübung gewähren, können wir unsere „Frömmig­keit“, also unsern christ­lichen Glauben, ungehindert leben – eben in Ruhe und Frieden. Und nur, wenn die Menschen­würde nicht angetastet wird, die „Ehrbar­keit“, haben wir die Möglich­keit, unser Leben so zu gestalten, wie wir es als Christen für richtig halten. Für die jüngeren Leute, die in Deutschland auf­gewachsen sind, erscheint das selbst­verständ­lich. Ältere haben teilweise schon anderes erlebt und wissen es nun zu schätzen, dass wir in unserm Land die hohen Güter der Religions­freiheit und der Menschen­würde genießen dürfen.

Es leben jetzt eine ganze Reihe von Iranern in Deutsch­land; einige von ihnen sind erst vor kurzem in Berlin und Leipzig getauft worden in unsern luthe­rischen Gemeinden. Die können erzählen, wie sie in ihrer Heimat verfolgt wurden, nur weil sie den Wunsch geäußert hatten, Christen zu werden. Die können Folter­wunden an ihrem Körper zeigen, die ihnen Machthaber ohne Rücksicht auf die Menschen­würde zugefügt haben. Die atmen die freie Luft in Deutschland viel intensiver als wir; die können hier richtig aufatmen. Beten wir zu Gott, dass es so bleibt, dass uns Religions­freiheit und Menschen­würde erhalten bleiben. Und beten wir dafür, dass die grausamen Machthaber anderswo zur Besinnung kommen, dass sie Religions­freiheit und Menschen­würde achten lernen – im Iran zum Beispiel, oder in Syrien. Ja, lasst uns beten für „alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.“

Und lasst uns dafür danken, dass wir unter Bedingungen leben, in denen sich der christliche Glaube frei entfalten kann. Wenn wir das tun, sollten wir dabei allerdings nicht selbst der Ausbreitung des Evangeliums im Wege stehen. Das heißt: Wir sollten nicht schweigen, wenn wir Gelegenheit haben, von Gott und seiner Liebe in Jesus Christus zu reden. Wir können ganz sicher sein: Jeder Mensch, der uns begegnet, wird von Gott geliebt – egal wie un­sympathisch er uns erscheinen mag; egal auch, wie böse oder gemein er sich verhält. Jeden Menschen lädt Gott ein, durch Jesus sein Kind zu werden und das ewige Leben zu erben. Paulus schrieb: „Dies ist gut und wohl­gefällig vor Gott, unserm Heiland, welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrhei kommen.“ Ja, Gott will, dass alle Menschen zur Wahrheit finden – nicht zu irgend­welcher philo­sophischen Wahrheit, sondern zu der Wahrheit in Person, der Fleisch gewordenen Wahrheit. Jesus hat gesagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh. 14,6). Gott will uns dazu gebrauchen, dass andere Menschen von dieser Wahrheit in Person hören und ihr auf diese Weise ein Stück näher kommen. Wir beten um gute äußere Voraus­setzungen dafür – um ein Umfeld der Religions­freiheit und Menschen­würde – , und wir sind dankbar, dass wir unter solchen Voraus­setzungen leben können. Lasst uns diese Voraus­setzungen auch kräftig nutzen und unsern Mitmenschen die Liebe Gottes in Jesus Christus nahe­bringen!

Zum Schluss unseres Abschnitts erläutert Paulus näher, was es mit dieser Wahrheit in Person auf sich hat. Er schrieb: „Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung.“ Wusste Timotheus das nicht längst? Wissen wir das nicht längst? Haben wir das nicht schon unzählige Male gehört; ist das nicht schon unzählige Male gepredigt worden? Natürlich. Und dennoch sollen wir es immer wieder hören und bedenken. Wer die Briefe des Apostels Paulus liest, der wird andauernd auf solche Ent­faltungen des Evangeliums stoßen: Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch, ist unser Mittler geworden, der Versöhner zwischen Gott und Sünder; dafür hat er sich selbst geopfert mit seinem Sterben am Kreuz. Ja, das sollen wir immer wieder hören, das soll sich tief in unser Herz einbrennen, denn das ist die christliche Kern­wahrheit, die Haupt­botschaft von Gottes Wort, unsere Lebens­grundlage für Zeit und Ewigkeit. Gott möchte, dass es die Lebens­grundlage für alle Menschen wird.

Jesus ist der Mittler geworden zwischen Gott und den Menschen – er, der beides ist: ganz Gott und zugleich ganz Mensch. Er hat mit seinem Kreuz die Brücke gebaut, die den Graben der Sünde zwischen uns und unserm Schöpfer überbrückt. Frei und ungehindert kommen wir über diese Brücke zu Gott und erfahren seine Nähe. „Vater“ dürfen wir zu ihm sagen und ihm alles an­vertrauen, was uns bewegt. Nichts anderes ist Beten: Dass wir Gott vertrauens­voll alles sagen, was uns bewegt. Wir danken ihm für das, was uns freut. Wir bitten ihn für das, was uns Not macht und wo wir Hilfe brauchen. Wir bringen das alles über die Brücke des Kreuzes zu ihm, über den Mittler Jesus Christus. In seinem Namen beten wir, wenn wir beten. Ja, als Christen müssen wir beten – wir können gar nicht anders, es ist einfach ein Teil unseres Lebens. Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2012.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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