Heilige haben es gut

Predigt über Matthäus 5,1‑12 zum Gedenktag der Heiligen

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

An jedem 1. November feierte der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise ein großes Fest in seiner Residenz­stadt Wittenberg. Im Mittelpunkt dieses Festes standen alte Knochen – Menschen­knochen! Diese Knochen wurden in kostbaren Behältern aus­gestellt. Angeblich waren es die sterblichen Überreste längst ver­storbener berühmter Christen. „Reliquien“ nannte man diese Knochen. Friedrich der Weise besaß eine große Sammlung davon. Jedes Jahr am 1. November, am Aller­heiligen­tag, strömten viele Menschen nach Wittenberg, um diese Reliquien zu bewundern. Und nicht nur das: Man betete auch in ihrer Nähe. Viele glaubten, dass wunder­heilende Kräfte von ihnen ausgehen. Man kniete nieder und bat einen längst ver­storbenen Heiligen, von dem sichtbar nur noch ein paar Knochen übrig waren, um Fürsprache bei Gott im Himmel. Im Jahre 1517 nutzte Martin Luther die Gelegenheit des Aller­heiligen­festes, um den Gelehrten unter den vielen frommen Touristen seine 95 Thesen über den Ablass­handel bekannt zu machen. Er schlug sie am Vorabend des Festes, am 31. Oktober, an die Tür der Witten­berger Schloss­kirche. Darum feiert die evan­gelische Christen­heit einen Tag vor dem römisch-katholi­schen Aller­heiligen­fest ihr Reformations­fest. Dass man in der dazwischen liegenden Nacht das unfromme Halloween begeht, kommt daher, dass man sich vor allem im englisch­sprachigen Raum allerlei Spuk­geschichten zu erzählen pflegte von Heiligen, die vor ihrem großen Festtag am 1. November als Toten­geister auf den Friedhöfen sichtbar wurden; „Halloween“ heißt eigentlich „All-Hallows-Even“, zu deutsch: „Aller­heiligen-Abend“.

Nun, dieser Halloween-Aberglaube ist ebensolcher Unsinn wie das Anbeten von Reliquien. Auch sollen wir uns von ver­storbenen Heiligen keine Hilfe erwarten und auch nicht zu ihnen beten; die Bibel macht uns da keine Hoffnung auf Erhörung. Martin Luther und die Refor­matoren haben die römisch-katholische Heiligen-Anbetung daher auch zu Recht abgelehnt. Aber man sollte das Kind nicht mit dem Bade aus­schütten. Dass man an Christen früherer Gene­rationen denkt und sie sich zum Vorbild nimmt, das ist durchaus gut und richtig. Und darum ist es nicht verkehrt, den Gedenktag der Heiligen am 1. November auch in der evan­gelischen Kirche zu begehen. Im Augsburger Bekenntnis, der Haupt-Bekenntnis­schrift der Lutheri­schen Kirche, heißt es im 21. Artikel: „Über die Verehrung der Heiligen wird von den Unseren gelehrt, dass man der Heiligen gedenken soll, damit unser Glaube dadurch gestärkt wird.“

Von Heiligen handelt auch der Anfang der Berg­predigt. Er besteht aus den berühmten Selig­preisungen, die wir eben als Predigttext gehört haben. Und da lernen wir zunächst: Heilige haben es gut! Sie werden „selig“ genannt. Sie sind glücklich, sie können sich freuen, sie haben gewisser­maßen das große Los gezogen. Heilige sind Selige – heilig und selig gehören untrennbar zusammen. Und wir erkenn zugleich: Heilige sind Jünger Jesu, denn Jesus spricht diese Selig­preisungen seinen Jüngern zu, als er auf dem Berg predigt.

Heilige müssen nicht unbedingt tot sein; Jesus wendet sich mit seinen Selig­preisungen ja an Lebende. Sich freuen und selig sein kann man als Jünger Jesu bereits in diesem Leben. Und wir merken ebenfalls: Heilige müssen keine Super­frommen sein. Jesus beschreibt sie als ganz normale Christen: Heilige sind demütig und geistlich arm; sie wissen, dass sie bei Gott nicht den starken Mann markieren müssen. Heilige haben ein reines Herz, sind ohne Hinterhalt und schmutzige Gedanken. Heilige sehnen sich nach Gottes Gerechtig­keit, und sie sehnen sich auch nach Gerechtig­keit und Frieden unter den Menschen. Darum versuchen sie, Frieden zu stiften und anderen Menschen Gutes zu tun. Obgleich Heilige es gut haben, so bleibt ihnen doch das Kreuz der Nachfolge nicht erspart: Sie erfahren Leid und Trauer wie andere Menschen, und sie werden darüber hinaus noch oft genug wegen ihres Glaubens verspottet oder sogar verfolgt. Ja, so beschreibt Jesus die Heiligen: keine Super­frommen, sondern ganz normale Christen.

Allerdings sagt Jesus nicht, dass es diese Eigen­schaften sind, die sie heilig und selig machen. Er sagt nicht: „Ihr seid selig, weil ihr ein reines Herz habt“, auch nicht: „Ihr seid selig, weil ihr Frieden stiftet“ oder „weil ihr barmherzig handelt“. Der Grund zur Freude liegt bei den Heiligen nicht in ihren Eigen­schaften oder irgend­welchen frommen Tugenden, sondern der Grund zur Freude liegt bei dem, was Jesus jeweils in der zweiten Hälfte seiner Selig­preisungen sagt: „… denn ihnen gehört das Himmel­reich; … denn sie sollen getröstet werden; … denn sie werden Barmherzig­keit erlangen; … denn sie werden Gottes Kinder heißen;“ und so weiter. Jesus nennt da Geschenke, die den Heiligen gemacht werden, und diese Geschenke sind es, über die sich sich freuen können und die sie selig machen. Dabei ist selbst­verständ­lich klar, wer der Geber dieser Geschenke ist: der Vater im Himmel. Er schenkt den Heiligen das Himmel­reich, er tröstet sie in Traurig­keit, er ist ihnen barmherzig und vergibt ihre Sünden, er hat sie zu seinen Kindern gemacht. Noch einmal: selig sind die Heiligen nicht wegen ihres Tuns oder ihrer Frömmig­keit, sondern wegen Gottes Tuns und wegen Gottes Barmherzig­keit, die ihnen geschenkt wird!

Das sagt auch schon ihr Name aus. „Heilig“ bedeutet nämlich „zu Gott gehörig“. Heilige sind Menschen, die zu Gott gehören. Heilige gehören deshalb zu Gott, weil Gott ihnen seine Gemein­schaft geschenkt hat. Heilige gehören deshalb zu Gott, weil sie geheiligt sind durch das Blut, das Jesus am Kreuz für sie vergossen hat; darum ist Gott ihnen barmherzig und vergibt ihnen alle Sünden. Heilige werden von Gott angesehen wie sündlose Leute, weil alle ihre Sünden abgewaschen sind. Heilige sind in der Taufe vom Schmutz der Sünde gereinigt und Gottes Kinder geworden. Kurz gesagt: Heilige sind heilig allein durch Gottes Tun, durch sein Evangelium in Jesus Christus. Zum dritten Mal: Heilig-Sein ist keine Leistung, sondern ein Geschenk von Gott. Und darum haben Heilige es gut, und darum können sie sich freuen: weil sie von Gott so reich beschenkt worden sind – unverdienter­weise!

Liebe Gemeinde, jetzt merken wir es ganz deutlich: Heilige sind nicht nur tote, sondern auch lebendige Christen. Heilige sind nicht nur die etwa 12.000 Menschen, die von Päpsten im Laufe der Kirchen­geschichte heilig oder selig gesprochen wurden, sondern es sind alle Christen: Kinder und Greise und bereits Ver­storbene, Menschen mit starkem Glauben und Menschen mit schwachem Glauben, auffallend Fromme und Un­auffällige. Und weil ihre Heiligkeit von Gottes Gnaden­geschenk herkommt und nicht von ihren eigenen Leistungen, sind sie auch alle gleich heilig; da gibt es keine Rang­unter­schiede. Martin Luther hat einmal ge­schrieben: „Weil wir neu geboren, Gottes Kinder und Erben sind, so werden wir dem heiligen Paulus, dem heiligen Petrus, der Maria und allen Heiligen gleich an Würde und Ehre“. Und darum dürfen wir auch die Selig­preisungen unseres Herrn auf uns beziehen: Wir sind selig, wir haben es gut, wir haben Grund zur Freude, denn Gott hat uns ja Barmherzig­keit erwiesen, unsern Hunger und Durst nach Gerechtig­keit gestillt, zu seinen Kindern gemacht und in sein Reich auf­genommen. Wenn wir diese göttlichen Geschenke im Glauben annehmen und sie Grundlage unseres Lebens sein lassen, dann werden sich als Früchte dieses Glaubens auch die Dinge einstellen, mit denen Jesus die Heiligen bzw. Seligen beschrieben hat: Wir werden demütig und kindlich einfältig im Glauben, unser Herz wird rein, wir werden friedlich und barmherzig, und wir werden auch gewürdigt, unseren Teil an Kreuz und Leid in der Nachfolge des Herrn zu tragen – wir werden es dann tatsächlich als Aus­zeichnung ansehen können wie so viele andere Heilige vor uns.

Wenn wir uns also heute und vielleicht auch an anderen Tagen an bereits verstorbene Heilige erinnern, dann erinnern wir uns quasi an Kollegen, an Mit-Heilige, an Brüder und Schwestern im Glauben. Ich erinnere noch einmal an den Satz aus dem Augsburger Bekenntnis, der aussagt, warum wir das tun: „Über die Verehrung der Heiligen wird von den Unseren gelehrt, dass man der Heiligen gedenken soll, damit unser Glaube dadurch gestärkt wird.“ Es geht beim Heiligen-Gedenken um uns selbst, liebe Gemeinde! Unser Glaube wird stark, wenn wir betrachten, wie Gott Menschen vor uns das Heil geschenkt hat, oft auf ganz ver­schlungenen Lebenswegen und auf wunderbare Weise. Unser Glaube wird stark, wenn wir betrachten, was für erbärmliche Typen und grobe Sünder Gott bekehrt und zu Heiligen gemacht hat. Unser Glaube wird stark, wenn wir darauf achten, wie die Heiligen vor uns ihren Glauben bekannt und den Herrn Jesus Christus verkündigt haben. Und unser Glaube wird schließlich stark, wenn wir sie uns zum Vorbild nehmen und uns von Gottes Geist umgestalten lassen, damit wir ihm ebenso fröhlich dienen wie sie damals – ein jeder mit den Gaben, die Gott ihm schenkt, an dem Platz, an den er ihn hinstellt.

Es geht beim Heiligen-Gedenken also letztlich um uns selbst und um unseren Glauben. Nachdem Gott uns heilig gemacht hat, geht es nun darum, dass wir auch heilig leben und in dieser Heiligkeit bis ans Ende bleiben. Dabei hilft es, wenn wir uns in einer langen Kolonne von Heiligen sehen, die alle unterwegs sind zur ewigen Seligkeit. Es hilft, darauf zu achten, wo die Heiligen vor uns gehen und wie sie gehen. Denn dann werden wir gewiss, dass wir auch da ankommen, wo sie schon angekommen sind. Amen.

Diese Predigt wurde erstmals gehalten im Jahre 2009.

Autor: Pastor Matthias Krieser

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