Bei Gott sind alle gleich viel wert

Predigt über Matthäus 23,1‑12 zum 11. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Vor langer, langer Zeit haben die Pastoren im Sitzen gepredigt, und die Lehrer haben im Sitzen gelehrt. Meistens benutzten sie dafür besondere Stühle, auf denen kein anderer sitzen durfte. Diese Stühle nannte man „Katheder“. Die großen Kirchen, in denen Bischöfe ihre Predigt­stühle stehen hatten, nannte man deswegen „Kathe­dralen“. Und die Sockel, auf denen in alten Klassen­zimmern die Stühle der Lehrer standen, nannte man wie die Stühle selbst „Katheder“. Das Wort kommt aus dem Griechi­schen. Wir finden es wieder in unserm heutigen Predigt­text. Jesus sagte: „Auf dem Stuhl (bzw. auf dem Katheder) des Mose sitzen die Schrift­gelehrten und Pharisäer.“ In den Synagogen, den Gottes­häusern der Juden, gab es Katheder, auf denen Lehrer saßen, die das Gesetz des Mose und das ganze Alte Testament auslegten. Auch über die Zehn Gebote predigten sie von diesem „Stuhl des Mose“ aus, denn die Zehn Gebot gehören zum wichtigsten Teil der Gesetze, die Gott durch den Propheten Mose erließ.

Wenn nun so ein Lehrer-Stuhl, so ein Katheder, höher steht als die anderen Stühle, bedeutet das, dass ein Lehrer über den Schülern steht? Oder dass ein Pastor über seiner Gemeinde steht? Oder dass die Schrift­gelehrten damals über dem Volk standen? Jesus antwortete in der folgenden Rede mit ja und nein zugleich. Er sagte: „Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln: denn sie sagen's zwar, tun's aber nicht.“ Und dann folgen Beispiele dafür, was die Schrift­gelehrten alles falsch und schlecht machen. Stehen sie also über dem Volk? Ja, sagte Jesus, wenn sie Gottes Gesetz lehren, dann stehen sie damit über dem Volk, denn dann sind sie Sprachrohre Gottes. Gottes Wort in ihrem Mund muss geehrt und beachtet werden, auch wenn die, die es lehren, fehlbare Menschen sind. Es ist genauso wie bei einem Lehrer, der immer nur ganz schlampig kopierte Arbeits­blätter austeilt, aber von den Schülern verlangt, dass sie ihre Hefter ordentlich führen. Die Schlampig­keit des Lehrers ist keine Ent­schuldigung für die Schüler, selber schlampig zu sein; sie müssen auch in diesem Fall die Anordnung des Lehrers achten und respek­tieren. Das bedeutet aber nicht, dass Lehrer grund­sätzlich wertvollere Menschen sind als Schüler, nur weil sie etwas älter sind und etwas schlauer. Auch wenn einer mehr Geld verdient als ein anderer, ist er deswegen nicht wertvoller. Auch nicht, wenn jemand schneller laufen kann oder höher springen oder besser Fußball spielen oder schöner singen. Dasselbe gilt für Pastoren. Zwar habe ich das Amt, euch Gottes Wort zu sagen, und ihr tut gut daran, dass ihr es auch annehmt. Ansonsten aber bin ich ein Mensch wie du und ich; nicht besser und nicht schlechter als ihr. Jesus könnte eine ganze Menge Un­rühmliches auch über mich erzählen, wie er es damals über die Schrift­gelehrten und Pharisäer erzählte. Wenn ich beim Predigen oben auf der Kanzel stehe, dann heißt das nicht, das ich würdiger oder wertvoller bin als ihr, sondern dann hat das vor allem praktische Gründe: Auf diese Weise kann man mich am besten hören. Als Mitmensch bin ich kein bisschen höher als ihr.

Jesus hat seinen Jüngern ein­geschärft, dass sie das unter­einander beherzigen sollen: Keiner soll sich über den anderen erheben, und keiner soll einen anderen in solchem Eigenruhm bestärken. Keiner soll einen Mitchristen so ehren, als ob er sein Vater wäre; erst recht soll er ihn nicht dem Vater im Himmel gleich­stellen. Jesus sagte: „Ihr sollte euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. Und ihr sollte niemanden unter euch Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist. Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus.“

Ja, Jesus Christus selbst ist eine Ausnahme. Er ist nämlich fehlerlos. Er lebte so, wie er lehrte. Beides, seine Lehre und sein Leben, lässt sich mit dem Begriff „grenzen­lose Liebe“ be­schreiben. Er lehrte nicht nur das Gesetz, sondern er lehrte vor allem, wie ein Sünder frei werden kann von der Ver­urteilung des Gesetzes: nämlich durch den Glauben an ihn. Und er gab sich selbst dafür hin, starb dafür am Kreuz aus lauter Liebe. Bei Jesus stimmen Lehre und Leben hundert­prozentig überein. Darum ist er zusammen mit dem himmlischen Vater und dem Heiligen Geist hoch über uns Menschen erhaben, in jeder Beziehung. In unserer Kirche kommt das dadurch zum Ausdruck, dass das Bild Christi besonders heraus­gehoben im Mittelpunkt des Altarraums steht. Christus hat hier das Sagen; er sitzt auf dem Katheder; es ist seine „Kathe­drale“. Nichts soll hier gelehrt werden, was nicht seine Lehre ist.

Und seinetwegen sind wir Menschen hier alle gleich wertvoll, denn wir sind durch ihn alle Gottes Kinder. Das neu getaufte Kind ist im Reich Gottes kein bisschen geringer als ein Pastor oder ein Super­intendent oder ein Bischof. Und wenn jemand darum wetteifern möchte, der Größte zu sein, dann tue er es damit, dass er am meisten liebt und am meisten den anderen dient. Wie sagte Jesus am Abschluss seiner Predigt? „Der Größte unter euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht.“ Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2011.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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